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28. August 2004
Raus aus dem Jammertal
Depression und miese Stimmung, wohin man schaut. Der Stuttgarter Coach Ralf G. Nemeczek kann's nicht mehr hören und empfiehlt Freude und Innovationsgeist als Schlüssel zum Erfolg
Ideen bewegen die Welt, und jeder ist für das Ganze verantwortlich. Schreibt der Unternehmensberater Ralf G. Nemeczek in seinem Buch »Fun Economy«. Ralf Grabowski hat sich mit dem 32-Jährigen über Eigenverantwortung unterhalten, über die Freude, Geschenke zu machen und die Suche nach den eigenen Talenten und Fähigkeiten.
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Wer Spaß im Leben und Spaß an der Arbeit hat, der geht morgens ins Büro und sagt: »Was können wir tun, damit wir's uns heute schön machen, was wollen wir erreichen?«
FOTO: BUSINESS-VILLAGE |
GEA: Herr Nemeczek, freuen Sie sich auf das Interview?
Ralf G. Nemeczek: Ja, klar!
Aber das ist doch Arbeit für Sie. Kann man sich darauf freuen?
Nemeczek: Also mir macht's Spaß zu arbeiten. Ich denke, ich folge meiner Berufung. Und das, was ich beruflich mache, das macht mir auch Spaß.
Dann gehören Sie zu einer Minderheit. Laut einer Umfrage sind nur 12 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland richtig engagiert am Arbeitsplatz. 70 Prozent machen »Dienst nach Vorschrift«, 18 Prozent haben bereits innerlich gekündigt.
Nemeczek: Ich halte diese Zahl für viel zu niedrig angesetzt. Ich lege ein anderes Kriterium an. Wenn ein Mensch wirklich die Möglichkeit hätte zu wechseln, oder wenn er einen Hauptgewinn im Lotto hätte - würde er seinen Job dann weiter machen oder nicht? Ich glaube, vier von fünf würden gehen. Und genau die haben für mich innerlich gekündigt.
Was läuft schief? Sind wir ein Land von Miesepetern?
Nemeczek: Ob ich Freude an der Arbeit habe, hat viel mit dem Thema Beruf/Berufung zu tun. Oft sind Menschen im Job unter-überfordert. Auf der einen Seite sind sie überfordert mit Dingen, die nicht ihren Talenten entsprechen. Auf der anderen Seite sind sie unterfordert, weil sie so viel auf dem Kasten habe, das sie in ihrem Job nicht ausleben können.
Aber jeder weiß doch eigentlich, was er gut kann!
Nemeczek: Viele Menschen nicht! Bei meinen Workshops fällt mir auf, dass viele ihre eigenen Begabungen nicht richtig einschätzen können. Wir sagen vielleicht von anderen: »Die kann toll zeichnen« oder »der kann super rechnen«. Aber die eigenen Talente sehen wir oft nicht, weil wir sie für selbstverständlich nehmen.
Ok. Berufsentscheidungen folgen aber einer anderen Logik und nicht unbedingt dem Lustprinzip.
Nemeczek: Genau. Viele Menschen richten sich nach äußeren Faktoren. Etwa: Mein bester Freund macht eine Schreinerlehre, da mach' ich auch eine. Oder man richtet sich nach dem Elternhaus: Mein Vater ist Steuerberater, das werde ich auch, weil ich irgendwann die Kanzlei übernehmen soll. Oder man richtet sich nach verfügbaren Stellen...
... was bei der wirtschaftlichen Lage auch verständlich ist.
Nemeczek: Natürlich. Aber gerade diese kritische wirtschaftliche Lage bietet auch eine große Chance. Jeder einzelne muss sich fragen: Was will ich denn wirklich tun, was liegt mir am Herzen? Denn wenn die Arbeit meinen Talenten entspricht und ich sie engagiert ausübe, werde ich auch gute Ergebnisse liefern. Heute wird in nahezu allen Branchen immer mehr Leistung gefordert. Doch wenn meine Talente und Interessen auf einem ganz anderen Gebiet liegen, werde ich irgendwann überfordert sein und nicht mehr hinterher kommen.
