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11. 10. 2008 Öko ist sexyGeiz ist geil? Das war einmal. Immer mehr Menschen achten nämlich beim Einkaufen auf ökologisch und politisch korrekte Produkte. Und zwingen so Unternehmen und letztlich auch die Politik zum Umdenken. Ein Interview in Etappen. JUTE STATT PLASTIK stand aufgedruckt auf braunen, muffig riechenden Taschen. Dieser Satz wurde zum Sinnbild der Ökos, zum Symbol der 80er Jahre. Die 1978 auf den deutschen Markt gebrachten Taschen waren zwar nicht chic, aber sie setzten Zeichen deutschlandweit fünf Millionen Mal: gegen die Ausbeutung der Welt, gegen Atomkraft, gegen Konsumterror. Ihre Träger waren die Guten. Und alle anderen, die sich lieber in Markenklamotten kleideten, die Jesuslatschen nicht ausstehen konnten, denen der Kaffee aus Guatemala nicht schmeckte, und die einfach auch ein wenig Spaß im Leben haben wollten, die waren die Bösen.
Die politischen Fronten waren in den 70er und 80er Jahren noch klar gezogen. Die Welt war einfach. Heute, sagt Claudia Langer, seien diese Gegensätze aufgehoben. Die ehemalige Werberin hat im vergangenen Jahr die Verbraucherplattform Utopia mitgegründet, auf der sich Nutzer über eine ökologisch und politisch korrekte Lebensweise austauschen. Was ist denn der Unterschied zwischen der Ökobewegung vor 20 Jahren und der heutigen? Braucht es aber nicht die Wenigen mit ihren Radikalforderungen, um die Masse zu bewegen? DAS WEB 2.0 verändert vieles. Nie war es so leicht, Inhalte im Internet zu veröffentlichen, mit wildfremden Menschen in Kontakt zu kommen, andere Meinungen zu lesen, sie zu kommentieren, sich zusammenzuschließen. Erst durch die Etablierung der neuen Techniken wird aus einem Netz der Daten und Leitungen ein Netz der Menschen und Meinungen. Das Internet entwickelt sich zu einer Art Gegenöffentlichkeit, zusammengewürfelt aus virtuellen und zeitlich befristeten Gruppen. Sie pfeifen auf die Ratschläge von Politikern und traditionellen Meinungsmachern. Und nehmen ihr Leben und ihr Lernen selbst in die Hand. Auf Portalen und in Blogs wie Karma Konsum, Lohas-Guide, Eco-Shopper, Ökoportal und eben Utopia diskutieren sie die Vor- und Nachteile einzelner Produzenten und Produkte. Wie kamen Sie darauf, Utopia zu gründen? Was wollen die Nutzer auf Utopia? Sie erleben also so eine Art Orientierungslosigkeit? KONFRONTATION wollen die wenigsten der neuen Ökos. Demonstrationen und Sitzblockaden? Kostet zu viel Zeit und ist zu wenig effektiv. Mit Radikalität und Dampfhammermethoden ist heute kein Blumenttopf mehr zu gewinnen. Auch keiner mit Öko-Erde drin. Viel effektiver scheint sanfter Druck und gezielter Konsum zu sein. »Do good with your money«, lautet der Leitspruch des Blogs Karma Konsum. Und gemeint ist damit nicht, sein Geld zu spenden, sondern sinnvoll also nachhaltig auszugeben. Claudia Langer nennt das strategischen Konsum. Der prima übers Internet organisiert werden kann. Als Einzelner hat man doch gar keine Chance, groß was zu verändern. Das ist eine praktische Haltung. Strategisch heißt damit aber auch: Es müssen viele machen ... Sie gehen gar nicht auf Konfrontation zur Industrie? DIE BIONADE steht für diesen neuen Lebensstil: Irgendwie gesund, in Deutschland hergestellt (deswegen politisch korrekt) und vor allem angesagt. Öko ist plötzlich sexy. Leonardo di Caprio fährt mit dem Hybridauto Toyota Prius zur Oscar-Verleihung, Madonna schwört auf Dr. Hauschka-Gesichtscreme aus der schwäbischen Provinz, und Arnold Schwarzenegger gewinnt konsequent Wahlen mit grünen Themen. Damit gehören die Promis zu einer der trendigsten Zielgruppen derzeit, den Lohas. Das Akronym steht für »Lifestyle of Health and Sustainability«, was so viel wie gesunder und nachhaltiger Lebensstil bedeutet. Es sind Gutmenschen, die sich‘s gut gehen lassen. Erst vor etwa zwei Jahren eroberten die Lohas Deutschland. Damals hatte das Kelkheimer Zukunftsinstitut des Trendforschers Matthias Horx diese neue Zielgruppe präsentiert. »Bioprodukte dürfen nicht länger ›nur‹ gesund sein, sondern müssen den Ansprüchen an Genuss und Bequemlichkeit gerecht werden«, beschreibt Eike Wenzel, einer der Autoren der Studie, die Ansprüche der Lohas. Im Urlaub nach Meck-Pomm und nicht in die Dom-Rep, im Kleiderschrank die Bio-Baumwoll-Jeans und nicht der Plastikfummel: Mutige Schätzungen stecken ein Drittel der Deutschen in dieses Konsum-Milieu. »Sie pflegen einen hybriden Lebensstil des ›Sowohl als auch‹ und bringen damit bislang widersprüchliche Bedürfnisse zusammen: Umweltorientierung und Design, Technikbegeisterung und Naturverbundenheit, Genuss und gutes Gewissen«, sagt Wenzel. Genau das unterscheidet sie von ihren Öko-Vorgängern aus dem letzten Jahrhundert. Kritiker sehen jedoch nur eine weitere kaufkräftige Zielgruppe, so eine Art Öko-Yuppies. Claudia Langer kennt dieses Vorurteil. Alle Bioprodukte kosten mehr, ob Tomaten, Fleisch oder energieeffizienter Kühlschrank. Dieser nachhaltige Lebensstil ist doch nur etwas für Leute mit viel Geld. Wer registriert sich bei Ihnen alles? Womit wir wieder beim Thema Verzicht wären. Haben es Ihre Kinder denn als Verzicht erlebt? |
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