Freitag, 30. Juli 2010

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27.5.2005

Anbrüllen gegen die »Klugscheißer«

Vorher - nachher. Vorher eine dicke, unansehnliche Frau, nachher schlank und rank und hübsch. Mit solchen Bildern wird für allerlei Präparate geworben. Und jeder weiß, dass solche Veränderungen nicht einfach zu haben sind. Da gehört viel Motivation dazu, noch mehr Disziplin und es bedarf eines starken Auslösers. Der Frust muss groß sein, bevor es zur Radikalkur kommt.

Ein beherzter Schnitt täte auch Deutschland gut. Doch fünf Millionen Arbeitslose, marode Sozialsysteme und kollabierende Rentenkassen scheinen die wenigsten richtig zu schockieren. Miese Stimmung all überall - doch immer noch nicht mies genug. Etwas Neues will niemand haben.

Gegen das Jammern

Niemand? Nicht ganz. Vier Publizisten haben sich zusammengetan, um gegen allgemeine Lethargie, kollektives Gejammer und deprimierende Zukunftsaussichten anzuschreiben. »Wir kündigen!«, rufen sie laut und deutlich, brüllen es ins Land, schreiben es an die Wände, pardon, in Zeitungen und Online-Magazine wie Brand eins und ChangeX. Vorher - nachher. Die vier nehmen Alltagsbegriffe, wie Erfolg, Fortschritt oder Glück, und definieren sie neu: Vorher: »Dumm sein und Arbeit haben, das ist Glück.« Nachher: »Schlau sein und eine Arbeit daraus machen, das ist Glück.« Die vier schreiben gegen die alte Arbeitswelt an, gegen den »9 to 5«-Job, die Vollkasko-Mentalität, die Rente mit 55. Sie fordern Kreativität, Eigenverantwortung und vor allem mehr Spaß: Vergnügen an der Arbeit, an der Freizeit, am Leben.

Auch wenn ihre Forderungen modern daherkommen, besinnen sie sich eigentlich auf alte Werte, auf alte Begiffsdeutungen. Beispiel Risiko. Mittlerweile werden darin nur noch die Gefahren gesehen, nicht mehr die Chancen: »>Risiko< ist zum Angstbegriff verludert.«

Die vier haben sich 26 Begriffe vorgenommen, sezieren sie und nehmen sie zum Klettergerüst für haltloses Schwadronieren, für herrliche Lästereien und schamloses Draufhauen. Genau diese Sprache macht das Buch auch so unterhaltsam: »Tausend Vorschläge, tausend Quatschköpfe, endlose Diskussionen« - so sehen die Autoren die politische Reformdebatte. Und die etablierten Publizisten sind für sie »reklameplappernde Klugscheißer des Kulturbetriebs«. Die vier wollen Vertrocknetes aufbrechen und brauchen für dieses steinharte Sediment grobes, starkes Werkzeug.

Das ist harte Arbeit. Vorher: »Arbeit ist das halbe Leben, weil wir arbeiten, um zu leben. So kommen wir nie auf einen grünen Zweig.« Nachher: »Arbeit ist das ganze Leben, und wir leben um zu arbeiten. Wir sitzen schon längst auf einem stabilen Ast im Baum der Erkenntnis.«

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Das Buch


Dagmar Deckstein, Peter Felixberger, Michael Gleich, Wolf Lotter: Wir kündigen! Und definieren das Land neu. 193 Seiten, 19,90 Euro. Hanser Verlag, München.

Links zu Thema

www.brandeins.de
www.changex.de