Über 4,5 Millionen Menschen haben keine Arbeit. Und Sie sprechen von der »Fun Economy«, von Spaß und Freude. Ist das nicht unanständig?
Nemeczek: (lacht) Ist es anständiger, nicht davon zu sprechen? Ich kenne viele Manager, die sind total ausgebrannt. Das gleiche gilt auch für Berufe im sozialen Bereich. Die Menschen kennen nur noch Job, Job, Job. Darunter leiden Beziehungen und Familienleben. Nehmen Sie die vielen Leute, die innerlich gekündigt haben: Das ist fatal. Da finde ich es eher unanständig, nicht darüber zu sprechen.
Viele würden gern weniger arbeiten. Warum tun die das nicht?
Nemeczek: Das hat mit dem System zu tun. Das Denken ist in Deutschland sehr verkrustet: Wenn einer diese oder jene Position hat, dann hat er seine 50, 60 Stunden hinterm Schreibtisch zu sitzen. Mein Anliegen ist es, Themen wie lebendige Arbeitsmodelle - große Flexibilität bezogen auf die Zeit, den Ort, die Bezahlung - aufzugreifen. Denn wenn die Arbeitsmodelle nur einengend sind und uns unserer Lebendigkeit berauben, können wir nur wenig Freude an der Arbeit haben.
Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie die Schuld den Firmen, also dem System, in die Schuhe schieben.
Nemeczek: Nein, in der Fun Economy geht es nicht um Schuldzuweisung. Das machen die meisten unserer Politiker schon zu genüge. Ich schließe lieber den Kreislauf. Ein Beispiel: Ich stand auf der Autobahn im Stau und ärgerte mich. Da sagte der Radiosprecher: »Sollten Sie gerade im Stau stehen, regen Sie sich nicht auf, Sie sind der Stau!« Ganz ähnlich ist mein Ansatz: Man kann nichts auf das System schieben. Letzten Endes besteht das System ja aus Menschen.
Ja, aber gemacht wird das System von einigen wenigen Mächtigen...
Nemeczek: Nein! Wenn man ein System verändern möchte, braucht man eine kritische Masse. Dazu will ich anregen: dass jeder einzelne aus der Opferrolle herauskommt und nicht `rumjammert und sagt: Man kann nichts machen, der Chef und das System und die Reichen und die Ölbarone und die Politiker, die bestimmen wo's langgeht. Nein! Ich bin Teil des Ganzen. Und ich bin ein wichtiger Teil, auch wenn ich nur einer von vielen bin. Die Menschen müssen sich ans Ruder ihres Lebens setzen und sich nicht fühlen wie eine Billardkugel, die ständig nur `rumgestoßen wird. Wenn ich diesen Wandel in meinem Leben und in meinem Denken vollziehe, dann gehöre ich von dieser Sekunde an zur kritischen Masse, die's braucht, um ein System zu wandeln.
Den Job kann ich mir noch aussuchen, die garstigen Kollegen nicht.
Nemeczek: Jeder einzelne ist verantwortlich für das Betriebsklima. Ich selber kann meinem Umfeld was Gutes tun. Viel Freude an der Arbeit kommt aus dem freudvollen Miteinander. Bruddeln und Rumjammern ist vielleicht das Gewohnte, aber es ist nicht das, was einem mehr Lebendigkeit schenkt. Spaß ist nichts, was ich verordnen kann. Spaß entsteht ganz natürlich, etwa wenn Menschen wieder sehen, wie viel Freude es macht, einem anderen Freude zu machen; wie viel Freude es macht, eine Aufgabe oder einen Job mit vollem Engagement auszuführen. Das ist dann gelebte Fun Economy, die ansteckend ist. Dann gehen Menschen ins Büro und sagen: »Ok., wie können wir es uns heute schön machen, was steht alles an und was wollen wir erreichen?«
Nun sagen viele Arbeitgeber: Was soll ich meine Leute motivieren? Die sollen gefälligst arbeiten oder sie fliegen.
