Montag, 06. September 2010

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23.8.2002

"Wir entzerren die Lernzeit"

Im Schatten des Pisa-Schocks setzen sich neue Lernformen auch in der beruflichen Weiterbildung durch. Im Fokus stehen Trainingsformen, die sich des Computers und vor allem des Internets bedienen. Eine Vorreiterrolle in diesem Bereich übernimmt die Reutlinger Industrie- und Handelskammer (IHK). Derzeit laufen dort Ausbildungen, die nahezu vollständig auf das Web als Lern-Medium setzen.

Mit dem boomenden Handymarkt schossen auch kleine Telefonläden aus dem Boden. Die Reutlinger IHK bietet deshalb eine qualifizierte Ausbildung zum Telekommunikations-Fachberater an. Der Clou an diesem Kurs: Die Teilnehmer sitzen nicht im Seminarraum zusammen, sondern lernen individuell vor dem PC. Übers Internet rufen sie neue Inhalte ab, tauschen sich mit Kollegen aus, fragen beim Trainer nach. "Wir entzerren die Lernzeit", erklärt der Initiator des Kurses, Rainer Triebe aus Meßstetten. Der selbstständige Trainer und Berater hat für die IHK den Kurs aufgebaut. Der Unterschied zu herkömmlichem Lernen mit Anwesenheitspflicht: Jeder Teilnehmer kann "seine individuelle Lernspur anlegen". Soll heißen: Jeder lernt in seinem Tempo, zu seiner ihm passenden Zeit und auf seine individuelle Art.

Möglich wird diese Art des Trainings erst durch die entsprechende Technik. Als Grundlage dient ein Redaktionssystem (von Fachleuten CMS genannt) der Dettinger Firma "Patric Paris Online Systeme". Für die entsprechenden Erweiterungen und Anpassungen investierte Triebe noch über ein halbes Jahr Arbeit. Dieses System, das nach seiner Aussage mittlerweile die "offizielle Lernplattform" der Kammern Reutlingen, Ludwigsburg und Karlsruhe ist, erlaubt es den Autoren und Trainern, ihre Lerninhalte ohne spezielle technische Kenntnisse einzupflegen. Die Lernenden wiederum loggen sich am PC ein und finden ihre individuelle Lernumgebung vor. Sie sehen, welche Unterrichtseinheiten sie bereits absolviert haben, was noch aussteht. Über Foren (das sind schwarze Bretter im Internet), Chats (Separées für live-Unterhaltungen) und E-Mail halten die Lernenden Kontakt mit ihren Kollegen und dem Trainer. Genau dieser permanente Kontakt unter den Teilnehmern unterscheidet dieses System _ Triebe spricht von web-moderiertem Training _ von anderen Fernlernkursen, kommen sie nun auf Papier, Videokassetten oder CD-Rom daher.

Die Teilnehmer lernen also nicht allein, sondern haben Ansprechpartner. "Ein ganz offenes System hat sich nicht bewährt. Man muss die Leute führen", weiß Wulf Staub, Fortbildungsreferent bei der IHK. Er hatte bereits Mitte der 70er Jahre Erfahrungen mit Fernlehrgängen und computergestützten Unterrichtsformen gemacht. Rainer Triebe, selbst seit über zwei Jahrzehnten in der Aus- und Weiterbildung tätig, ergänzt: "Es muss feste Zeiten und einen Tutor geben." Zudem verzichtet er nicht auf die gewohnte Seminaratmosphäre. Triebe: "Die Teilnehmer treffen sich zu Beginn und teilweise auch in ihren Arbeitsgruppen." Insgesamt stehen beim TK-Fachberater neun Seminartagen rund 640 Lernstunden im Internet gegenüber.

Das Lernen am Computer ist kein Selbstzweck: "Für mich ist das nur ein Medium wie ein Buch, eine Möglichkeit von vielen", erläutert Staub den Einsatz des webbasierten Unterrichts. Ohne freilich die Vorteile des Systems zu unterschätzen: Denn Weiterbildung mit langen Selbstlernphasen kommt die Unternehmen günstiger. Für Teilnehmer in herkömmlichen Seminaren sind im Schnitt 40 bis 60 Prozent des vermittelten Stoffs bereits bekannt. Beim webgestützten Training lassen sich diese bekannten Dinge einfach überspringen. Deshalb will Triebe in Zukunft einige Seminare in noch kleinere Häppchen verpacken: "Lernzeit entzerren, Module verkleinern und dabei in sich geschlossen halten." Die Idee: "Ähnlich wie bei Rabattmarkenheftchen sammelt der Teilnehmer seine credits" _ also anerkannte Mini-Zertifikate, die auch für andere Weiterbildungsangeboten gültig sind.

Trotz der Vorteile setzen sich virtuelle Klassenräume im großen Stil noch nicht durch. Das mag zum einen am eingeübten Lernverhalten der Teilnehmer und Trainer liegen, zum anderen an den hohen Kosten: "Die Investitionen für die Content-Erstellung und für die Tutoren ist sehr hoch", weiß Staub. Für die Kammer sind diese Seminare derzeit ein Nullsummenspiel: "Noch gewinnen wir nichts, verlieren aber auch nicht", weiß der Bildungsreferent. Dennoch sieht er unterm Strich einen Gewinn: "Das System führt zu einer höheren Kundenbindung, mehr Service, besseren Infos. Wir bleiben auch nach der Prüfung mit den Teilnehmern in Kontakt."

Reutlinger General-Anzeiger

Weitere Infos:

www.i-campus.de