Montag, 06. September 2010

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25.3.2006

Auf der Jagd nach Punkten

Das akademische Bildungssystem in Deutschland steht vor einem Umbruch. Besser gesagt: Es steckt schon mitten drin. Denn die traditionellen Abschlüsse Diplom und Magister sind Auslaufmodelle. Künftige Akademiker werden sich Bachelor und Master nennen. So beschlossen es 1999 die Bildungsminister aus 29 europäischen Ländern. Ziel dieser »Bologna-Erklärung« ist es, ein europaweit einheitliches Studiensystem zu schaffen. In vier Jahren schon soll der Umbau komplett abgeschlossen sein.

Niedrigere Abbrecherquoten, kürzere Studienzeiten und mehr ausländische Studenten an deutschen Hochschulen: Mit dem Umbau soll Deutschland fit gemacht werden für die Zukunft. Ob diese hochgesteckten Ziele allerdings erreicht werden, wird von etlichen Fachleuten und Praktikern bezweifelt. Derzeit jedenfalls sorgt die Aufbruchstimmung für eine fast babylonische Verwirrung in der akademischen Landschaft. Weil die einzelnen Hochschulen, Fakultäten und Institute den Bologna-Prozess in Eigenregie umsetzen, existieren das alte und neue System munter nebeneinander her.

Was ändert sich nun genau mit diesen neuen Abschlüssen? Kurz gesagt: alles. Der augenfälligste Unterschied liegt im zweistufigen Aufbau des Studiums. Bachelorstudenten können in der Regel bereits nach sechs Semestern dem Hochschulleben ade sagen und sich mit dem qualifizierten Abschluss in die freie Wirtschaft wagen. »Die Studierenden haben mehr Möglichkeiten, sich nach überschaubaren Phasen neu zu ordnen«, erklärt Wolfgang Hiller, Rektor an der Hochschule Reutlingen. Und weiter: »Der Bachelorabschluss ermöglicht einen frühen Berufseinstieg, das Masterstudium sorgt für eine Spezialisierung.«

Konkret: Nachdem die Studenten ihren Bachelor in der Tasche haben, können sie entscheiden. Wollen sie ins harte Arbeitsleben wechseln oder bleiben sie an der Hochschule und vertiefen ihr Wissen, um nach einem bis zwei Jahren ihren Masterabschluss zu machen? Die Wahlfreiheit ist in jedem Fall groß, denn die akademische Karriere muss nicht am Stück verlaufen. Beide Abschlüsse müssen auch nicht unbedingt im selben Fach erfolgen. Der Bachelor-Ingenieur kann also einen Master in Ökonomie aufsatteln. Wobei nicht jede Kombination möglich ist und jedes Institut, jede Universität sich die Studierenden selbst aussuchen kann.

Weil die deutschen Unis sich damit an den Weltstandard anpassen wollen, firmieren die neuen Abschlüsse unter international anerkannten Bezeichnungen. Es gibt den Bachelor of Science (B.Sc. - bei naturwissenschaftlichen Studiengängen), den Bachelor of Arts (B.A. - bei Abschlüssen in Geistes- und Kulturwissenschaften), bei einigen Ingenieurwissenschaften den Bachelor of Engineering (B.Eng.) sowie für Juristen den Bachelor of Laws (LL.B.) Die Masterabschlüsse heißen entsprechend. Zusätzlich im Angebot ist der MBA, der Master of Business Administration. Ein spezieller Weiterbildungsstudiengang, der etwa an der Hochschule Reutlingen bereits seit Ende der 90er Jahre angeboten wird.

Für Rektor Hiller ist klar: »Mit weltweit anerkannten Regeln erschließen sich nicht nur unseren Absolventen bessere Bildungseinrichtungen im Ausland - auch der ausländische Arbeitsmarkt öffnet sich für sie.« Ob damit jedoch eine europäische Harmonisierung eintritt, und Studenten problemlos ihr Studium in Tübingen beginnen und in Paris fertig machen können, ist unklar. »Das halte ich für eine Illusion«, sagt Andreas Boeckh, Professor am Tübinger Institut für Politikwissenschaft (IfP). Selbst innerhalb Deutschlands sei »die Varianz groß«, seien Ausbildungsinhalte nicht unbedingt vergleichbar.

Deutlicher wird Baldur Veit, Leiter des Akademischen Auslandsamtes der Reutlinger Hochschule: »Das können Sie vergessen.« Denn manche Partnerhochschulen verlangen längere Studienzeiten, britische Unis hingegen bieten kürzere Bachelorgänge an. »Das ist eine heiße Kiste. Die Briten haben eine Zwischenstufe eingebaut, auf die wir in Deutschland verzichtet haben - obwohl der Bologna-Prozess es ermöglicht hätte.«

Die Formalien sind im neuen System andere, aber wie steht's mit den Inhalten? Die Umstellung sei ein »sehr, sehr zeitaufwendiger Prozess« gewesen, erinnert sich Politikprofessor Andreas Boeckh. Zwei Jahre hätten die Lehrenden des IfP für die Erarbeitung des BA-Studiengangs benötigt. Zum Wintersemester 2003/04 konnten sich die ersten Studenten darin einschreiben. Also mussten die Inhalte neu strukturiert, in Module zusammengepackt und zeitlich gewichtet werden. Denn für jeden Studiennachweis werden künftig »credit points« vergeben, eine Art Stundenzettel. Ein »credit« entspricht ungefähr der Arbeit von 30 Stunden. Neu im Lehrplan sind außerdem »überfachliche Qualifikationen«, etwa Bewerbungstraining, Präsentationstechniken und Einführung in die Online-Recherche.

