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Das Business der volkstümlichen Musik hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Multimillionenmarkt entwickelt. Gleichzeitig hat sich das Erscheinungsbild dieser Musik verändert: Sie hat ihren Trachtenjanker und die Krachlederne abgelegt und gefällt sich nun in wechselndem Outfit. Auch die Rhythmen wurden anders. Sie sind ist härter geworden und schneller; kommen nicht mehr mit bajuwarischer Dumpfheit daher. Rock- und Popelemente sind eingeflossen; nicht nur in den Melodien, auch in der Präsentation. Wer beim Schürzenjäger-Open-Air im Zillertal war, der hat auch ein Rockkonzert gesehen. Für Siebzehnjährige ist der Besuch eines volkstümlichen Konzerts kein Tabu mehr. Sie erleben dort action, ebenso wie auf der Technofete am folgenden Wochenende. Die jugendlichen Fans haben ein Zeichenkonglomerat aufgebrochen, das volkstümliche Musik mit hohem Alter, Sepplhose und Gamsbarthut verbindet. Dabei wird die Mitgliedschaft in der Fangruppe zu einem wichtigen Bestandteil ihres Lebens. Aber eben nur zu einem Teil, nicht zum Ganzen: Das fandom steht gleichberechtigt neben dem Hobby des Angelns, der Motoradclique oder dem Sportverein. Jede dieser Tätigkeiten ist wie ein kleines Teil des gesamten Biographiepuzzles. Und jede dieser Tätigkeiten steuert ein Bedeutungsmusterstück bei, für das Verständnis (und die Konstruktion) der Wirklichkeit. So steht der Besuch eines volkstümlichen Konzerts auch für den Gang in eine Sinnprovinz, in der eine neue Rolle ausprobiert, mit deren Hilfe die Identität gebastelt wird. Wer am Wochenende im Bierzelt den Zillertaler Hochzeitsmarsch tanzt, der kann unter der Woche durchaus mit dem schweren Motorrad zum Studieren an die Uni fahren, im Sommer seinen Tramperurlaub in den Anden verbringen und regelmäßig mit Schlips und Kragen die Inszenierungen im Großen Haus in Stuttgart erleben. Mit dem Ausziehen des Club-T-Shirts wird auch die Identität gewechselt: "T-Shirt-Identität" hat das Hermann Bausinger einmal genannt. Dennoch bietet das fandom eine willkommene Möglichkeit, den Sinn des Lebens zu suchen - und zu finden. Es kann zum Mittelpunkt des Daseins werden, an dem alle anderen Lebensäußerungen gemessen werden. Es wird zum Baumaterial bei der Konstruktion der eigenen Wirklichkeit.
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| © Ralf Grabowski |