Freitag, 30. Juli 2010

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22.7.2006

Die Job-Nomaden

Die Kündigung kam unerwartet und schnell. Knapp 15 Jahre, erzählt Reinhold Daigler, habe er bei den Mariaberger Heimen gearbeitet, zuletzt als koordinierender Hausmeister. »Ich stand einen Monat vor der Unkündbarkeit«, erinnert sich der heute 50-Jährige. In diesem Alter noch einmal einen neuen Job finden? Der gelernte Mechaniker bekam etliche Absagen, versuchte es dann über eine Zeitarbeitsfirma und wurde prompt vermittelt.


Für immer mehr Menschen in Deutschland wird Zeitarbeit zum Einstieg in eine Festanstellung.
FOTO: PHOTOCASE.DE

Zeitarbeit ist im Moment die Boom- Branche, die im vergangenen Jahr die meisten Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen hat. Allein das niederländische Unternehmen Randstad hat über 10 000 neue Stellen in Deutschland aufgebaut ? laut einer Umfrage der »Wirtschaftswoche« mehr als jedes andere Unternehmen. Zeitarbeit heißt, bei einer Firma angestellt zu sein, aber bei einer anderen zu arbeiten. Heute hier, morgen dort: Wer sich für Zeitarbeit entscheidet, muss flexibel sein, denn sein Einsatzort kann regional begrenzt von einem Tag auf den nächsten wechseln. Kann, muss aber nicht. Manche Zeitarbeiter sind über Jahre hinweg fest an einem Arbeitsplatz.

Dennoch haftet der Branche ein leichtes Schmuddel-Image an, das mit Hilfsarbeitertätigkeiten, Hungerlöhnen und sozialem Abstieg verbunden wird. »Meine Bekannten waren schon skeptisch«, erzählt Daigler. »Die sagten: Da verdienst du nichts und hast keine Absicherung.«

Vielleicht ist das der Grund, weshalb Deutschland in Sachen Zeitarbeit europaweit nur im Mittelfeld rangiert. Nach den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit wurden im vergangenen Jahr knapp eine halbe Million Arbeitnehmer verliehen. Umgerechnet auf die Zahl der Sozialversicherungspflichtigen sind das gerade mal etwas über ein Prozent. In Holland und den Niederlanden ist der Anteil doppelt so hoch, in Großbritannien liegt er sogar bei fünf Prozent.

Regale einräumen, am Fließband arbeiten oder die schwangere Sekretärin ersetzen. Noch vermitteln Zeitarbeitsfirmen vor allem Aushilfen und wenig qualifizierte Arbeiter. Aber das ändert sich. »Zwei Drittel unserer Arbeitnehmer werden im gewerblich-technischen Bereich verliehen«, sagt etwa Regina Trostel von der Dekra-Arbeit GmbH. Doch darunter seien immer mehr Facharbeiter und Ingenieure zu finden. »Die Branche ändert sich gerade stark. Es werden immer mehr Hochqualifizierte gesucht.«

Dieser Trend gilt nach Angaben des Bundesverbands Zeitarbeit (BZA) branchenweit. »Zeitarbeit gewinnt auch im Bereich der höher qualifizierten Mitarbeiter deutlich an Boden«, bestätigt Thomas Läpple vom BZA. Die »Großen Fünf« der Branche (Randstad, Adecco, Manpower, Persona und die Dis AG, die zusammen rund 30 Prozent Marktanteil besitzen) strecken vermehrt ihre Fühler nach hochqualifizierten Arbeitnehmern aus. Bei der Dis AG beispielsweise liegt der Akademikeranteil bei rund 20 Prozent.

Auch Studenten suchen den Weg zum Personaldienstleister. Etwa Elena Iwanova, die in Tübingen Soziologie und Germanistik studiert und die Semesterferien dafür verwendet, ihr Konto etwas aufzufüllen. »Es gibt wohl noch die Jobbörse an der Uni, aber darüber habe ich nichts gefunden«, erzählt die 26-Jährige. Eine Freundin hat ihr dann die Zeitarbeit empfohlen. In diesem Jahr wurde sie zum dritten Mal über Randstad vermittelt: dieses Mal in ein Outlet in Metzingen. »Es ist interessant, immer wieder was anderes kennen zu lernen, andere Menschen, andere Betriebe«, sagt die Russin.

