Banner
Einleitung
Tour d'horizon

Momentaufnahme
Überblick
Medien
Heimat
Abgrenzung
Überblick
Befragung
Etikettierung
rechts?
Die Fans
Schlußtakt

Das Buch
Der Verlag
Die EKW

Volkstümliche Musik heißt demnach der Nachfolger der Volksmusik in ihrer massenkulturellen Prägung.

Doch nicht allein mit musikalischen Kriterien läßt sich eine Unterscheidung treffen. Differenziert werden kann auch nach der ästhetischen Aufmachung der Interpreten auf Plattencovers, in Konzerten oder ihrer medialen Vermittlung. Es gibt bestimmte Zeichen mit der Signalwirkung: "Achtung, volkstümliche Musik!" Etwa die Lederhose, ein Dirndl (Tracht oder trachtenähnliche Kleidungsstücke allgemein), Berge im Hintergrund, eine Blumenwiese im Vordergrund oder bestimmte Instrumente wie der Bariton oder das Akkordeon.

Dies sind Zeichen, die vom Plattenkäufer "verstanden" werden, die dechiffriert und zur Zeichengruppe "volkstümlicher Schlager" gebündelt werden. Solchen Zeichengruppen liegen, wie Gerhard Schulze gezeigt hat, kollektive Schematisierungen zu Grunde. Wer sie liest, dem erschließt sich ein ganzer Sinnkosmos an ähnlichen Bedeutungen. Dadurch wird "die unendliche Menge der Möglichkeiten, die Welt zum Gegenstand des Erlebens zu machen, auf eine übersichtliche Zahl von Routinen" reduziert.

Wer also eine Musikgruppe mit eben diesen Zeichen (Krachlederne, Alpenkulisse) auf dem Cover sieht, darf zurecht annehmen, daß ihn Musik mit alpenländischer Instrumentierung, mit im Dialekt eingefärbtem Gesang und entsprechenden Texten erwartet. Andererseits darf er sich nicht auf schwere Kost einstellen: keine Stubenmusik, die sich fürs schlagerverwöhnte Ohr natürlich nicht so glatt und leicht anhört.

Diese Zeichen sind jedoch nicht ausschließlich von der Kulturindustrie produziert; sie sind - darauf weist Schulze hin - kollektiv konstruiert: "Durch gemeinsame Verarbeitung, bei der die Teilnehmer ihre ästhetische Kompetenz zum Ausdruck bringen, oft überdeutlich, demonstrativ, intolerant gegenüber ungewöhnlichen Verarbeitungsformen, wird die Zuordnug des jeweils zentralen Zeichens zu einem gemeinsamen Bedeutungskomplex kollektiv einstudiert und stabilisiert."

Was ist eigentlich von dem Vorurteil zu halten, daß Volksmusikliebhaber potentiell rechter Gesinnung sind?

Gerhard Schulze ist Soziologie-Prof an der Uni Nürnberg. Er hat Ende der 80er Jahre eine wegweisende Arbeit zur Konstruktion der Gesellschaft herausgebracht. "Die Erlebnisgesellschaft" ist das Ergebnis einer großangelegten Untersuchung über alltagsästhetische Vorlieben der Bevölkerung.
  top  |   02.02.1999 E-Mail | Home | ?
Banner
© Ralf Grabowski