Samstag, 19. Mai 2012

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19. 3. 2011

Mobil ohne eigens Auto

Jedem sein eigenes Auto! Unter der Woche zur Arbeit fahren, am Wochenende ins Grüne und zwischendurch schnell mal eine Spritztour ins Restaurant, in den Club, ins Kino. Autos haben uns Wohlstand gebracht, sie prägen das Stadtbild und unser mobiles Leben. Entfernungen schrumpfen, Freundeskreise dehnen sich aus. Nicht zuletzt sind sie hervorragende Statussymbole – noch. Doch das bröckelt.


Foto: Fotolia/Fantasista

»Das Auto verliert an Strahlkraft«, schreiben die Zukunftsforscher des Trendbüros. »Besonders bei der jüngeren Zielgruppe überlagern rationale Überlegungen die emotionalen Qualitäten.« Soll heißen: Ein iPhone zu besitzen ist cooler als einen VW Golf oder einen Opel vor dem Haus stehen zu haben. Das belegt zumindest eine Untersuchung der Beratungsfirma Progenium. Fürs Heilix Blechle brechen schwere Zeiten an.

Darauf setzen die Jungunternehmer Benjamin Kirschner und Michael Hübl. Die beiden Mitt-Zwanziger haben »flinc« gegründet und werkeln zusammen mit anderen Gleichaltrigen an der Zukunft der Automobilität. »Wir sehen diese unglaubliche Chance, ein neuartiges Mobilitätskonzept zu etablieren«, schwärmt Hübl. Mit seinen kurz rasierten hellblonden Haaren und seinem schlaksigen Gang wirkt er wie ein zu groß gewachsener Junge auf dem Weg zum Fußballplatz. Die Idee der beiden: Schnell, einfach und spontan Mitfahrgelegenheiten vermitteln und damit die Lücke zwischen öffentlichem Nahverkehr, Carsharing und Taxi schließen. »Wir wollen das alles nicht ersetzen, wir sehen uns vielmehr als Ergänzung«, sagt Hübl: »Es geht um eine nachhaltige und einfache Mobilität ohne Auto.«

Und so funktioniert’s – ein Beispiel: Ich werde mit meinem Auto nach Feierabend, also irgendwann gegen halb acht, vom Reutlinger Burgplatz aus nach Stuttgart fahren. Am Mittag trage ich diese Fahrt in »flinc« ein – das geht übers iPhone mit einer kostenlosen speziellen App oder im Browser. Ein anderer »flinc«-Nutzer (einer ohne Auto) will am Abend ebenfalls nach Stuttgart, aber nicht von Reutlingen, sondern von Pliezhausen aus. Diesen Mitfahrwunsch tippt er ebenfalls in »flinc« ein, woraufhin die Software uns beide zusammenbringt. Mir zeigt sie den Mitfahrwunsch an, zeigt auch gleich den Umweg, den ich dafür in Kauf nehmen muss, und schlägt einen Preis vor, den ich von meinem Mitfahrer verlangen kann. Für diese Strecke wird sich das auf vielleicht drei bis vier Euro belaufen. Willige ich ein (per Klick im Browser oder Fingertipp am iPhone) erfährt das mein potenzieller Mitfahrer. Er wird sich dann zur verabredeten Zeit bereithalten und den vereinbarten Preis ebenfalls über die iPhone-App bezahlen – woran dann auch »flinc« verdient. »Das Neue an unserer Lösung ist, dass wir auch Teilstrecken erkennen«, erklärt Hübl. Was bisherige Mitfahrzentralen so noch nicht können.

»Auf dem Land ist das Bedürfnis besonders groß, mobil ohne Auto zu sein«

Möglich macht das die Verbindung von mobilem Internet, Smartphone und Navigationssystem. Wer möchte, kann die »Navigon«-App mit flinc-Anbindung aufs iPhone laden. Dann erhält er auch kurzfristig Mitfahrwünsche und wird, willigt er ein, sofort umgeleitet. »Niemand hat geglaubt, dass wir diese Zusammenarbeit mit dem Hersteller hinbekommen«, freut sich Kirschner.


