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Es findet sich wohl kaum ein Veranstaltungsort, der einen besseren Ausdruck für deutsche Gemütlichkeit bietet, als das Bierzelt. In ihm kommt viel bessere Stimmung auf als in einer der überall in Deutschland gleich aussehenden Mehrzweckhallen. Obwohl Hallen die entschieden bessere Akustik aufweisen, obwohl sie besser beheizt und belüftet werden können, obwohl die Sitzgelegenheiten in Hallen die bequemeren sind - kurz: obwohl die Halle die objektiv besseren Merkmale aufweist - wird sie als Veranstaltungsort nicht akzeptiert. Bier-Zelt: Zwei Wörter, die den Inhalt volkstümlicher Schlagermusik vorwegnehmen: Das Zelt: heimelige, archaische, unsaubere Unterkunft. Nichts gediegenes, ein Ort, an dem man sich auch mal schmutzig machen darf. Das Bier schließlich, die populärste Form des Alkohols, steht für Durst, Körperlichkeit, Kraft. Das bräunliche Getränk ist nicht mehr reines Nahrungsmittel, das es bis weit ins 17. Jahrhundert für die Bevölkerung war, es ist aber auch kein reines Genußmittel. Es steht dazwischen und beinhaltet beide Aspekte. Im Laufe vieler Jahrhunderte wurde es mit Bedeutung aufgeladen und ist zum Symbol fürs Erwachsenwerden, für kraftmeierischen Habitus geworden. Nicht umsonst wird Handwerkern ein Bier hingestellt, gilt der Gerstensaft als Nahrungsmittel der Bauarbeiter. Ganz im Gegensatz zum konkurrierenden Wein, dem edlen Getränk für bessere Gelegenheiten, wird ein Bier, dank seines relativ geringen Alkoholgehalts, auch im Alltag schnell geöffnet und darf sogar sanktionslos aus der Flasche genossen werden. Bier trinkt sich nicht gut allein; es ist ein geselliges, kommunikationsförderndes Getränk, mit dem es sich, natürlich unter strengster Beachtung diverser Kneipenregeln, gut Zuprosten läßt. Alkohol ist die heimliche Droge in der Bundesrepublik. Kein Wunder, daß Alkohol auch in den Texten des volkstümlichen Schlagers eine große Rolle spielt. Der Alkohol "ist dort Freund und Lebenshelfer des Mannes, Kommunikationsmittel unter Männern, er löst sexuelle Hemmungen der Frauen. Auch auf volkstümlichen Musikveranstaltungen ist der Alkoholgenuß im wahrsten Sinn des Worts und mit offiziellem Segen der Musiker auf der Bühne heilig. Folgende Episode notierte ich in meinem Feldtagebuch:
Das Konzerte fand im Rahmen einer Vereinsfeier statt. Das erklärt die Aufforderung zum verstärkten Bierkonsum. Denn die veranstaltenden Vereine verdienen nicht nur am Eintritt (zumeist gehen diese Gelder komplett für die Gage drauf), sondern auch am Geld, das die Besucher auf den Tresen der Servicestationen liegen lassen. Das Bier spielt auch bei der Gestaltung des Raums eine wesentliche Rolle. Sehr häufig befindet sich im hinteren Teil des Zelts ein separater Weizenbierstand, der als Enklave im großen Raum des Bierzeltes wirkt - ein Ort der Kneipenatmosphäre. Der Standort gerade im rückwärtigen Teil bietet zwei Vorteile: Zunächst funktioniert dieser Stand als Blickfang beim Betreten des Zelts. Die überschaubare ausgeschenkte Menge (0,3 Liter) animiert zu einem schnellen Einstiegstrunk, zumal die meisten Besucher wenigstens eine halbe Stunde vor angekündigtem Programmbeginn ins Zelt kommen, um gute Sitzplätze zu ergattern. Der Weizenbierstand als rite de passage, das kleine Gläschen Weizen als Initialisierungstrunk und Einstimmung auf die kommende Sause. Man ist wohl schon am Ort des Geschehens, hat seinen Sitzplatz bereits mit einem persönlichen Gegenstand markiert und muß trotzdem nicht "nutzlos" dasitzen. Am Tresen stehend behält man den Überblick. Das kleine Glas ist schnell geleert, und bietet für den Veranstalter eine willkommene Umsatzsteigerung. Während des Konzerts und in den Pausen erfüllt der Stand zudem eine kommunikative Aufgabe. Weil zumeist lediglich vorn an der Bühne Lautsprecher aufgebaut werden, ist während des