Montag, 06. Februar 2012

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11. 10. 2008

Öko ist sexy

Geiz ist geil? Das war einmal. Immer mehr Menschen achten nämlich beim Einkaufen auf ökologisch und politisch korrekte Produkte. Und zwingen so Unternehmen und letztlich auch die Politik zum Umdenken. Ein Interview in Etappen.

JUTE STATT PLASTIK stand aufgedruckt auf braunen, muffig riechenden Taschen. Dieser Satz wurde zum Sinnbild der Ökos, zum Symbol der 80er Jahre. Die 1978 auf den deutschen Markt gebrachten Taschen waren zwar nicht chic, aber sie setzten Zeichen deutschlandweit fünf Millionen Mal: gegen die Ausbeutung der Welt, gegen Atomkraft, gegen Konsumterror. Ihre Träger waren die Guten. Und alle anderen, die sich lieber in Markenklamotten kleideten, die Jesuslatschen nicht ausstehen konnten, denen der Kaffee aus Guatemala nicht schmeckte, und die einfach auch ein wenig Spaß im Leben haben wollten, die waren die Bösen.


Foto: fotolia.de

Die politischen Fronten waren in den 70er und 80er Jahren noch klar gezogen. Die Welt war einfach. Heute, sagt Claudia Langer, seien diese Gegensätze aufgehoben. Die ehemalige Werberin hat im vergangenen Jahr die Verbraucherplattform Utopia mitgegründet, auf der sich Nutzer über eine ökologisch und politisch korrekte Lebensweise austauschen.

Was ist denn der Unterschied zwischen der Ökobewegung vor 20 Jahren und der heutigen?
Claudia Langer: Früher gab es eine sehr starke Schwarz-Weiß-Denke. Es gab Oben und Unten und Gut und Böse. Früher war man immer schnell mit der Anklage dabei: »Wie kannst du nur das und das tun?« Das war sehr moralisch und verbissen. Heute dagegen sagen viele Menschen: »Ich will, dass es mir gut geht. Ich will aber auch, dass es den anderen Menschen auf diesem Planeten gut geht.« Heute geht es eher um eine Balance und nicht um Radikalforderungen.

Braucht es aber nicht die Wenigen mit ihren Radikalforderungen, um die Masse zu bewegen?
Langer: Die Leute heute muss man nicht mehr bekehren. Viele Leute sind guten Willens, sie wissen aber noch nicht, was sie tun sollen. Wir nennen sie die zweite Generation. Oder die »Eigentlich müsste man mal«-Generation«: Eigentlich müsste man mal wieder das Auto stehen lassen. Eigentlich könnte man den Strom\-anbieter wechseln. Eigentlich könnte man mehr Bio kaufen.

DAS WEB 2.0 verändert vieles. Nie war es so leicht, Inhalte im Internet zu veröffentlichen, mit wildfremden Menschen in Kontakt zu kommen, andere Meinungen zu lesen, sie zu kommentieren, sich zusammenzuschließen. Erst durch die Etablierung der neuen Techniken wird aus einem Netz der Daten und Leitungen ein Netz der Menschen und Meinungen.

Das Internet entwickelt sich zu einer Art Gegenöffentlichkeit, zusammengewürfelt aus virtuellen und zeitlich befristeten Gruppen. Sie pfeifen auf die Ratschläge von Politikern und traditionellen Meinungsmachern. Und nehmen ihr Leben und ihr Lernen selbst in die Hand. Auf Portalen und in Blogs wie Karma Konsum, Lohas-Guide, Eco-Shopper, Ökoportal und eben Utopia diskutieren sie die Vor- und Nachteile einzelner Produzenten und Produkte.

Wie kamen Sie darauf, Utopia zu gründen?
Langer: Kurz gesagt: Drei Kinder und 40 geworden. Da fängt man an, nachzudenken. Außerdem haben wir zu dieser Zeit ein Haus gebaut. Es sollte komplett aus ökologischen Baustoffen bestehen. Ich bin fast durchgedreht, weil ich orientierungslos war. Zu allem und jedem habe ich widersprüchliche Informationen bekommen.

