Freitag, 30. Juli 2010

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27.11.2004

Nicht jammern - machen

Die Zukunft ist grau, 2,80 Meter breit und 4,60 Meter lang: ein Bürocontainer. Vier dieser Metallkisten stehen auf dem Campus der Reutlinger Fachhochschule (FH). Die Zukunft ist aber auch bunt, aufregend und lebendig. Vier junge Männer verbreiten fröhlichen Optimismus. In nüchternen, funktionalen Räumen stecken Tatendrang, jede Menge Selbstbewusstsein und viel Mut.


Die »Container-Jungs« auf dem Campus der Reutlinger Hochschule: (von links) Holger Siegrist, Thorsten Ströher, Volker Langner und Tobias Kunze.
FOTO: MARKUS NIETHAMMER

»Ich bin der festen Überzeugung, dass unser Konzept aufgeht.« Selbstverständlich gehen Thorsten Ströher diese Worte über die Lippen. Im April hat er sein Büro in einem der vier Container bezogen und arbeitet seitdem als selbstständiger Unternehmer. Gefördert von »First Step Diogenes«, einem landesweit einmaligen Projekt, das Existenzgründern unter die Arme greift und sie in der Anlaufphase mit Infrastruktur, Geld und Rat begleitet.

Thorsten Ströher ist Dienstleister, er verkauft sein Know-How, das er in vielen Jahren im Vertrieb einer großen Balinger Firma erworben hat. Seine Geschäftspartner sind Unternehmen, die wohl gut sind in der Produktion, die aber keine Zeit und kein Personal haben, ihre neuen Produkte an den Mann zu bringen. »Für solche Firmen baue ich einen Vertrieb auf. Ich setze mich ans Telefon, rufe potenzielle Kunden an und bringe neue Ideen ein. Ich bin dann die Vertriebsabteilung«, beschreibt er seine Unternehmensidee.

Ein Wagnis war es für ihn allemal, das sichere Nest der Festanstellung zu verlassen und den Schritt in die Selbstständigkeit zu unternehmen. Doch als ihm Professor Dieter Hoppen von der FH das Angebot machte, in den Container einzuziehen, gab's für den 31-Jährigen nicht viel zu überlegen: »Ich frag' nicht, wie viel Sicherheit ich haben kann.« Hinein ins kalte Wasser der Selbstständigkeit und sehen, ob man schwimmen kann. »Überhaupt«, ereifert sich der umtriebige Betriebswirt, »kann ich dieses Sicherheitsdenken nicht mehr nachvollziehen. Das stammt aus einer alten Zeit.«

In den Containern auf dem Campus residieren mittlerweile vier Gründer, alles ehemalige Studenten der FH. So unterschiedlich ihre Geschäftsmodelle auch sind - sie eint ein gemeinsames Ziel: Selbst ein Unternehmen aufbauen, auch in wirtschaftlich düsteren Zeiten den Sprung in die Selbstständigkeit wagen. Kurz: Nicht jammern, sondern machen.

Freilich hält sich für die Gründer das Risiko in Grenzen. Das weiß auch Holger Siegrist, der im Herbst vergangenen Jahres direkt nach seinem Diplom als erster in den Container gezogen ist: »Jetzt, in meinem Alter, kann ich das noch machen. Jetzt ist es ideal.« Nach dem Studium sind die Ansprüche und Abhängigkeiten gering. Deshalb ist er überzeugt: »Je sicherer das Nest ist, desto schwieriger ist der Schritt ins Risiko.« Der 28-Jährige hatte sich im Rahmen seiner Diplomarbeit bereits mit dem Thema Existenzgründung beschäftigt. Da lag es nahe, aus der theoretischen Betrachtung berufliche Praxis werden zu lassen. Sein Fachgebiet ist die Informationsbeschaffung und die Marktforschung.

Den Vorteil der Selbstständigkeit sieht er in den freien Rahmenbedingungen: »Man kann seinen eigenen Arbeitsstil entwickeln. Ich passe mich den Kundenwünschen an.« Für Selbstständige vermischen sich Arbeit und Freizeit und lassen sich nicht mehr klar voneinander trennen. »Die Arbeit hört eigentlich nie auf«, sagt Thorsten Ströher. »Ich mach' mir immer Gedanken, und wenn ich im Café sitze, habe ich einen Block dabei für Notizen.«

Da hilft es auch wenig, dass die Gründer für eine räumliche Trennung zwischen Wohnen und Arbeiten gesorgt haben. Für Siegrist spielt das separate Büro eher unter psychologischen Gesichtspunkten eine Rolle: »Wenn ich morgens aus dem Haus und ins Büro gehe, bin ich konzentrierter dabei.« Und er ergänzt: »Ich gehe wie andere auch arbeiten. Das ist ein Stück Normalität.«

Volker Langner, der dritte Gründer im Container, pflichtet ihm bei: »Wenn ich von zu Hause aus arbeite, komme ich ja gar nicht mehr raus.« Raus kommen bedeutet, Kontakte knüpfen und Menschen kennen lernen. Kardinaltugenden für einen Unternehmer. Genau aus diesem Grund stehen die Container auch auf dem Campus, erklärt Christine Decker vom Tübinger Gründerverbund Attempto. Dieser Standort gewährleiste einen engen Kontakt sowohl zu den Studenten als auch zu den Lehrenden. »Wenn man ein Problem hat, dann kann man schnell `rüber gehen. Wir kennen ja die Professoren«, sagt Holger Siegrist.