Ist das geschafft, sind noch weitere Hürden zu nehmen. »Sie müssen einen solchen Studiengang erst mal durch die Gremien bringen«, erzählt der Politikprofessor. Gemeint sind Fakultäts- und Uni-Ausschüsse sowie als letzte Instanz eine europaweite Akkreditierungsagentur, die den Inhalt des Studiengangs prüft - für eine Aufwandsentschädigung von rund 15 000 Euro, sagt Boeckh.

Beim Bachelor ebenfalls neu sind verpflichtend zwei sechswöchige Praktika. Damit soll auch das Studium an der Uni berufsorientierter verlaufen. Eigenschaften, die bisher noch den Fachhochschulen zugeschrieben werden. »Es besteht die Gefahr einer Annäherung«, weiß Baldur Veit von der Reutlinger Hochschule, die einstmals als Fachhochschule firmierte. Vor allem wenn die Zahl der Studienbewerber abnehmen sollte, »wird die Konkurrenz für uns größer«. Er sieht nur einen Ausweg: »Wir müssen noch mehr Profil bildende Studiengänge anbieten.« Was sie ohnehin bereits tun. Überhaupt waren die Reutlinger eine der ersten Hochschulen im Land, die auf die neuen Studiengänge setzten.

Ein anderes Problem tut sich für die Hochschule allerdings in Bezug auf die Inhalte auf. Denn sie will auf das obligatorische eine Praxissemester nicht verzichten, andererseits darf sie aber keine anderen Themen unter den Tisch fallen lassen, will sie eine Akkreditierung erhalten. So wird der restliche Lehrstoff dicht in die restlichen Semester gepackt.

Klar ist, dass auf die Studenten mehr Arbeit zukommen wird. »Die BA-Studenten haben nach sechs Semestern genauso viel Politik gehabt wie bisher nach acht Semestern im Magister-Studium«, sagt Boeckh vom IfP. Und Kaspar Maase vom Tübinger Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft ergänzt: »Der Arbeitsdruck wird sehr viel größer werden.« Denn studiert werden soll künftig 1 800 Stunden im Jahr, was einer 40 Stunden-Woche entspricht. Für Studenten, die nebenher noch ihren Lebensunterhalt verdienen müssten, sei das schwierig umzusetzen.

Derzeit wird auf dem Tübinger Schloss noch eifrig an dem neuen BA/MA-Studiengang »Empirische Kulturwissenschaft« gebastelt. Im kommenden Wintersemester soll er starten und gleichzeitig das alte Magisterstudium ablösen. Im Gegensatz zu den Politologen, wo derzeit noch beide Systeme nebeneinander existieren, favorisieren die »EKW'ler« also einen harten Schnitt. Doch Professor Maase ist zufrieden: »Das wird ein solider Studiengang werden.«

Bis dahin haben er und seine Kollegen noch einen weiten Weg vor sich. Denn neben der neuen Struktur müssen sie sich auch mit anderen Fächern stärker abstimmen, beispielsweise bei Prüfungsterminen. Beim BA/MA gehen die Leistungen, die während des Semesters erbracht werden, stärker in die Gesamtnote ein. Bisher liegt das Hauptgewicht noch auf den abschließenden Prüfungen und der Diplom- oder Magisterarbeit.

»Wir müssen uns daran gewöhnen: Weiterbildung kostet Geld«

Diese neue Struktur mache das Studium künftig sehr betreuungsintensiv, sagt Politologe Boeckh und gibt zu: »Von der Kapazität her sind wir völlig ausgereizt.« Auch Kulturwissenschaftler Maase sieht die Grenzen der Arbeitsbelastung erreicht. Spezialisierte Master-Studiengänge könnten derzeit nicht angeboten werden, ohne auf Lehrbeauftragte zurückzugreifen - also auf externe Wissenschaftler. »Aber die kosten Geld. Dafür müssten die Studenten also zahlen.«

Eine Entwicklung, die kommen wird, glaubt Baldur Veit von der Reutlinger Hochschule. »Wir Deutschen müssen uns daran gewöhnen, dass Weiterbildung Geld kosten wird.« Bereits heute bietet die Hochschule den MBA in Internationalem Marketing als Fernstudium kostenpflichtig an. Und ein M.Sc. in Internationalem Management in Zusammenarbeit mit der Universität in Lancaster kostet 600 britische Pfund.

Völlig unklar ist übrigens die Zukunft des Lehramtsstudium. »Das Staatsexamen ist ein riesiges Problem, das lässt sich gar nicht in den Bologna-Prozess eingliedern«, sagt Veit, der auch im Vorstand des Deutschen Akademischen Austauschdienstes sitzt. Aber noch haben die Kultusminister ja bis 2010 Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. (GEA)

Das Thema

Ausbildung - Die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge sind im Kommen. Was verbirgt sich dahinter?

Links:

Hochschule Reutlingen
Uni Tübingen
Deutscher Bildungsserver