In ihrem Fall tritt die Agentur als Vermittler auf. Iwanova gibt an, wann sie arbeiten will, die Firma schaut, ob sie entsprechende Anfragen von Unternehmen hat. Der Normalfall sieht jedoch anders aus. »Jeder Arbeitnehmer bei einer seriösen Zeitarbeitsfirma erhält in der Regel einen schriftlichen, unbefristeten Arbeitsvertrag mit den üblichen Leistungen wie Sozialversicherungen, bezahltem Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und gesetzlichem Kündigungsschutz«, stellt Thomas Läpple vom BZA klar.

Dieser Anspruch besteht seit 2003. Damals, zum 1. Januar, trat im Zuge der Hartz-Gesetze eine Regelung in Kraft mit dem sperrigen Namen Arbeitnehmerüberlassungsgesetz. Deren Kern ist das »Equal Treatment«, zu deutsch: Gleiches Geld für gleiche Arbeit. Steht also am Fließband ein Zeitarbeiter neben einem regulär Beschäftigten, so gelten für beide die gleichen Arbeitsbedingungen und der gleiche Lohn. Es sei denn, ein Tarifvertrag regelt das anders. »Ich habe keine schlechte Erfahrung gemacht«, sagt auch der Trochtelfinger Reinhold Daigler, verstummt kurz und ergänzt: »Bis auf den Urlaub kann ich mich nicht beklagen.« Denn sein Vertrag mit Randstad sieht das gesetzliche Minimum von 24 Tagen vor, früher hatte er 30.

Der Lebenslauf von Daigler ist exemplarisch für die starken Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Als der gelernte Mechaniker seinen Hausmeisterjob in den Mariaberger Heimen verlor, suchte er über das Arbeitsamt nach einem neuen Job. Ein Freund bot ihm an, in seiner Firma einzusteigen und gleichzeitig eine Ausbildung zum Elektroniker draufzusatteln. »Das hat Spaß gemacht, auch wenn ich mit Leuten in der Schule zusammensaß, die meine Kinder hätten sein können«, lacht Daigler.

Als er mit seiner Ausbildung fertig war, ging jedoch in dem Betrieb die Arbeit aus. Wieder reihte er sich in den Schlangen im Arbeitsamt an. »Da kam ich mir bisschen wie ein Bittsteller vor und wurde auch so behandelt«, erinnert er sich. Er bewarb sich, doch mit seinen 50 Jahren »hatte ich einfach ein Altersproblem«.

»Der Arbeitsmarkt hat diese Stelle nie zu Gesicht bekommen«

So geht es vielen Arbeitssuchenden, sagt Elke Scherer, Chefin der Reutlinger Randstad-Niederlassung. »Viele haben ein Problem mit dem Alter oder mit Krankheiten in ihrer Biografie. Die hören oft: Sie passen nicht ins Team. Wir haben jedoch die Kraft zu überzeugen. Wir können solche Leute vermitteln.«

Mitte April dieses Jahres hatte Daigler sich auf eine Anzeige hin bei Randstad beworben, Anfang Mai begann er bei der Firma BC Technology in Dettingen, im November wird er dort fest angestellt sein. »Diese Stelle«, sagt Elke Scherer, »war nie in der Zeitung. Der Arbeitsmarkt hat sie nie zu Gesicht bekommen.«

Doch warum greift ein Unternehmen auf Leiharbeiter zurück? Schließlich kosten diese Arbeitsplätze im Schnitt doppelt oder gar dreimal so viel. »Mit unseren Mitarbeitern werden Spitzen oder Krankheitsfälle abgefangen«, erklärt Elke Scherer. Denn das ausleihende Unternehmen kann den Mitarbeiter in der Regel innerhalb von drei Tagen wieder los werden. »Das heißt auch, dass wir schnell reagieren müssen, denn der Mitarbeiter bekommt ja von uns weiterhin seinen Lohn.«

