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Der volkstümliche Schlager transportiert in höchstem Maße konservative Werthaltungen! Blödsinn, entgegnen Volksmusikliebhaber häufig. In den Texten gehe es um Liebe und Leid, nicht um Politik und Streit. Unterhalten sollen sie, die schönen Weisen, nicht agitieren. Bausinger zeigt an Ganzhorns bereits erwähntem Lied Das Lied bietet ein Beschwichtigungsangebot und die Hintergrundmelodie zum "Weiter so!". Eben solche restaurativen Tendenzen lassen sich auch im neuen Typus des volkstümlichen Schlagers finden. Dabei bildet nicht allein der Text, sondern auch der Gestus der Interpreten und die Ästhetik der Aufführungsorte die Verpackung für solche politischen Inhalte. Transportiert werden via volkstümlichem Schlager Heimatliebe, extensiver Alkoholgenuß und traditionelle Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen. Volksmusik spendet Trost in einer durch Sinn-, Sicherheits- und Horizontverluste gekennzeichneten Zeit. Die Musik spricht Klartext und läßt den Schein des Bekannten aufflackern. Volksmusik als seelisches Krisenmanagement. Diese Kritik steht in Nachfolge von Horkheimer/Adorno, die an der sozialen Rolle des Schlagers ansetzen. Der Hörer weiß sich mit vielen anderen verbunden, fühlt sich eingegliedert und sozialisiert, obgleich sich an seiner tatsächlichen Situation nichts ändert. Denn der Schlager appelliert an eine lonely crowd, an Atomisierte und an Unmündige, "die des Ausdrucks ihrer Emotionen und Erfahrungen nicht mächtig sind." Der Schlager nach Adorno: eine Darbietung des Immergleichen, der der Konsument mit eingeschliffenen Reaktionen begegnet. Diese Passivität führt zu einer Abstumpfung des Hörens, zu einer Verflachung der Reize und wirkt als System "fortschreitender Verdummung". Ferner kritisiert ADORNO die ablenkende Kraft dieser Musik: "Die angebliche Wichtigkeit des Kulturlebens sabotiert das Bewußtsein des Wesentlichen." Nicht besser kommen die Konsumenten weg. Für Adorno wie Lemminge und willenlose Abhängige der Surrogate, die die Kulturindustrie ihnen vorsetzt. Ein weiterer Kritikpunkt setzt am "handwerklichen" oder ästhetischen Wert der Ware Volksmusik an. Dabei verkennt er, daß Musik längst zu einer Ware geworden ist, optimiert auf bestimmte Zielgruppe, getrimmt auf mit soziologischen Marktforschungsinstrumenten bestens ausgeleuchtete Konsumenten. Sie ist deshalb mit jedem anderen Konsumprodukt zu vergleichen. Massenkultur richtet sich weniger nach ästhetischen Kriterien von kulturellen Eliten, sondern nach dem Massengeschmack und nach optimalen Vermarktungschancen. Es ist also fraglich, ob der Kriterienkatalog der Ernsten-Musik überhaupt an die Unterhaltungsmusik angelegt werden darf, verhalten sich doch diese beiden Genres zueinander wie die berühmten Äpfel und Birnen: Sie sind schlicht inkompatibel, weil ihnen unterschiedliche Qualitätskriterien zu Grunde liegen. Popularität etwa, oder Stimmung wären Begriffe für U-Musik; Komplexität der Komposition und Virtuosität der Interpretation beispielsweise wären Kriterien der E-Musik.
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| © Ralf Grabowski |