Samstag, 19. Mai 2012

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27.02.2010

Mein Assistent in Indien


Davon träumen viele: In der Hängematte liegen, während andere die lästige Arbeit für einen erledigen. Ein Traum, den sich nur ein wenige leisten können.

Von wegen, schreibt der US-amerikanische Autor Timothy Ferriss und malt in seinem Bestseller »Die 4-Stunden-Woche« ein wunderschönes Bild aus einem Land des kollektiven Teilzeit-Ruhestands. Sein Tipp: Source dein Leben aus. Bezahle also andere Menschen dafür, dass sie deine Arbeit erledigen, und verdiene in dieser Zeit mehr Geld, als du fürs Outsourcen ausgibst. Am besten geht das, wenn Menschen deine Arbeit erledigen, die nicht in der Nachbarschaft wohnen, sondern in Indien. Oder in Afrika. Zur Not geht auch Polen oder Rumänien. Von dort aus erledigen diese persönlichen Assistenten viele Sachen, allerdings zu einem niedrigeren Preis. Und weil die Kommunikation übers Internet erfolgt, spricht man in diesem Zusammenhang von »virtuellen persönlichen Assistenten«.

In den USA sind solche VPA schon recht verbreitet, in Deutschland läuft das Geschäft wegen der Sprachbarriere erst langsam an. Seit kurzer Zeit beschäftigt der Ravensburger Frieder Wurm einen deutschsprechenden virtuellen persönlichen Assistenten. Ob Diktate, eine Internet-Recherche nach neuen Produkten, Terminvereinbarungen, Mietwagenbuchungen oder das Abtippen von Sprach-Memos: Mittlerweile sind es ein bis zwei Stunden täglich, die der Assistent für ihn arbeitet. »Mit ist wichtig, dass ich meine Aufträge zeitversetzt formulieren kann«, erzählt der Architekt und beschreibt, wie er sonntags am Schreibtisch sitzt, die Woche aufarbeitet und die nächste plant und nebenher eine Liste für seinen Assistenten füllt. »Immer, wenn mir was einfällt, notiere ich den Punkt, und wenn ich fertig bin, stehen da sieben oder acht Jobs drauf.« Diese Liste mailt er noch am Abend weg. »Super ist, dass ich am nächsten Tag schon die Rückmeldung bekomme: ›Das habe ich erledigt, das auch, und der nächste Punkt kommt morgen dran.‹«

In Frieder Wurms Architekturbüro in Ravensburg und in Pirna arbeiten rund 20 Leute, er könnte diese Aufträge also auch seinen Sekretärinnen geben. Doch die sind zumeist mit anderen Dingen ausgelastet. Deshalb nutzt er den Service der Firma Strandschicht, die seit ein paar Monaten den Dienst der virtuellen persönlichen Assistenten nach Deutschland bringt. »Strandschicht ist für uns wie ein Überlauf«, schwärmt Wurm und beschreibt, dass immer mehr seiner mehr Mitarbeiter Gefallen daran finden.

Etwas mehr als 50 Kunden zählt die Berliner Firma Strandschicht. Die Assistenten findet sie in Polen und weiter im Osten. »Mittlerweile suchen wir die Assistenten nur noch in Bulgarien«, sagt der 23 Jahre alte Firmengründer Bastian Kröhnert. Denn das Lohnniveau sei niedriger, die deutschen Sprachkenntnisse jedoch nicht schlechter. »In Bulgarien gibt es sogar deutschsprachige Gymnasien«, sagt der Betriebswirtschaftler. Die Idee zu dem Service hatte er ein Jahr zuvor während eines Auslandssemesters in Peking. »Ich wusste, dass ich mich auf jeden Fall selbstständig machen wollte« - da kam ihm die Lektüre der »4-Stunden-Woche« gerade recht. Doch während US-amerikanische Firmen auf englischsprachige Inder und Chinesen zurückgreifen, lässt sich das Konzept wegen der Sprachbarriere nicht so einfach auf Deutschland übertragen. »Wir haben vermutet, dass im benachbarten Ausland eher deutschsprachige Leute zu finden sind«, beschreibt er die Vorgehensweise. »Am Anfang haben wir teilweise willkürlich über Facebook Leute angeschrieben: ›Hey, wir suchen Mitarbeiter in Polen, habt ihr ’ne Ahnung?‹« Mit einem Partner will Kröhnert weiter expandieren.