Networking. Für Christine Decker, die die Diogenes-Gründer berät, ist das eine der ganz großen Aufgaben des Gründerverbunds. Menschen zusammenführen, ein Netz aus Beziehungen und Kontakten knüpfen, die gerade für junge Selbstständige lebenswichtig sind. Welche Bedeutung dieses Networking hat, haben die drei Gründer unmittelbar erfahren. »Jeder von uns ist mit seiner eigenen Idee hier eingezogen. Wir kannten uns vorher nicht«, erzählt Thorsten Ströher. Sehr schnell merkten sie jedoch, dass ihre Dienstleistungen prima harmonieren. Deshalb schlossen sie sich zur Kooperation Mittelstandsbegleitung Reutlingen, kurz KMBR, zusammen.

Eine solche Zusammenarbeit hebt die Motivation. »Wir verfolgen ein gemeinsames Ziel«, erzählt Ströher. »Wir drei sind uns einig, dass wir Erfolg haben wollen.« Jeder arbeitet zwar weiterhin selbstständig in seinem Spezialgebiet, doch am Markt treten sie gemeinsam auf. Siegrist kennt einen weiteren Nutzen: »Das Netzwerk ist ein Vertrauensbonus, mit dem wir beim Kunden besser ankommen.« Denn eine solche Partnerschaft gibt Sicherheit. Sie gewährleistet, dass die Arbeit weitergeführt wird - selbst wenn einer der drei mal ausfallen sollte.

Eine solche Partnerschaft macht aber auch flexibel. »Die Kooperation gibt uns die Möglichkeit, Situationen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.« Er als Vertriebsfachmann will beispielsweise neue Ideen immer sehr schnell angehen. Da passt es ganz gut, dass Kollege Langner mit seinem Fachgebiet Controlling diese Ideen erst Mal auf ihre Machbarkeit hin abklopft und bei Verhandlungen ein kritisches Moment einbringt. »Er ist wie der Bremser beim Bobfahren«, charakterisiert Ströher dessen Rolle. Erst diese Ausgewogenheit ermöglicht es, dass das Team wohl vom Fleck kommt, aber nicht übers Ziel hinausschießt. Kein Wunder, dass die drei offensiv mit dieser Kooperation werben. Ströher: »Das Netzwerk ist fester Bestandteil unseres Marketings.«

Auf diese Vorteile einer engen Kooperation kann Tobias Kunze nicht zurückgreifen. Der 27-jährige Betriebswirt ist der vierte Gründer des Projekts. Seine Spezialität ist das Thema Kundenbindung im regionalen Fachhandel. Konkret: Wie werden Kunden dazu animiert, immer wieder beim gleichen Händler und in der gleichen Stadt zu kaufen ohne in andere Städte abzuwandern. Seine Idee ist die City-Card, eine Bonuspunktekarte, die er für Kommunen, aber auch für Unternehmen einführen und betreiben will. Der Vorteil für den Kunden liege darin, nicht wie heute mehrere Karten mitzuführen, sondern nur eine, die im Idealfall bei allen Händlern Rabatt bringt.

Ganz ohne Rückendeckung kommt auch Kunze nicht aus. Doch schließlich teilt er die Büros mit den drei anderen. Was liegt näher, als in Notfällen deren Unterstützung in Anspruch zu nehmen: »Im Kundengespräch kommt dann schon mal die Nachfrage: "Und was ist, wenn der Kunze mal krank ist?"« Da sei es wichtig, die KBMR als Partner ins Spiel bringen zu können. »Ohne wär's nicht machbar«, resümiert der Unternehmer.

Finanziert wird das Diogenes-Projekt vom Baden-Württembergischen Wirtschaftsministeriums und von der Stadt Reutlingen, die sich mit bisher 78.000 Euro beteiligt und dafür die Container gekauft hat. Mit im Boot ist noch die FH, die für die Infrastruktur - beispielsweise Strom und Webzugang - sorgt sowie Attempto Service, die mit Rat und Kontakten den Gründern zur Seite steht.

Alles eitel Sonnenschein also? Die Gründer reden nur wenig über Schattenseiten. Für sie überwiegt das Positive - der Gestaltungsspielraum, die Eigenverantwortung. »Es macht hier viel mehr Spaß, als wenn man nur ein kleines Rädchen wäre in einem großen Unternehmen«, sagt Siegrist. Und Ströher ergänzt: »Wir spüren alle die Begeisterung für eine Sache. Das ist toll.«

Und dennoch: Eine miese Seite muss es auch im Leben eines fröhlichen, optimistischen Gründers geben. Langes Schweigen. Die vier sehen sich an, überlegen. Schließlich grinst Siegrist und sagt: »Der Blick auf den Kontoauszug.« Sie lachen und lassen offen, ob die Antwort wirklich ernst gemeint war. Denn alle vier arbeiten an konkreten Projekten und haben erste Auftraggeber. (GEA)

Das Thema

Raus aus der Hochschule, rein in die Selbstständigkeit. Mit Mut und Engagement versuchen vier junge Gründer, sich am Markt zu behaupten

Mehr Infos unter attempto-service.de und kmbr.de

Dazu das Interview mit dem Unternehmensberater Ralf G. Nemeczek: Raus aus dem Jammertal.