Vermehrt nutzen Unternehmen, wie BC Technology, die Personaldienstleister auch zur Personalbeschaffung. »Wir wussten nicht so recht, was zu tun ist«, begründet Stefan Ballhausen, einer der vier Geschäftsführer von BC Technology, den Schritt. »Wir haben keine Erfahrung mit Bewerbungsgesprächen und vor allem haben wir keine Zeit. Auch die Auswahl wäre sicher schwierig geworden«, erzählt der kaufmännische Leiter des gerade mal ein Jahr alten Vier-Mann-Unternehmens, das unter anderem Reinraumanlagen herstellt. »Außerdem haben wir sehr schnell einen Mitarbeiter mit einer sehr speziellen Qualifikation gesucht. Diese Beschreibung kriegen Sie ja gar nicht in einen Anzeigentext hinein.« Deshalb beauftragten sie Randstad mit der Rekrutierung. »Wir haben genau einen Mitarbeiter vermittelt bekommen, und der passt zu hundert Prozent auf die Stelle«, freut sich Ballhausen.

Immer mehr Zeitarbeitsfirmen bieten neben der klassischen Arbeitnehmerüberlassung verstärkt solche Personalrekrutierung und -vermittlung an. »Anzeigen schalten und Bewerbungsgespräche führen ist ein administrativer Aufwand, und den delegieren immer mehr Unternehmen an uns«, weiß Elke Scherer.

So übernimmt die Zeitarbeitsbranche zunehmend auch die Aufgaben des Arbeitsamtes. Jeder dritte Zeitarbeiter wird nach einer gewissen Zeit vom Leihunternehmen fest angestellt. Das ergab eine Studie des Marktforschers Lünendonk. Im kaufmännischen Bereich sind es nach der Erfahrung von Elke Scherer sogar annähernd die Hälfte. »Wir stehen unseren Mitarbeitern natürlich nicht im Weg, wenn sie übernommen werden«, gibt sie sich kulant. Zeitarbeit wandelt sich. Vom Schmuddel-Image will auch Wolfgang Hartig, Bundesfachgruppenleiter Zeitarbeit bei der Gewerkschaft verdi, nicht reden. Im Gegenteil: Er ist häufig bei Betriebsversammlungen dabei und weiß, dass die meisten Arbeitnehmer zufrieden sind. »Früher gab es viele schwarze Schafe unter den Betrieben, da waren auch die Ausreißer schlimmer«, erinnert er sich.

»Es gibt einen Wettbewerb im Lohndumping«

Früher, das war vor Juli 2003, als der DGB erstmals einen Tarifvertrag mit BZA und IGZ abgeschlossen hat, dem Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen. Der Tarif schreibt als minimalen Stundenlohn für Helfertätigkeiten derzeit 7,20 Euro vor. Dennoch ist nicht alles in Butter, denn nach den Worten von Wolfgang Hartig tobt ein »Wettbewerb im Lohndumping«. Zwei andere Interessenverbände ? der Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP) und die Bundesvereinigung Deutscher Dienstleistungsunternehmen (BVD) ? haben mit der christlichen Gewerkschaft CGZP einen anderen Tarifvertrag abgeschlossen, bei dem die Arbeitnehmer schlechter stehen. »Da gibt es echte Wettbewerbsverzerrungen«, ärgert sich der Gewerkschafter.

Dem Boom der Zeitarbeit tun solche Geplänkel keinen Abbruch. Die Personalvermittler suchen händeringend nach Arbeitskräften. Derzeit haben sie deutschlandweit knapp 140 000 Stellen nicht besetzt. Und Experten rechnen fürs kommende Jahr mit einem weiteren Kick für die Branche. Grund ist die Mehrwertsteuererhöhung am 1. Januar 2007. Viele Unternehmen fürchteten einen Knick in der Konjunktur, stellten deshalb kein neues Personal ein sondern griffen lieber auf Zeitarbeiter zurück. (GEA)

de.wikipedia.org/wiki/Zeitarbeit
www.ig-zeitarbeit.de
www.bza.de

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Zeitarbeit boomt, keine andere Branche schafft mehr Stellen. Knapp eine halbe Million Menschen arbeiten bei Personaldienstleistern. Vielen bieten sie den Einstieg ins Berufsleben oder die Chance auf eine zweite Karriere.