»Das Problem ist, viele wollen alles ganz billig haben«

Die Zusammenarbeit mit einem virtuellen Assistenten ist simpel. Der Kunde meldet sich bei Strandschicht an und nutzt den Dienst für Preise zwischen fünf und zehn Euro die Stunde. Die Kommunikation läuft per E-Mail, künftig auch über eine Maske im Webbrowser. Wieder einmal ist es das Internet, das die altbekannte Arbeitswelt durcheinanderwirbelt und neue Geschäftsmodelle eröffnet. Wir sind mitten drin in einer neuen Form der Globalisierung, die der Pulitzer-Preisträger Thomas L. Friedman in seinem Buch »Die Welt ist flach« als Globalisierung 3.0 beschreibt: Sie wird »zunehmend nicht mehr nur von einzelnen, sondern von einer heterogenen, nichtwestlichen und nichtweißen Gruppe von Individuen vorangetrieben werden«.

Soll heißen: Asiaten und Südamerikaner, Inder und Afrikaner werden sich zunehmend einbringen in den Weltmärkten, werden neue Geschäfte entwickeln und mit den Menschen in der westlichen Welt konkurrieren. Friedman beschreibt, wie jedes Jahr Hunderttausende US-amerikanische Steuererklärungen im indischen Bangalore bearbeitet werden. Wie US-amerikanische Kliniken abends die CT-Scans an indische Ärzte mailen. Dort werden sie begutachtet, und am nächsten Morgen US-amerikanischer Zeit stehen die Bewertungen zur Verfügung. Wie mittlerweile gut ausgebildete, aber noch billigere chinesische Programmierer den ohnehin schon billigen indischen Konkurrenz machen. »Das Problem ist, viele wollen alles ganz billig haben«, schimpft einer, der Assistenten-Dienste vermittelt hat, der heute damit aber nichts mehr zu tun haben und seinen Namen in diesem Zusammenhang auch nicht mehr lesen möchte. Grundsätzlich habe er nichts gegen Fernassistenten, nutze auch selbst hin und wieder ihre Dienste. Aber: »Das Problem in Deutschland ist, dass virtuelle Assistenz die falschen Leute anzieht. Nämlich jene, die alles ganz billig haben wollen, die Personalkosten sparen wollen, die auch ihre Arbeitsaufträge schlampig formulieren.« Die ursprüngliche Idee sei anders gedacht gewesen. »Auch Tim Ferriss sagt, dass es nicht um billige Arbeitskraft gehe, sondern um einen ganz neuen Lebensstil«, sagt der knapp 30-Jährige, der einige schlechte Erfahrungen gemacht und sich deshalb aus der Branche zurückgezogen hat. »Ich bin absolut gegen Ausbeutung«, konstatiert er.

Damit liegt er natürlich auf einer Linie mit der Gewerkschaft. Die allerdings noch nicht so recht etwas mit dem Phänomen anzufangen weiß. »Wir hatten erst zwei Anfragen zu diesem Thema«, gesteht Jan Jurzcyk, Sprecher der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Er finde die Grundidee »eigentlich nicht schlecht«. Die Möglichkeit, Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern zu Einkommen zu verhelfen, sei ihm sympathisch. Doch wenn es nur darum gehe, Lohnkosten zu drücken, höre der Spaß auf. »Das ist wieder mal so eine typische Idee junger Betriebswirtschaftler«, schimpft Jurzcyk.

»Wir hören oft den Vorwurf, aus Deutschland Arbeitsplätze auszulagern«, erklärt Bastian Kröhnert von Strandschicht. Und hält dagegen: »Wir werden das Sekretariat nie ersetzen!« Vielmehr seien es einfache Dienste, die seine Assistenten übernähmen: Massen-E-Mails versenden, Standard-Abfragen, Terminvereinbarungen. Derselben Ansicht ist auch der Architekt Frieder Wurm. »Das wird nie eine Stelle bei uns kosten.« Zu wichtig ist ihm der persönliche Kontakt mit fest angestellten Mitarbeitern. Telefonate mit Stammkunden etwa und alles, was mit Rechnungen zu tun hat, würden weiterhin seine Sekretärinnen erledigen.