Nemeczek: Ja, aber das ist kontraproduktiv! Denn wenn man auf die persönlichen Bedürfnisse eines Mitarbeiters eingeht, dann hat man unterm Strich von diesem Mitarbeiter mehr, weil er motivierter und kreativer arbeitet. Er wird sich mit mehr persönlichem Engagement in dem Job einbringen. Wie unter Freunden auch: Ich unterstütz' dich, du unterstützt mich.
Ist es nicht auch mal genug mit dem Spaß? Wir Deutschen sollten mal wieder richtig `ranklotzen!
Nemeczek: (lacht) Es ist kein Entweder oder. Selbst die, die sagen, jetzt ist mal Schluss mit lustig, berichten hin und wieder begeistert von freudvollen Ereignissen. Fun Economy übersetze ich nicht nur mit Spaß, sondern auch mit Freude, mit Lebensfreude. Außerdem kommt einfach niemand daran vorbei, dass es eine messbare Synergie gibt zwischen wirtschaftlichem Erfolg und Spaß an der Arbeit.
Für mich sind Spaß haben und Worte wie Fleiß und Disziplin unvereinbar.
Nemeczek: Sie sprechen hier ein entscheidendes Paradigma an, das in unseren Köpfen immer noch verankert ist. Die alte Denkweise wird deutlich in Sprüchen wie »Arbeit ist hartes Brot« oder »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«. Wer sich von diesem Bild löst, kann zwölf Stunden arbeiten, ohne seine Arbeit als notwendiges Übel zu betrachten. Ich selbst arbeite bis zu 60 Stunden in der Woche und es macht mir Spaß.
Das glaube ich Ihnen nicht.
Nemeczek: Natürlich gibt es immer Dinge, die machen keinen Spaß. Aber die gehören einfach dazu. Wer reiten will, muss auch das Pferd sauber machen. Es wäre gelogen, wenn jemand behauptet, dass er alles mit Spaß mache. Aber man kann alles mit Engagement, Liebe und Hingabe tun.
Aber ist nicht auch gesamt-gesellschaftlich was faul?
Nemeczek: Ich denke, was wir im Kleinen haben, gibt es auch im Großen. Ein Beispiel: Es gibt einen Missstand. Eine Weile lässt der sich zudecken. Irgendwann funktioniert Zudecken nicht mehr, weil die Beule unterm Teppich so groß geworden ist, dass jeder Zweite sie sieht und jeder Dritte darüber stolpert. In Deutschland fangen die Leute dann das Reparieren an. Mir fehlt der Innovationsgeist, mir fehlt die Abenteuerlust. Jeder hat Angst, Fehler zu machen. Es fehlt die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen. Deshalb reparieren viele so gerne. Nur: Reparieren kostet unglaublich viel Zeit, Geld und Kraft.
Also ist das proklamierte »Ende der Spaßgesellschaft« doch eingetreten?
Nemeczek: Die Fun Economy bereitet zwar Freude, sie hat aber nichts mit einer oberflächlichen Spaßgesellschaft zu tun. Es geht vielmehr um eine freudvolle Art des Wirtschaftens, in der Profit, menschliches Wachstum und ökologische Nachhaltigkeit gleichberechtigt nebeneinander stehen. Und dafür gibt es viele schöne Ansätze. Es gibt Menschen , die immer nur schwarz sehen. Sie haben kein Gespür für Aufschwung und für die tollen Projekte, wo Menschen wirklich mit Unternehmergeist etwas aufziehen. Man kann auch alles totschlagen. Es gibt eine Sache, die man sehen muss: Die, die gerne `rumjammern, die treffen sich immer und überall; da muss man nicht weit laufen. Aber das heißt nicht, dass es die anderen gar nicht gibt. Es gibt sie mehr als man denkt.
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