Montag, 06. September 2010

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29. 12. 2007

Deutschland, wohin?


Ralf Grabowski:
In ein paar Tagen werden wieder tausende Raketen in den Himmel steigen. Aber haben wir in Deutschland überhaupt noch Grund, uns aufs neue Jahr zu freuen?
Meinhard Miegel: Aber sicher. Die Menschen habe eine hohe Lebenserwartung bei guter Gesundheit. Die meisten verfügen über eine umfassende schulische und berufliche Qualifikation. Ihr materieller Lebensstandard ist nicht nur im historischen, sondern auch im internationalen Vergleich hoch. Diese Liste ließe sich unschwer verlängern.


Arbeitet härter - das gibt der renommierte Gesellschaftswissenschaftler Meinhard Miegel den Deutschen mit ins neue Jahr.
FOTO: PR

Also gute Gründe, uns zu freuen?
Miegel: Ja, wenn wir auf die Gegenwart schauen. Im Blick auf die Zukunft gibt es allerdings ziemlich dunkle Wolken.

Wie dunkel sind denn diese Wolken?
Miegel: Nun, eine Gesellschaft, deren innere Widersprüche ständig zunehmen, hat ­ meine ich ­ schon recht ernste Probleme. Unsere Gesellschaft benötigt ein Sechstel des von ihr Erwirtschafteten, um Bedrohungen von außen abzuwenden. Und sie benötigt ein weiteres Sechstel, um sogenannte Zivilisationsschäden zu reparieren oder ­ vielleicht richtiger ­ zu kaschieren,

Welche Reparaturen meinen Sie?
Miegel: Ich denke an die Unsummen, die für die Behandlung von Zivilisationskrankheiten aufgewendet werden: Fettleibigkeit, Magersucht, Alkoholismus, zum Teil auch Depressionen und Allergien. Ich denke an die Unsummen, die aufgewendet werden für die Bekämpfung von Vandalismus, die Beseitigung von Umweltschäden und vielem anderen mehr.

Was sorgt noch für dunkle Wolken?
Miegel: Der Verlust unserer bisherigen hoch privilegierten Stellung in der Welt. Generationenlang glaubten wir, also die Völker der früh industrialisierten Länder, dass uns keiner das Wasser reichen kann. Jetzt aber erleben wir, wie eine Volkswirtschaft nach der anderen zu uns aufschließt. Was früher nur wir wussten und konnten, können inzwischen viele hundert Millionen. Sie steigen auf und wir werden ihnen ein ganzes Stück entgegen gehen.

Unser Wohlstand wird also sinken?
Miegel: So ist es. Die Menschen dieses Landes sind noch immer außerordentlich wohlstands- und erfolgsverwöhnt. Löhne, von denen die meisten auf dieser Welt nur träumen können, sind für sie Hungerlöhne. Aber der Abstieg hat begonnen. Deshalb ächzen und stöhnen so viele. Sie spüren, dass sich etwas zu ihren Ungunsten verändert.

Also doch keine Raketen zu Silvester?
Miegel: Das kommt auf die Sichtweise an. Weltweit betrachtet wird die Summe der Veränderungen positiv sein. Die Zahl der Menschen, deren Lebensstandard steigt, nimmt zu. Für viele von uns gilt hingegen das Gegenteil.

Solche Veränderungen können sozialer Sprengstoff sein, oder?
Miegel: Ja, wenn sie nicht politisch geschickt gesteuert werden. Davon ist in Deutschland jedoch nicht allzu viel zu spüren. Die Zahl relativ Armer wächst und immer größere Teile der Bevölkerung fürchten, über kurz oder lang ebenfalls abzusteigen. Die Folge ist schon jetzt eine messbare Zunahme sozialer Spannungen, die nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf.

Was ist zu tun, damit diese Verteilungen sozial verträglich stattfinden?
Miegel: Die Verteilung materiellen Wohlstands muss einsichtig sein. Die meisten Menschen erkennen eine überdurchschnittliche Honorierung überdurchschnittlicher Leistungen durchaus an. Geht aber diese Einsichtigkeit verloren, schwindet der gesellschaftliche Zusammenhalt. Dann versucht möglichst jeder, sich auf Kosten anderer einen schönen Tag zu machen. Das beschädigt eine Gesellschaft.

