Freitag, 30. Juli 2010

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8.10.2005

Was ist das Leben?

Es gibt Fragen, die sind so einfach, dass ihre Beantwortung schwer fällt. »Was ist das Leben?« ist so eine Frage. Ist das Leben ein Spiel? Oder ein Fest? Oder doch mehr ein Kampf? Wenn diese Frage einer Gruppe von Menschen gestellt wird, fallen die Antworten ganz unterschiedlich aus. Und doch lassen sich in der Vielzahl der Deutungen Muster erkennen.


Auf dem Gemälde »Die Schule von Athen« stellt sich Raffael (1483 - 1520) vor, wie die großen antiken Philosophen Platon, Aristoteles und Heraklit miteinander diskutieren.

Es ist ein Freitag Nachmittag im Reutlinger Pflegeheim »Voller Brunnen«. Durchs Oberlicht des Andachtsraums scheint die Herbstsonne. Sechs Schüler, um die 16 Jahre alt, sitzen mit einem Dutzend älterer Menschen im Rund zusammen und sprechen übers Leben. Moderiert vom Schweizer Philosophen Daniel Bremer tauschen sie ihre Gedanken aus. »Man muss sich in jedem Fall durchsetzen«, ist sich eine weißhaarige Dame sicher. Und bekommt damit Unterstützung von einem jugendlichen Schüler in Jeans und Pulli: »Das Leben ist ein Kampf um Anerkennung, um Liebe und Geld.« Ein anderer ergänzt: »Irgendwie kämpft man ja immer.« Doch dem widerspricht ein alter Mann: »Wenn man kämpft, ist das Leben schon vorbei. Ich habe nicht gekämpft, sondern war ruhig und friedlich. Ich wollte nichts erreichen.« Damit erntet er anerkennendes Nicken von zwei älteren Frauen.

»Es könnte sein, dass die ältere Generation mehr vom Leben weiß«

Im Rahmen eines Schulprojekts kam Daniel Bremer nach Reutlingen. Der 40-Jährige leitet schon seit drei Jahren solche philosophischen Runden. Er nennt sie Zeitrandgespräche. An den Rändern der Zeit, da wohnen die jungen und die alten Menschen. Bei den einen beginnt die Lebenszeit, bei den anderen wird sie bald enden. Seit wir nicht mehr in Großfamilien leben, sind solche generationsübergreifenden Gespräche selten geworden. So selten, dass sie initiiert werden müssen, wie an jenem Nachmittag im Pflegeheim.
»Es könnte ja sein«, hatte Bremer zu Beginn der Runde vermutet, »dass die ältere Generation mehr vom Leben weiß«. Doch im Verlauf der zwei Stunden wird klar, dass die Betagten keinen Wissensvorsprung für sich verbuchen können. Vielmehr scheinen die Vorstellungen höchst individuell zu sein. Mehr noch: Im Gespräch schließen sich Allianzen über Lebensjahrzehnte hinweg.

Beispielsweise als ein 98-jähriger Heimbewohner mit fester, lauter Stimme den Fortschritt lobt und sich damit auf die Seite einiger Schüler schlägt: »Die Technik muss weitergehen. Sonst geht gar nichts mehr!« Eine weißhaarige Frau widerspricht ihm und wettert gegen Genfood und Umweltverpestung - und knüpft damit ein Band zu einer ruhigen Schülerin, die sich ebenfalls für die Natur einsetzen will. Leise und vorsichtig, fast im Plauderton, lenkt Philosoph Bremer die Diskussion. »Ich beginne mit ganz banalen Fragen: Wie stellt ihr euch das Leben vor? Und warum gerade so? Die Leute werden dann in kürzester Zeit zum Denken angeregt«, erläutert der 40-Jährige seinen Moderationsstil.

Jeder Mensch besitzt eine bestimmte Vorstellung vom Leben. Jeder trägt ein Sortiment von Wörtern mit sich herum, die zur Beschreibung und Rechtfertigung von Überzeugungen eingesetzt werden. Bremer spricht von »Lebensmetaphern«, also von sprachlichen Bildern: »Es gibt viele Metaphernbereiche, die entscheidend ganze Berufsbilder prägen, die auch Altersvorstellungen prägen.«

Eine der ältesten Metaphern fürs Leben stammt von Heraklit, einem griechischen Philosophen aus dem fünften Jahrhundert vor Christus. Er vergleicht das Leben mit einem Bogen - ein Bild, dass auch heute noch häufig verwendet wird, wenn von den »besten Jahren« die Rede ist oder dem »Zenit« des Lebens. Hierzulande wird das Leben am häufigsten als Kampf beschrieben, weiß Bremer aus vielen philosophischen Gesprächen. »Die Ursprünge dieser Metapher reichen weit in die Antike hinein.« In der Neuzeit wurde dieses Bild durch Charles Darwin aufgefrischt und das von ihm formulierte Prinzip des »Überlebens des Stärkeren«.

