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8.4.2006 Mit einem Klick zum GlückAbends, wenn die Kleine im Bett ist, setzt sich Katja Braun* an ihren Laptop und wählt sich ins Internet ein. Sie checkt ihr E-Mail-Postfach und schaut danach bei Friendscout vorbei. Schon wieder sind vier Nachrichten eingegangen. Den Text von »Kuschelbär84« löscht sie sofort (»wer sich so nennt, den will ich gar nicht kennen lernen«), die anderen werden eben mal quer gelesen. Dass der Mann, von dem sie gerne gehört hätte, sich schon wieder nicht gemeldet hat, nervt sie. »Das sind Umgangsformen hier, die sind richtig mies.«
Katja Braun ist eine von deutschlandweit einigen Millionen Menschen, die im Internet auf der Suche nach einem Partner sind. Ob Friendscout, neu.de oder yahoo-Dating: Zwischen fünf und neun Millionen Deutsche ? da sind sich die Umfragen nicht so einig ? nutzen das Internet zur Partnersuche. Nach dem Motto »Die große Liebe ist nur einen Mausklick weit entfernt« führen knapp 2 000 Online-Dating-Anbieter derzeit mittels klassischer Kontaktanzeige oder ausgeklügeltem Persönlichkeitsprofil einsame Herzen zusammen. Die Palette reicht von Gratis-Flirttreffs über kostenpflichtige Partnervermittlungen bis zur Seitensprung-Agentur. Selbst für Senioren und Übergewichtige wurden spezielle Singleseiten eingerichtet. Für Katja Braun bietet das Web die derzeit einzige Art, einen Partner zu finden. »Ich bin berufstätig, ich habe eine fünfjährige Tochter und ich lebe hier erst seit kurzem«, skizziert die attraktive, 38 Jahre alte Frau aus einem Dorf im Reutlinger Nordraum ihr Leben. Abends ausgehen, im Verein aktiv sein oder VHS-Kurse belegen ? diese klassischen Orte der Partnervermittlung kann sie nicht aufsuchen. »Dieses System suggeriert, dass wir den Traumpartner finden können« Doch statt der großen Liebe findet sie beim Online-Dating vor allem den großen Frust. Etwa, wenn sich nach einem netten E-Mail-Wechsel der andere einfach nicht mehr meldet oder wenn seltsame Kurznachrichten auf ihrem Handy auflaufen. »Ich möchte jetzt immer zuerst ein Bild von dem Mann sehen«, wehrt sie auch kategorisch allzu lange Briefwechsel ab. Damit sich das Entsetzen beim ersten Zusammentreffen in der Realität in Grenzen hält. Die große schlanke Frau weiß aus Erfahrung: »Wenn einer angibt, dass er 1,80 groß ist, dann misst er höchstens 1,75.« Und wer sich in seinem Profil als sportlich darstellt, komme mit Bierbauch und verwaschenem Strickpulli zum Date. »Die Gefahr der Enttäuschung beim Online-Dating ist groß«, bestätigt auch Kommunikationswissenschaftler Jörg Stimpfig, der an der Universität Stuttgart Online-Kontaktanzeigen untersucht. Er weiß, dass bei der Partnersuche im Internet oft gelogen wird. Jeder will sich schließlich in ein ganz besonders schmeichelhaftes Licht rücken. »Marketing gehört dazu, klar. Aber man sollte sich nicht zu sehr beschönigen«, rät deshalb Eric Hegmann, der zwei Bücher über Online-Dating geschrieben hat. Der Experte glaubt, dass Online-Dating gesellschaftlich mittlerweile akzeptiert ist: »Die Vorurteile sind passé.« Dieser Ansicht ist auch Nicole Schiller, die als Psychologin bei der Partnervermittlung Parship arbeitet. »Das nutzen nicht nur Leute, die im echten Leben keinen abgekriegt haben. Im Gegenteil: Für viele ist es heute ganz normal, sich im Internet kennen zu lernen.