Konzerts schon aus akustischen Gründen eine Unterhaltung nahezu unmöglich. Im hinteren Teil jedoch hat sich der Schall, wegen der schlechten akustischen Eigenschaften eines Zelts, auf ein erträgliches Maß reduziert und ermöglicht ein Gespräch. Unterstützend wirkt dabei auch der Aufbau und runde Grundriß des Weizenbierstands. Der Ausschank mißt ungefähr drei Meter im Durchmesser und wird durch eine Theke rundherum und ein Dach darüber begrenzt. Die gespannte Plane ist im eigentlichen Sinn allerdings nutzlos, weil sich der Stand unter dem großen Dach des Bierzelts befindet. Dennoch wirkt sie als ästhetisches Merkmal, das die Funktion der Abgrenzung wahrnimmt (und nebenbei auch noch eine gute Werbefläche für die Brauerei abgibt). Hier, in der bierseligen Atmosphäre des volkstümlichen Konzerts, treffen sich die underdogs der Gesellschaft und arbeiten kollektiv an der ästhetischen Konstruktion Gemütlichkeit, die für sie immer auch gleichbedeutend ist mit Schlichtheit. Geborgenheit braucht Stallgeruch. Im Bierzelt ist alles einfach: In der gewohnten Umgebung fühlt man sich sogleich heimisch, streift schnell die einzwängenden Konventionen ab. Man ist unter sich, fühlt sich fast so wie auf dem Sofa daheim. Dabei kommt der Körper zu seinem Recht: Er darf laut sein, essen und trinken, berühren und berührt werden. Er darf sich bemerkbar machen und so bleiben, wie er ist. Kontakt ist schnell gefunden, ein Blick zuviel genügt. Falsche Exaltiertheit oder elaborierte Manieren sind im Bierzelt fehl am Platz. Hier dürfen die Masken des Alltags fallen. Nach den Strapazen des Tages entzieht man sich endlich den prüfenden und kontrollierenden Blicken der Anderen. Das Bierzelt: ein dreidimensionales, interaktives Pantoffelkino. Es wird nicht lange gefackelt, Distanz muß nicht gewahrt werden. Im Gegenteil: Durch das volkstümliche Ambiente werden distanzierende Schranken niedergerissen. Denn die auf matschigem Boden stehenden Bierbänke sind viel zu kurz. So sitzen die Besucher meist dicht gedrängt nebeneinander, die Tischoberflächen kleben von verschüttetem Bier und Cola. Man ist sich zugewandt, die Bühne um 90 Grad versetzt. Das erhöht die Kommunikation, schafft eine vertraute Atmosphäre und läßt auch den Fremden an der Stimmung teilhaben. Dazu trägt auch das persönliche "Du" und das umgängliche "Ihr" bei, das im Bierzelt die einzig adäquate Anrede ist. Die Konventionen brechen auf, die Hüllen fallen. Und dies ist natürlich wiederum eine Konvention, die an diesem Ort eingehalten werden muß. Wer sich im feinen Zwirn in diese von Schweiß und Fett schwangere Atmosphäre begibt, wird sofort als arroganter Eindringling entlarvt. Der Wille zur Einfachheit und zum Mitmachen muß bei jedem einzelnen vorhanden sein und muß sich auch nach außen, nicht nur über die Kleidung, dokumentieren. Harmonie im Bierzelt klammert als Gegensatz des Dissonanten alle Störfaktoren aus. Harmonie ist die Wiederholung des Immergleichen. Und wenn Heimat das Gefühl des Angstfreien und Vertrauten ist, dann wird das Bierzelt zur zweiten Heimat, in der es sich gut sein läßt. Es bietet einen übersichtlichen Rahmen, in dem nichts Ungewöhnliches passiert. Die Heimat als Sonntagsgefühl: Im Bierzelt hat sie sich materialisiert.
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Fast jeder zweite Titel der Wildecker Herzbuben, so hat die Musikpädagogin Mechthild von Schoenebeck festgestellt, handelt vom Alkoholgenuß oder verherrlicht Kneipenbesuche und den daran anschließenden Vollrausch. Die beiden singenden Gartenzwerge haben mit dem antiseptischen Image der Volksmusik als "sex & drugs"-freier Zone aufgeräumt. Wobei das Thema Sex außer in einer sauberen und legitimierten Form nach wie vor keine allzu große Rolle in den volkstümlichen Schlagertexten spielt. |
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| © Ralf Grabowski |