Mittwoch, 08. September 2010

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10.7.2004

»Das Wissen an jeden auf dem Planeten verteilen«

So richtig Zeit für Vorlesungen und Seminare findet Kurt Jansson nicht mehr. Doch mit Bildung und Wissen hat es der 27-jährige Soziologie-Student auch in seiner Freizeit zu tun. Er ist ein »Wikipedianer«, ein Idealist, der zusammen mit tausend anderen weltweit an einer umfassenden und frei zugänglichen Enzyklopädie arbeitet - der Wikipedia.

Vor drei Jahren stieß der Berliner Student beim zufälligen Surfen auf das Vorgängerwerk, die Nupedia des US-Amerikaners Jimmy Wales. »Das war schon super spannend«, erinnert sich Jansson. Doch die Tragweite des Ansatzes war ihm damals noch nicht bewusst: »Im ersten Moment habe ich gar nicht erfasst, was das eigentlich ist.«

Im Gegensatz zu herkömmlichen Lexika beschreitet die Wikipedia einen neuen, fast schon radikalen Weg. Sie ist in jeder Hinsicht frei: Weil sie von jedem kostenlos benutzt werden kann - alle Artikel stehen unter der Freien Dokumentationslizenz GNU FDL. Weil aber auch jeder sie ergänzen, korrigieren und verändern darf. Es gibt keine Redaktion, die über die Einträge entscheidet, keinen Verlag, der für die Qualität bürgt: Es ist vielmehr die Nutzergemeinde selbst, die in einem eher chaotischen Prozess für Sauberkeit sorgt.

Und das funktioniert. »Wir haben so gut wie keinen Vandalismus«, sagt Jansson und ergänzt: »Allenfalls Schulkinder, die vielleicht mal frustriert heimkommen und dann irgendeinen Artikel löschen.« Was nicht weiter schlimm ist, denn alle Versionen der Artikel werden vom System gespeichert. Mit zwei bis drei Mausklicks ist die Zerstörung, wiederum von jedem, weggeputzt.

Und die Wikipedia-Gemeinde ist auf der Hut. »Es wird erstaunlich schnell korrigiert«, sagt Jansson. Viele Fehler seien innerhalb von wenigen Minuten ausgeräumt. Jansson weiß von Nutzern, die noch vor dem Frühstück ihren Rechner einschalten, um die Änderungen in der Wikipedia zu kontrollieren. Mit diesem Ansatz schlägt das Wikipedia-Projekt die Brücke von Open Source (also der freien Software wie Linux) hin zum Open Content, dem Ruf nach Bildung und Wissen für jedermann. Der Traum von Gründer Wales: »Eine freie Enzyklopädie, die an alle und jeden auf diesem Planeten verteilt wird.« Damit zielen er und viele andere Idealisten auf die großen, arrivierten Lexika, etwa Microsofts Encarta oder - natürlich - den Brockhaus. »Ich glaube«, sagte Wales jüngst in einem Interview, »deren Geschäftsmodell ist dem Untergang geweiht«.

Bei den großen Verlagen sieht man die Entwicklung gelassen. »Wir beobachten das natürlich und finden das Projekt auch spannend«, sagt Brockhaus-Sprecher Klaus Holoch. Doch eine Konkurrenz sieht er in der Wikipedia nicht. Vielmehr stehe die eher im Wettbewerb zu Suchmaschinen à la Google. Er weiß: »Profis, die auf absolut gesichertes Wissen zurückgreifen müssen, holen sich das Gütesiegel Brockhaus.«

Doch den Anspruch an Objektivität im Sinne von Neutralität haben die Wikipedianer auch. »Wir wollen nicht zu bestimmten Themen einen einzigen Standpunkt herausarbeiten, sondern auch abweichende Meinungen nennen«, erklärt Jansson. Klar, dass immer wieder politische Gruppen Artikel in bestimmte Richtungen drängen wollen. Doch das System aus öffentlicher Produktion und Kontrolle greift auch in diesen Fällen. Für Jansson ist diese ständige Veränderung ein »evolutionärer Prozess«. Vor allem Artikel zu neuen Themen seien zu Beginn häufig einseitig. Doch je mehr Menschen ihr Wissen beisteuern, um so ausgewogener und vielfältiger würden sie.

Derzeit arbeiten rund 4 000 registrierte und ungezählte nicht-registrierte Autoren an der weltweiten Wissenssammlung mit. Allein der deutschsprachige Teil enthält knapp 110 000 Artikel, um die 500 neue kommen jeden Tag hinzu. Doch auch wenn die Autoren kein Geld für ihre Arbeit bekommen, verschlingt der Unterhalt der Wikipedia viele Dollar. Geld kostet vor allem die Serverfarm in Florida. Deshalb gründeten deutsche Wikipedianer jüngst einen Unterstützungsverein nach US-Vorbild, dessen Vorsitzender Jansson ist. Ziel: Spenden sammeln und die Wikipedia bekannter machen - vor allem bei den Menschen, die heute noch gern zum Brockhaus greifen. (GEA)

Das Thema

Internet - Die Wikipedia ist das Linux im Lexikon-Markt: Jeder darf sie benutzen und jeder darf an ihr mitschreiben

Die Wikipedia im Web:

de.wikipedia.org