Aber wozu dieses Nachdenken über unterschiedliche Metaphern? »Jeder Mensch kann zwischen solchen Bildern wählen. Deshalb ist es ja so wichtig, nach diesen Lebensbildern zu fragen«, antwortet Bremer in seiner leisen, mal tastenden, mal sprudelnden Art. Und schiebt als Beispiel einen Menschen nach, der häufig eine »militante Kampfmetaphorik« verwendet, sein Leben also »in Schlachten, Siege und Niederlagen einteilt«, der Schläge austeilt und der niedergeschlagen nach Hause kommt. »In einem philosophischen Gespräch würde ich ihn auf diese Art Metaphorik als bloß eine von hunderten hinweisen.« Soll heißen: Das Leben ist kein Kampf, man stellt es sich nur so vor. Man könnte es sich auch ganz anders vorstellen. »Der so entstehende Perspektivenwechsel eröffnet einen Horizont von Möglichkeiten.«

Der 40-jährige Schweizer ist hauptberuflicher Philosoph. Doch keiner, der sich im Elfenbeinturm der Universität verkriecht, auch keiner, der sich eine besonders hochgestochene, schwer verständliche Sprache angeeignet hat. Sondern jemand, der raus geht und mit den Leuten spricht. Über den zweiten Bildungsweg hatte er studiert, »mit der Hoffnung, Philosophie im Leben umsetzen zu können«. Was er auch macht, etwa als Moderator von Ethik-Arbeitskreisen, als Lehrbeauftragter in Schulen und Hochschulen und eben in jenen Zeitrandgesprächen.

»Meine These ist, dass es keines Fachwissens bedarf, um philosophieren zu können.« Im Gegenteil. Die oft komplizierte Sprache philosophischer Gesprächsrunden, wie sie auch im Fernsehen gezeigt werden, schrecke ab und müsse erst wieder in eine Alltagssprache rückübersetzt werden, »sonst versteht man's ja nicht«. Für Bremer schwingt in einer solchen Art des philosophischen Diskurses viel »akademischer Dünkel« mit. »Wenn Sie Heidegger lesen, dann merken Sie, dass da auch nur mit Wasser gekocht wird.«

Und dann erzählt er genüsslich die Geschichte der zehnjährigen Noemi, die in einem von ihm veranstalteten Zeitrandgespräch das Leben mit einem Memory-Spiel verglichen hat: »Wenn man das neue Bild aufdeckt, dann erlebt man es, und man lässt es oben. Und wenn man es erlebt hat, dann deckt man das nächste auf.« Das Amüsante daran ist, dass bereits 80 Jahre zuvor Martin Heidegger ebenfalls eine solche Aufdeckungsmetaphorik gebraucht, nur wesentlich komplizierter beschrieben habe.

Bremer spricht von praktischer Philosophie, einem Nachdenken also, das die Bodenhaftung nicht verliert, das nah dran bleibt am Alltag der Menschen. Mehr noch: Er will ihnen eine Hilfestellung fürs Leben bieten. Philosophie als Beratung. Er erzählt von philosophischen Praxen, »wo die Leute ihre Probleme besprechen können«. Und sieht den Philosophen damit als Alternative zum Psychotherapeuten. »Man liest Texte, in denen genau das Problem abgehandelt wird. Das hilft, sich distanzieren zu können.« Bremer verweist aufs Altertum: »Der Philosoph als Seelenarzt ist eine antike Vorstellung.«

»Wann haben Sie denn gemerkt, dass Sie am Leben sind?«

Doch Bremer weiß auch, dass der Begriff »Philosophie« zunächst mal abschreckend wirkt. Und so ist es zu Beginn der Gesprächsrunde im Altenheim auch still. Zwei Mädels tuscheln miteinander und kichern verlegen. Ein betagter Rollstuhlfahrer spielt nervös am Lenkhebel. Jemand verlangt nach einem Lautsprecher, weil er nicht mehr so gut höre. Bremer plaudert übers Thema, fast wie bei einem Kaffeeklatsch. Bedächtig umgarnt er seine Zuhörer, fragt und motiviert zum Antworten. Er lässt sich Zeit. Nach ein paar Minuten fasst sich eine betagte Dame ein Herz. »Man kommt rein, ohne es zu merken«, beschreibt sie ihre Sicht des Lebens. Sie lacht verlegen. War das jetzt die richtige Antwort?

»Sie haben es nicht gemerkt?«, nimmt Bremer den Ball auf und hakt nach: »Wann haben Sie denn gemerkt, dass Sie am Leben sind?« - »Vielleicht mit zwei Jahren?« Die Dame ist sich gar nicht mehr so sicher, ob ihre Beschreibung passt. Dann melden sich andere Teilnehmer zu Wort, Philosophieren ist eigentlich gar nicht so schwierig. Und doch wird der Unterschied zur Plauderei deutlich. »Man bleibt bei der Sache, am Punkt und fragt ein bisschen notorisch«, beschreibt Bremer seinen Stil der Moderation. Er verhindert allzu weites Abschweifen, er wird auch keine Aussagen treffen, keine Feststellungen machen. Vielmehr hakt er nach, spekuliert, vermutet; geduldig, aber hartnäckig und lässt die Zeit für sich spielen.

Im Laufe der zwei Stunden finden sich jede Menge unterschiedlicher Metaphern. Das Leben als Sammelprozess, als Schneid- und Teilbares oder als Last. Und welcher Vorstellung hängt der Philosoph selbst an? »Sehen Sie, es gibt über 200 solcher Metaphern. Es ist einfach ein Problem, in das ich mich verliebt habe«, lacht Bremer. Doch so schnell entkommt er trotz seines charmanten Schweizer Dialekts nicht. Nächster Versuch: »Na ja, interessant ist vielleicht auch das Leben als Lebensbild, als Metabild, nach dem Motto: Ich suche das wahre Leben hinter den Lebensbildern.« Und nochmal: Was ist Ihr Lebensbild, Herr Bremer? Er lacht: »Keine Ahnung.« (GEA)

Das Thema

Ist das Leben ein Kampf, eine Last oder ganz einfach nur ein Spiel? Moderiert vom
Philosophen Daniel Bremer unterhalten sich Reutlinger Jugendliche
und Senioren über die Bilder, die sie ihrem Leben geben.


Der Philosoph Daniel Bremer will nicht abgehoben diskutieren, sondern praktische Hilfestellungen geben.
FOTO: GRABOWSKI