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Den tiefgreifenden sozialen Wandel, der die westdeutsche Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat, wurde Mitte der 80er Jahren von Ulrich Beck als reflexive Modernisierung und Individualisierung beschrieben.

Denn im Laufe der Zeit wurden die Schichtmodelle immer komplizierter. Taugte zu Beginn dieses Jahrhunderts noch eine Schichtungspyramide, die in drei oder vier parallel zueinander liegende Etagen aufgeteilt war, wies die "Schichtungszwiebel" aus den 60er Jahren schon sieben einzelne Längsschnitte auf. Das modernisierte Schichtungshaus von Ralf Dahrendorf zeigt ineinander verschachtelte Stockwerke, Zimmer, die über mehrere Geschosse reichen, einen neugebauten Keller und zusätzliche Anbauten und Erker: Spiegelbilder der entschichteten, individualisierten Gesellschaft.

Doch auch nach Beck werden die sozialen Unterschiede nicht weggeräumt. Im Gegenteil: soziale Ungleichheit verschärft sich sogar. Der einzelne kann sich mit zunehmender Freiheit seine Beziehungs- und Interaktionspartner wählen und wird auf diese Weise immer mehr zum eigenen Herrn über seine Biographie.

Andererseits kann das Individuum bei der Gestaltung seines Lebens nicht mehr auf traditionell vorgegebene Muster zurückgreifen. In der plural ausdifferenzierten Alltagswelt gibt es keine kollektiven Interpretationen verschiedener sozialer Lagen mehr. Statt Beziehungsvorgabe nun die freie Beziehungswahl.

Dieser Prozeß der Individualisierung ist in sich jedoch widersprüchlich. Dem Herauslösen des Einzelnen aus der Gesellschaft korrespondiert die gegenläufige Tendenz, die Bildung neuer Gemeinsamkeiten. Die zunehmende Ausdifferenzierung geht einher mit einer zunehmenden Standardisierung und Kollektivierung verschiedener Erlebnismuster.

Die plurale Ausdifferenzierung hat eine solche Vielzahl von unterschiedlichen Lebensstilen und Subkulturen zur Folge, daß sowohl die Individuen, als auch die Institutionen nach übergreifenden Schematisierungen nachfragen. Wegen der drohenden neuen Unübersichtlichkeit entsteht Orientierungsbedarf, der sich in einer Schematisierung niederschlägt.

Genau an diesem Punkt knüpft Gerhard Schulze an. Durch das Zusammenfassung immer größerer Objektmengen zu Zeichenklassen wird seiner Ansicht nach die Übersicht gewahrt. Lesen Sie weiter.

 

In seinem Buch "Risikogesellschaft" entfaltet er eine Theorie, nach der die alten Klassenstrukturen der nun nicht mehr modernen Großgruppengesellschaft immer mehr aus dem Bewußtsein des Einzelnen verschwinden und im alltäglichen Handeln, in den konkreten Interaktionen oder in Sozialbeziehungen nicht mehr erkennbar sind. Statt dessen entstehen individualisierte, soziale Lagen, in denen das Individuum aus den bisher geltenden Lebenszusammenhängen herausgelöst ist. "Der oder die einzelne selbst wird zur lebensweltlichen Reproduktionseinheit des Sozialen."
  top  |   02.02.1999 E-Mail | Home | ?
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© Ralf Grabowski