Andererseits sprechen wir doch über den Mindestlohn ...
Miegel: Darüber muss auch gesprochen werden, aber bitte sinnvoll. Wenn es einen gesellschaftlichen Konsens gibt, dass ein Erwerbstätiger ein bestimmtes Einkommen erzielen muss, um anständig leben zu können, dann ist das eine Sache. Eine andere Sache ist es, ob sich auch jemand findet, der dieses Einkommen zu zahlen bereit ist. Niemand kann zum Beispiel einen Friseur zwingen, seiner Angestellten einen Lohn zu zahlen, den diese nicht erwirtschaftet.

Bleiben wir am Beispiel: Wenn es einen Mindestlohn gibt, würde der Friseurbesuch eben teurer werden ...
Miegel: ... und die Kunden würden wegbleiben. In der früheren DDR, wo Friseurbesuche sehr preiswert waren, ließen sich die Bürger im Durchschnitt 13-mal im Jahr die Haare schneiden. Als nach der Wiedervereinigung die Preise kräftig anzogen, ging die Zahl der Friseurbesuche auf sieben zurück. Und viele lassen sich ihre Haare »schwarz« schneiden. Dahinter steckt ein sehr grundsätzliches Problem. Viele glauben nämlich noch immer, bei Lohnkonflikten gehe es in erster Linie um einen Verteilungskampf zwischen Kapital und Arbeit. Das aber war einmal. Das Kapital hat sich aus diesem Kampf weitgehend zurückgezogen. Die neue Konfliktlinie verläuft zwischen den Lohnempfängern selbst: Wer greift als erster dem anderen am tiefsten in die Tasche? Der hat gewonnen. Der andere hat das Nachsehen. Auf diese Weise werden seit Jahren immer nur relative Vorteile innerhalb der Erwerbsbevölkerung herausgeschlagen. Sinnvoll ist das schon lange nicht mehr.

Aber so war das doch immer: Jedes Jahr verdienen wir ein wenig mehr.
Miegel: Verdienen wir wirklich mehr? Einige sicher. Aber viele treten auf der Stelle und nicht wenige sinken ab. Und selbst wo die Stundenlöhne steigen, sinkt nicht selten die Zahl der Arbeitsstunden, sodass am Ende das Einkommen nicht höher ist als es zuvor war.

Dann sollen die Politiker was ändern. Sie haben uns doch alle versprochen, mehr Arbeitsplätze zu schaffen.
Miegel: Das können sie gar nicht. Sie können Arbeitsplätze verhindern. Schaffen können sie keine. Das müssen schon unsere Mitbürger tun oder besser noch: wir selbst.

Was erwarten Sie von der Politik?
Miegel: Erstens: unbedingte Ehrlichkeit. Nur so werden die gesellschaftlichen Kräfte geweckt, die erforderlich sind, um die tief greifenden Veränderungen in unseren Leben zu bewältigen. Und dann Bildung. Noch leben wir in einer Gesellschaft, die die Potenziale der Nachwachsenden schlicht vergeudet. Bei rund einem Drittel heißt es: »Die können das nicht, die beherrschen noch nicht einmal die Sprache, die können wir vergessen.« Das aber konnten und können wir uns nicht leisten! Wir brauchen alle.

Was kann jeder von uns also tun?
Miegel: Dafür sorgen, das zu wissen und zu können, was in der heutigen Zeit gewusst und gekonnt werden muss. Das ist ziemlich viel. Wer glaubt, alles werde sich schon irgendwie einrenken, ist auf dem Holzweg. Wahr ist: Wir müssen künftig deutlich intelligenter und härter arbeiten ­ und werden dennoch unseren gewohnten materiellen Lebensstandard nicht ganz halten können. Lernen wir also zugleich, dass Wohlstand mehr ist als nur Materielles.