In zwei Punkten zielt die Kritik an diesem neuen Phänomen jedoch ins Leere. Nicht allen Auftraggebern geht es nur ums Geld. Und nicht immer muss eine virtuelle persönliche Assistentin im Ausland arbeiten. Sie kann ihren Schreibtisch auch in der hessischen Provinz haben, wie etwa Sonja Krebs. Die 33 Jahre alte Betriebswirtschaftlerin hat ihren Service offiziell im Oktober des vergangenen Jahrs begonnen - nach gerade mal rund dreimonatiger Vorbereitungszeit.

Sie hat drei Zielgruppen im Visier: Privatleute, Mittelständler, die sich kein eigenes Sekretariat leisten können, und Unternehmen, deren Arbeitsspitzen sie übernimmt. »Mittlerweile hat es sich herauskristallisiert, dass sehr viele besser verdienende Privatleute meine Dienste nutzen.« Und für sie recherchiert Sonja Krebs dann auch Urlaubsorte, besorgt für den Kindergeburtstag Pixi-Büchlein oder organisiert Glückwunschkarten zu Weihnachten mit allem Drum und Dran.

Natürlich sieht sie die Konkurrenz aus Osteuropa, doch wegen ihrer Ausbildung und ihrer Erfahrung - sie hat sechs Jahre lang im Controlling gearbeitet - glaubt sie kompetenter und vertrauenswürdiger zu sein. »Ich weiß, wie man einen deutschen Geschäftsbrief schreibt.« Warum ist sie persönliche Assistentin? Weil sie nach Ende der Elternzeit nicht 40 Stunden in der Woche arbeiten wollte und auch Teilzeit nicht so recht in Frage kam. Und weil sie und ihr Mann von der »4-Stunden-Woche« begeistert waren. Immer wieder dieses Buch! »90 Prozent meiner Kunden kommen über die Website zu diesem Buch zu mir.«

»Die 4-Stunden-Woche ist für mich ja kein Selbstzweck«

Es ist ein mobiler Lebensstil, den Tim Ferriss in seinem Buch propagiert. Und ein moderner, der sich nicht mehr um ein Angestelltendasein mit festgelegten Bürozeiten schert. Damit scheint er einen Nerv zu treffen - vor allem bei Jüngeren. Immer mehr Hochschulabsolventen pfeifen auf einen geregelten Job im Büro und stellen lieber selbstständig etwas auf die Beine. Wie Bastian Kröhnert.

Wie ihm geht es den meisten aber nicht um einen faulen Lenz. »Die 4-Stunden-Woche ist für mich ja kein Selbstzweck«, sagt Kröhnert, der auf seinen Bachelor-Abschluss keinen Master »mit noch mehr Theorie« draufsatteln wollte, sondern lieber eine Firma gegründet hat. »Was soll ich mit so viel freier Zeit anfangen? Ich möchte arbeiten und gestalten. Ich möchte aber auch die Freiheit haben, flexibel zu sein.«

Es sind digitale Nomaden, die von überall auf der Welt arbeiten und Dienstleistungen anbieten. Denn ihre einzigen Arbeitsmittel bestehen aus einem Handy, einem Laptop nebst schnellem Internetzugang - und ihrer Kreativität. ein solches Leben lässt die Welt tatsächlich schrumpfen - und sorgt für mitunter kuriose Aufträge. So hat Sonja Krebs einmal für einen deutschen Studenten gearbeitet, der auf einem mehrmonatigen Urlaubstrip durch Kanada war. Weil ihm zwischenzeitlich das Geld knapp wurde, beauftragte er sie in Deutschland, ihm in Kanada einen Job zu suchen. Also schaltete sie in der Neuen Welt Anzeigen für ihn und konnte ihm tatsächlich eine Ferienarbeit vermitteln.

Die Sekretärin muss nicht immer im Vorzimmer sitzen. Immer häufiger arbeitet sie in Indien, Polen oder Bulgarien. Und erledigt von dort aus auch zunehmend private Dinge ihrer Auftraggeber. Ein neues Kapitel der Globalisierung