Weniger ist mehr
Immer mehr, immer schneller, immer weiter? Michael Simperl ist aus diesem Wettbewerb ausgestiegen. Der 36 Jahre alte gelernte Werbekaufmann pflegt einen »Lessness«-Lebensstil. Was er konsumiert, lässt er sich nicht mehr von der Werbung oder seinen Freunden diktieren. Vielmehr hört er auf die Stimme seines Herzens und findet immer häufiger den Mut zur Lücke. Doch ganz freiwillig hat sich Simperl, der als Sachbuchautor, Texter und Partner einer Werbeagentur in München lebt, den Lebensstil nicht angewöhnt, wie er im Gespräch mit Ralf Grabowski zugibt.
Frage: Herr Simperl, Sie mögen es nicht, wenn es viel Krempel im Leben gibt. Was ist so schlecht an Krempel?
Michael Simperl: Das Problem ist nicht das eine Stück Krempel. Das Problem ist die Masse. Wenn ich mein Leben und mein Konsumverhalten nie hinterfrage, sammelt sich nach 20 Jahren ganz schön viel an. Es kostet Platz, die Schränke werden voll. Viele Sachen brauchen auch Pflege, beispielsweise diese ganzen Elektronik-Spielereien: Da muss eine neue Software drauf, dann ist die Batterie leer, dann ist es kaputt und ich muss es zum Reparieren tragen. Krempel bindet meine Ressourcen. Im Gegenteil dazu: Wenn Sie »less« leben, haben Sie weniger Dinge, die im Orbit um sie herum kreisen. Sie sind klarer und können sich mehr um das kümmern, was Ihnen wirklich am Herzen liegt.
Ihnen geht es also gar nicht darum, weniger zu konsumieren…
Simperl: …genau, genau! Ich habe kein Verzichtbuch geschrieben, ich predige auch um Gottes willen keine Askese. Ich gehe auch gern mal shoppen. Ich möchte nur dazu einladen, dass man einmal im Leben inne hält, um sich anzuschauen, was man so alles tut. Da kommen die meisten doch gar nicht dazu...
...aber wir haben doch 30 Tage Urlaub im Jahr.
Simperl: (lacht) Das Innehalten passiert meiner Meinung nach auch da nicht. Es passiert erst dann, wenn man mal so ein Buch liest wie »Lessness«. Schon beim Durchlesen beginnen Sie, sich Gedanken zu machen über Ihre Konsumgewohnheiten. Dann sortieren Sie und sagen: »Ok. Das ist meines. Da bin ich wirklich mit dem Herzen dabei, da vergesse ich die Zeit um mich.
Ist es so einfach, auf sein Herz zu hören? Die Stimme des Herzens ist doch manchmal ziemlich leise.
Simperl: Ja, das ist sie bei den meisten. Dagegen klingt die Stimme des Verstandes, die oft außengesteuert ist, vehement und hämmernd: »Das musst du, das brauchst du!« An diesem Hämmern kann ich schon erkennen, dass ich in einem bestimmten Punkt außengesteuert sein könnte. Vielleicht, weil ich seit zwei Jahren »Manager Magazin« lese und jetzt denke, ich brauche auch einen völlig überdimensionierten Geländewagen.
Gibt's noch ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Herz und Verstand?
Simperl: Ja: Wie ist es, wenn kein Publikum dabei ist? Ich trinke beispielsweise gern Rotwein. Deshalb merke ich, wie die Menschen damit umgehen. Da sitzt zum Beispiel eine Runde junger, gut verdienender Rechtsanwälte im In-Lokal, und dann wird der Hundert-Euro-Rotwein bestellt. Man muss gar kein Psychologe sein, um zu sehen, dass manch einer viel lieber ein Pils trinken würde. Aber der teure Rotwein gehört halt zum Status, glaubt man. Und dann gibt es andere Leute, die haben sich im stillen Kämmerlein einen kleinen Weinkeller eingerichtet und die können in den Genüssen eines tollen Rotweins regelrecht versinken, die brauchen auch gar kein Publikum. Denen ist es vielleicht sogar lieber, wenn gar niemand dabei ist, weil sie es dann besser genießen können. Das ist dann eine Herzensangelegenheit.
Es gibt ähnliche Ansätze: »Simplify« oder Seiwerts Entschleunigungs-Thesen. Doch nichts passiert.
Simperl: Man muss sich nur mal anschauen, wie häufig welche Arten von Botschaften auf uns treffen. Das Gros der Botschaften – im Büro, bei Freunden, in Zeitschriften – propagiert den »Immer größer, immer höher, immer weiter«-Lebensstil. Als Stadtauto kaufen sich heute viele einen Geländewagen, selbst Staubsauger müssen inzwischen 3.000 Watt Leistung bringen. Diese Botschaften sind zahlenmäßig viel häufiger als die Botschaften im Sinne eines Lebensstils wie »Lessness«.
Scheint schwierig zu sein...
Simperl: Es erfordert schon einen gewissen Willen und eine gewisse innere Einstellung, sein Leben zum Besseren zu verändern und sich auch einmal ein bewusstes »Weniger« zu erlauben. Beispielsweise bei der täglichen Fahrt in die Firma: Da fahren alle mit dem großen Mercedes vor und man selbst kommt mit dem Fahrrad, weil man nun mal gerne Rad fährt. Das ist am Anfang erst mal komisch, weil man die Vorteile des Lessness-Lebensstils noch nicht so gut kennt. Das dauert ein paar Wochen und Monate, bis man die verinnerlicht hat.