Was wollen die Nutzer auf Utopia?
Langer: Die Leute kommen zu uns mit Fragen wie: »Gebt mir einen Tipp, welchen Kraftstoff darf man noch gut finden?« Oder: »Welchem Unternehmen kann ich noch vertrauen?« Die Leute wollen beraten werden. Sie sagen: »Mein Leben ist anstrengend genug, ich will nicht Experte werden«. Ihr Anliegen ist es, sich das Leben zu erleichtern. Sie sagen: »Wenn es die Experten auf Utopia gut finden, finde ich es auch gut.«

Sie erleben also so eine Art Orientierungslosigkeit?
Langer: Genau. Ich gebe mal ein ganz einfaches Beispiel. Ein großes Thema derzeit ist die Atomkraft. Viele sagen: »Ich war zwar 30 Jahre lang gegen Atomkraft, aber jetzt bin ich doch verunsichert. Müsste man nicht für die AKWs sein wegen CO2 und so?«

KONFRONTATION wollen die wenigsten der neuen Ökos. Demonstrationen und Sitzblockaden? Kostet zu viel Zeit und ist zu wenig effektiv. Mit Radikalität und Dampfhammermethoden ist heute kein Blumenttopf mehr zu gewinnen. Auch keiner mit Öko-Erde drin.

Viel effektiver scheint sanfter Druck und gezielter Konsum zu sein. »Do good with your money«, lautet der Leitspruch des Blogs Karma Konsum. Und gemeint ist damit nicht, sein Geld zu spenden, sondern sinnvoll also nachhaltig auszugeben. Claudia Langer nennt das strategischen Konsum. Der prima übers Internet organisiert werden kann.

Als Einzelner hat man doch gar keine Chance, groß was zu verändern.
Langer: Ich finde, die Verbraucher haben es sich wahnsinnig leicht gemacht in den letzten Jahren. Die haben gesagt: »Wir können ja gar nichts tun wegen der Globalisierung, und wir sind ja sowieso alles nur Opfer ...«

Das ist eine praktische Haltung.
Langer: Genau, das ist eine super Sache (lacht). Strategischer Konsum heißt für mich aber: »Freunde, es macht einen großen Unterschied, ob ihr rechts oder links ins Regal greift, weil ihr damit ein Signal setzt.« Und wir bekommen genau die Welt, die wir uns kaufen. Strategischer Konsum heißt für mich übrigens im Zweifelsfall auch Nicht-Konsum.

Strategisch heißt damit aber auch: Es müssen viele machen ...
Langer: ... es sind ja auch viele. Es ist aber auch wichtig, dass es die Richtigen machen. Wir haben Leute in der Community, die sind wahnsinnig gut vernetzt. Was die gut finden und was die schlecht finden, kommunizieren die mit vielen anderen. Wir sind jetzt schon 26.000. Wenn wir mit der Industrie sprechen, hat unsere Stimme langsam Gewicht. Und wenn wir 100.000 sind, was mein Ziel ist, dann kann man noch mehr bewegen, weil man langsam repräsentativ wird.

Sie gehen gar nicht auf Konfrontation zur Industrie?
Langer: Die Frage ist doch: Ist die Arbeit von Attac die ich sehr schätze ­ oder die Arbeit von Greenpeace immer der zielführendste Weg? Ist es noch praktisch, zu polarisieren, anzuklagen, Mauern aufzubauen. Mein Anliegen ist eher zu sagen: »Leute, wir haben noch zehn Jahre Zeit. In diesen zehn Jahren können wir viel drehen, danach können wir täglich weniger bewegen. Und ich will viel drehen, also lasst uns überlegen, wie wir zusammen was bewegen können.«

DIE BIONADE steht für diesen neuen Lebensstil: Irgendwie gesund, in Deutschland hergestellt (deswegen politisch korrekt) und vor allem angesagt. Öko ist plötzlich sexy. Leonardo di Caprio fährt mit dem Hybridauto Toyota Prius zur Oscar-Verleihung, Madonna schwört auf Dr. Hauschka-Gesichtscreme aus der schwäbischen Provinz, und Arnold Schwarzenegger gewinnt konsequent Wahlen mit grünen Themen.

Damit gehören die Promis zu einer der trendigsten Zielgruppen derzeit, den Lohas. Das Akronym steht für »Lifestyle of Health and Sustainability«, was so viel wie gesunder und nachhaltiger Lebensstil bedeutet. Es sind Gutmenschen, die sich‘s gut gehen lassen. Erst vor etwa zwei Jahren eroberten die Lohas Deutschland. Damals hatte das Kelkheimer Zukunftsinstitut des Trendforschers Matthias Horx diese neue Zielgruppe präsentiert. »Bioprodukte dürfen nicht länger ›nur‹ gesund sein, sondern müssen den Ansprüchen an Genuss und Bequemlichkeit gerecht werden«, beschreibt Eike Wenzel, einer der Autoren der Studie, die Ansprüche der Lohas.