Aber was ist Wohlstand ohne Geld?
Miegel: Ich rede ja nicht von einem Wohlstand ohne Geld. Doch Fakt ist, dass in den zurückliegenden knapp 60 Jahren der enorme wirtschaftliche Aufschwung die Menschen kaum zufriedener, geschweige denn glücklicher gemacht hat. Zufriedenheit und Glück werden offensichtlich noch aus anderen Quellen gespeist als materiellem Wohlergehen. Reichtum kann auch Bildung sein oder Zeitreichtum.

Aber die Leute sind doch auch heute im Freizeitstress ...
Miegel: Freizeitstress ist kein Zeitreichtum, sondern dessen Gegenteil. Früher nahmen sich selbst einfachste Leute, Handwerksburschen oder Dienstmädchen, Zeit, um einen Mozart oder Schubert oder einen der vielen längst vergessenen Musiker zu hören. Auch die Familie oder Freunde können eine Quelle von Zufriedenheit und Glück sein. Die Fixierung auf Materielles hat da vieles verschüttet.

Sollen wir also flexibler werden?
Miegel: Ja, aber nicht nur in dem Sinne, wie dies weithin diskutiert wird. Flexibilität heißt für mich vor allem, dass wir lernen, mit unserem lang gewordenen Leben sinnvoll umzugehen. Es ist doch völlig absurd, wenn Menschen sich bis zu ihrem 60. oder 65. Lebensjahr aus-powern und sich dann hinsetzen, um 20 Jahre lang und länger von anderen ausgehalten zu werden.

Wir sollen also noch länger arbeiten?
Miegel: Nicht mehr Stunden, aber über eine längere Lebensspanne. Der jüngere Mensch sollte mehr Zeit für seine Kinder und Familie haben, der ältere Mensch sollte länger arbeiten. Ich höre schon den Aufschrei von verdientem Ruhestand und so. Dennoch: Die Lebensmodelle, die derzeit noch viele pflegen, sind schlechterdings nicht aufrecht zu erhalten.

Aber bis jetzt ging es doch auch so.
Miegel: Aber immer schlechter. Was glauben Sie, was in einer Bevölkerung los ist, in der annähernd jeder zweite Erwachsene älter als 60 Jahre ist ­ die deutsche Wirklichkeit in etwa 30 Jahren ­ und alle diese über 60-Jährigen auf ihren Ruhestand pochen? In einer solchen Bevölkerung explodieren die Spannungen.

Warum sagen uns das die Politiker nicht?
Miegel: Weil viele vergangenheitsverhaftet sind. Sie bilden die Nachhut der Gesellschaft und erfüllen damit eine überaus wichtige gesellschaftliche Funktion. Wenn ein Spitzenpolitiker erklärt: »So wird es gemacht«, dann ist dies ein verlässliches Anzeichen dafür, dass die Mehrheit in den Zug eingestiegen und dieser bereits abgefahren ist. Das ist auch in Ordnung so. Gefährlich wird es, wenn die Gesellschaft meint, die Nachhut sei die Vorhut. Denn dann geht sie in die Irre.

Wenn die Politiker die Nachhut sind, wer ist dann die Vorhut?
Miegel: Sie lässt sich nicht so leicht ausmachen. Vorhut ­ das sind zumeist Individuen oder kleinere Gruppen, die über das Morgen und Übermorgen nachdenken. Organisiert sind sie selten. Vorhut ­ die findet zum Beispiel gerade in diesem Gespräch statt. (GEA)

Das Thema

Arbeitet härter! Und seid euch bewusst, dass es trotzdem abwärtsgeht. Das gibt der renommierte Gesellschaftswissenschaftler Meinhard Miegel den Deutschen mit ins neue Jahr. Im Gespräch mit Ralf Grabowski fordert er, nicht mehr um den heißen Brei herumzureden. Damit wir kreativ unsere Zukunft gestalten.

Zur Person

Meinhard Miegel leitet das private wissenschaftliche Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn e.V. (IWG Bonn). Der 68-Jährige hat vor Jahrzehnten als Erster vor den Folgen der demografischen Entwicklung gewarnt.