Man wird zum Außenseiter?
Simperl: Außenseiter sicher nicht. Aber der »Lessnesser« stellt schon das allgemeine gesellschaftliche Credo in Frage.
Kann denn jeder »less« leben?
Simperl: Man braucht schon eine gewisse Reife und ein bestimmtes Lebensalter, um sein Leben zum Besseren zu verändern. Deshalb kommt bei Kindern »Lessness« nicht so gut an. Die müssen erst mal die Fülle erleben.
Welche Vorteile bietet ein Leben »less«?
Simperl: Für mich ist es eine größere Klarheit. Ich war ja früher auch mal ein in der Werbebranche arbeitender Yuppie und bin mit meinem Geschäfts-BMW durch die Stadt gefahren. Und irgendwann habe ich erkannt: »Das nervt mich eigentlich eher. Ich würde viel lieber mit dem Rad fahren.« Dann habe ich mich eben dazu entschlossen. Gut: Ich musste mich dafür entschließen, weil meine Firma den Bach ’runtergegangen ist. Aber ich habe dabei auch die vielen Vorteile eines Lebens »less« erkannt. Und jetzt ist es ganz selbstverständlich und ich genieße es.
Sie genießen es?
Simperl: Ja, klar! Anderes Beispiel: Ich bin letztes Jahr mit meiner Frau an den Ammersee gefahren in den Sommerurlaub. Der ist gerade mal 30 Minuten von meiner Haustür entfernt, das hätte ich früher niemals gemacht. Da hätte ich eine Fernreise gebucht.
Aber was ist am Ammersee schöner als auf den Malediven?
Simperl: Es geht gar nicht um den konkreten Vergleich. Für mich war es vor allem der Genuss zu sehen: Ich muss gar nicht wegfliegen. Ich bin auch mal an einem See gleich um die Ecke glücklich. Der Zwang fällt weg.
Wie rechtfertigen Sie Ihren Lebensstil vor Ihren Freunden und Bekannten?
Simperl: Rechtfertigen muss man da gar nicht so viel. Trotzdem findet man natürlich idealerweise jemanden, der ähnlich denkt. Dann bin ich nicht ganz allein. Das Andere ist, dass man sich ein bisschen Zeit gibt. Denn Sie ändern Dinge in Ihrem Leben, Sie tauschen Vertrautheit gegen das große Unbekannte ein. Wer seine Wohnung einmal bewusst »less« einrichtet, sollte sich schon zwei, drei Monate Zeit geben, um zu sehen, welche Vorteile damit verbunden sind, und ob einem dieser Stil liegt.
Heißt »Lessness« dann auch flexibel sein, ausprobieren wollen?
Simperl: Es heißt, zuerst einmal in der Wahrnehmung zu bleiben. Also erst mal inne zu halten und wahr zu nehmen, wie man selbst eigentlich zu einer bestimmten Sache steht. Und diese Haltung auch zu verinnerlichen. Ich habe beispielsweise festgestellt, dass ich gar nicht so viel Wohnraum brauche. Ich wohne mit meiner Frau und jetzt mit unserer kleinen Tochter in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in München. Das hätte ich mir vor ein paar Jahren nicht vorstellen können. Das haben wir jetzt mal ausprobiert und festgestellt: Das geht wunderbar. Ich fühle mich wohl, ich habe weniger Aufwand mit Putzen und Aufräumen, ich habe mehr Geld auf dem Konto und ich kann mich um die Dinge kümmern, die mir wirklich wichtig sind. Das kann sich natürlich in ein paar Jahren wieder ändern.
Würde das Wirtschaftssystem nicht zusammenbrechen, wenn jeder nun »less« leben würde?
Simperl: Das glaube ich nicht. Der Mensch, der »less« lebt, konsumiert ja weiter. Aber der Konsum des Einzelnen verlagert sich. Er kann mehr Zeit und Geld in die Dinge stecken, die ihm am Herzen liegen. Dann kauft er sich vielleicht sogar Dinge, die »high-end« sind, die vom Allerfeinsten sind. Ich koche zum Beispiel gern und kaufe mir Küchensachen von einem bestimmten deutschen Traditionshersteller. Die sind zwar extrem hochpreisig, mit denen gehe ich aber noch Jahre später gern um. Das macht mir großen Spaß und es bringt Befriedigung. Ich glaube, vom Konsum der »Lessnesser« würde der Wirtschaftsstandort Deutschland eher profitieren. Denn hier gibt es noch viele Unternehmen, deren Artikel man nur noch bei Manufactum sieht, weil die Geiz-ist-geil-Welle sie ansonsten platt gemacht hat.
Den Krempelartikeln würde es an den Kragen gehen?
Simperl: Ja. Denken Sie an das Tamagotchi: Millionenfach produziert, liegt es heute auf dem Müll oder in Schubladen. Und noch eines: Man konsumiert als »Lessnesser« vielleicht weniger Dinge, aber man leistet sich mehr Dienstleistungen. Wenn ich weniger kaufe, dann habe ich womöglich nun das nötige Geld übrig, um eine Woche endlich mal den Wellness-Urlaub zu machen, um mich weiter geistig fortzubilden. Das ist ja auch Geld, das in den Wirtschaftskreislauf in Deutschland hineinfließt. (GEA)
www.lessness.de
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