Im Urlaub nach Meck-Pomm und nicht in die Dom-Rep, im Kleiderschrank die Bio-Baumwoll-Jeans und nicht der Plastikfummel: Mutige Schätzungen stecken ein Drittel der Deutschen in dieses Konsum-Milieu. »Sie pflegen einen hybriden Lebensstil des ›Sowohl als auch‹ und bringen damit bislang widersprüchliche Bedürfnisse zusammen: Umweltorientierung und Design, Technikbegeisterung und Naturverbundenheit, Genuss und gutes Gewissen«, sagt Wenzel. Genau das unterscheidet sie von ihren Öko-Vorgängern aus dem letzten Jahrhundert. Kritiker sehen jedoch nur eine weitere kaufkräftige Zielgruppe, so eine Art Öko-Yuppies. Claudia Langer kennt dieses Vorurteil.

Alle Bioprodukte kosten mehr, ob Tomaten, Fleisch oder energieeffizienter Kühlschrank. Dieser nachhaltige Lebensstil ist doch nur etwas für Leute mit viel Geld.
Langer: Dem würde ich vehement widersprechen. Wenngleich ich sagen muss: »Ja, das ist was dran!« Und: »Nein, da ist nichts dran!« Wenn Sie wenig Haushaltsnettoeinkommen haben, ist die Idee, jetzt sofort fünf Energiesparlampen zu kaufen, natürlich absurd, weil sie erst mal sagen: »Hey, das kostet ‘ne Menge Geld!« Tatsächlich aber macht es wenn Sie sich das Geld gut einteilen wollen viel Sinn, dass sie sich die Energiesparlampe kaufen. Denn in fünf Monaten hat die sich amortisiert. Und dann beginnen sie zu sparen.

Wer registriert sich bei Ihnen alles?
Langer: Wir haben den Hartz-IV-Empfänger genauso wie den Multimillionär. Wir haben den Bio-Bauern und den Nicht-Bio-Bauern. Wir haben viele Leute, die man nicht in das klassische Lohas-Segment packen würde. Viele Studenten beispielsweise, die wirklich einfach leben. Die zahlen dann für das Bio-Schnitzel mehr, dafür kochen sie bewusster mit mehr Gemüse. Sie machen aus der Not eine Tugend.

Womit wir wieder beim Thema Verzicht wären.
Langer: Nein, überhaupt nicht! Ein Beispiel: Statt reflexartig wie früher mit den Kindern in Urlaub zu fliegen, habe ich mich mit ihnen in die bayerische Oberlandbahn gesetzt. Wir sind bis ans Ende gefahren und dann über drei Tage zurückgeradelt. Das war sehr, sehr günstig. Die Frage ist: Ist das ein Verzicht? Das ist doch eine Frage der Bewertung.

Haben es Ihre Kinder denn als Verzicht erlebt?
Langer: Nein, gar nicht. Für die Kinder war das toll. Obwohl es ziemlich anstrengend für sie war. Meine Kleine hat mit ihren fünf Jahren noch wirklich kleine Beine. Für die waren die 35 Kilometer am Tag echt stressig. Aber sie hat das geschafft und war hinterher natürlich irre stolz. Also, wo ist der Verzicht? (GEA)


Claudia Langer ist eine der Initiatoren der Internet-Plattform Utopia. Registrierte Nutzer bewerten nachhaltige Produkte, Dienstleistungen und Unternehmen. Eine festangestellte Redaktion lanciert regelmäßig Aktionen, etwa zum müllfreien Büro oder zum Wechsel auf einen Ökostrom-Anbieter. Aktiv war die 42-Jährige schon zuvor: Mit 19 gründete sie ihre erste eigene Firma. 1992 beaute sie eine Werbeagentur auf und gewann mit pfiffigen Kampagnen die Etats etwa von Burger King, e.on, MTV und Levi‘s. Sie wohnt mit ihrer Familie in München. (ski)
FOTO: PR/PHILIPPE STALLA
www.utopia.de