« Hegmann geht noch einen Schritt weiter. Er sieht im Online-Dating sogar einen neuen gesellschaftlichen Trend. »Das kann doch sehr unterhaltend sein, abends mit dem Laptop auf dem Schoß Fernsehen zu gucken und nebenbei zu sehen, was sonst noch so geboten ist«, beschreibt er das Freizeitvergnügen trendbewusster Singles. Damit der Spaß nicht auf der Strecke bleibt, sei es jedoch wichtig, spielerisch an die Sache ranzugehen. »Dann ist das auch eine Art Entertainment.« Dass Kontakte knüpfen einen derart hohen Unterhaltungswert hat, liegt für Hegmann am Medium Internet und seinen neuen technischen Möglichkeiten. »Das Bedürfnis, einen Partner zu finden, gab?s schon immer. Durch das Netz hat das aber eine Eigendynamik entwickelt.« Denn Dating im Web geht schnell, unkompliziert und vor allem anonym. Und es ermöglicht, sehr gezielt nach dem Traumpartner zu suchen, die Abfragen an die Datenbank nach Alter, Größe, Haarfarbe, Wohnort, Hobby oder Einkommen einzugrenzen. Denn wer Mitglied einer Singlebörse werden will, muss zunächst sein eigenes Profil anlegen und über einfache Auswahlmöglichkeiten Angaben zum Aussehen, zu Hobbys oder dem Kinderwunsch geben. Bei der anschließenden Suche hilft dann der Computer, in dem er für übereinstimmende Kriterien Matching-Punkte verteilt: Je mehr, desto größer die offensichtliche Übereinstimmung. »Dieses System suggeriert, dass wir den Traumpartner finden können, den Menschen, der hundertprozentig zu uns passt«, merkt Hegmann kritisch an. Entsprechend gingen viele Nutzer die Partnersuche »wie ein Projekt« an: »Die planen das sehr detailliert.« Doch letzten Endes bleibt die Liebe ein seltsames Spiel. Der Experte verweist auf psychologische Untersuchen. Sie hätten gezeigt, dass zwischen den Eigenschaften eines Traumpartners und den Faktoren, die fürs Gelingen einer Beziehung entscheidend sind, himmelweite Unterschiede liegen. Doch im Web wird, auch auf Grund der großen Auswahl, weiterhin nach dem ultimativen Typ gesucht. Die Folge: »Sehr labile Menschen, die sich an einen bestimmten Typus von Traumpartner hängen, rutschen dann in eine Projektionsfalle«, weiß Hegmann. Soll heißen: Eigentlich ist sowieso keiner gut genug. Doch das Interesse am Online-Dating steigt weiter. Nun ist auch die Single-Generation 45+ auf den Geschmack gekommen. Über die Hälfte von ihnen bewertet das Internet als »beste Möglichkeit, einen Partner zu finden«, fand das Marktforschungsinstitut Fittkau & Maas heraus. Nahezu jeder zweite Nutzer von Online-Partnervermittlungen rekrutiert sich aus dieser Altersgruppe. Auch Katja Braun bleibt vorerst dabei. »Das Ganze ist für mich ein Spiel«, lacht sie, klickt sich mit einer anderen Identität in die Singlebörse ein und erklärt: »Damit kann ich unerkannt surfen.« Bingo. Der Mann, auf dessen Nachricht sie nun schon seit einigen Tagen wartet, war online, hat es nur nicht für nötig befunden, ihr zu schreiben. Ärgerlich klappt sie ihren Computer zu und dreht sich weg. * der Name ist geändert. |
Das ThemaSinglebörsen im Internet boomen. Viele Millionen Deutsche suchen am PC nach dem schnellen Flirt, nach Menschen fürs gemeinsame Freizeitvergnügen, zumeist aber nach dem Traumpartner fürs Leben. Das Angebot scheint unendlich groß zu sein, doch die Gefühle bleiben auch im Computer-Zeitalter unberechenbar Das ThemenpaketMit einem Klick zum Glück
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