Losfahren, abstellen, vergessen: Registrierte Nutzer können in Ulm ohne viel Aufhebens die Smarts von »car2go« mieten. Die Firma nutzt, wie »flinc«, Internet und Smartphones.Foto: PR

Ein alter Unterrichtsraum auf dem Dieburger Campus der Hochschule Darmstadt. Gut und gern achtzig Quadratmeter groß, eine alte Schultafel an einer Wand, Flipcharts und Whiteboards an einer anderen. Pinnwände hängen voll mit Karteikarten, Postern und technischen Ablaufplänen. In der neuen Küchenzeile im Eck brodelt die Kaffeemaschine, mitten im Raum ein etwa vier auf vier Meter großes Geviert aus Tischen. Darauf Laptops sowie große und noch größere Bildschirme, Rechner, Tastaturen. Sechs junge Männer in Jeans, T-Shirts oder Kapuzenpulli sitzen vor den Rechnern, diskutieren leise oder haben neben der Arbeit iPod-Stöpsel im Ohr. Durch die Fensterfront scheint die grelle Frühjahrssonne, die Neonröhren hoch oben an der Decke summen leise.

Noch ist »flinc« im Aufbau, die Mitarbeiter sind in Hochschulräumen untergebracht, demnächst bekommen sie sogar noch weitere Räume für die Vertriebsmitarbeiter und für Besprechungen. Lässig schlendert Benjamin Kirschner durch die schlichten Gänge. Im September 2009 stand er vor der Entscheidung, seinen Master im Studienfach Medien-System-Design zu machen, oder doch eine Firma zu gründen – schließlich hatte er die Idee zu »flinc« bereits in einem gemeinsamen Abschlussprojekt skizziert. Bereut hat er die Wahl bisher nicht.

Auch wenn er und seine elf Mitstreiter noch viel Arbeit vor sich haben. Gewerkelt wird an technischen Hürden, am Vertrieb, am Preismodell, kurz: an vielen Enden. Doch erste Tests in Friedrichshafen – der T-City genannten Modellstadt der Telekom – laufen vielversprechend. Die Mitarbeiter selbst nutzen ihr System bereits fleißig. »flinc« erhält Auszeichnungen, hat potente Geldgeber und einen erfahrenen Geschäftsführer gefunden. In wenigen Wochen wird ein großer Test in der Modellregion im Schwäbischen Wald zwischen Backnang, Murrhardt, Michelbach und Schwäbisch Hall beginnen.

»Wir haben immer mehr ›Überzeugungstäter‹, die ganz auf einen eigenen Wagen verzichten«

Für die beiden Gründer, die nach wie vor in ihrer Firma arbeiten, die ideale Gegend. »In ländlichen Gebieten ist das Bedürfnis besonders groß, flexibel ohne Auto unterwegs zu sein«, sagt Hübl, der jeden Tag aus dem Norden des Spessarts 180 Kilometer nach Dieburg und wieder zurück pendelt. Kirschner ergänzt: »Weiteres Potenzial sehen wir auch im Speckgürtel einer Stadt, wo der öffentliche Nahverkehr umständlich ist, weil die Linien häufig im Zentrum zusammenlaufen, man sich aber an der Peripherie bewegen möchte.«

»Wirklich toll ist,« umreißt Hübl den Ansatz, »dass wir ›enabler‹ sind. Wir machen etwas möglich, aber am Ende liegt es an den Leuten.« Deshalb bezeichnen sie »flinc« auch als »social mobility network«, als soziales mobiles Netzwerk. »Wir bauen eine ›trusted community‹ auf, in der sich die Leute vertrauen. Ich werde meine Mitfahrer im Netzwerk auch bewerten können.« Dennoch: Die Idee steht und fällt mit der kritischen Masse. Wenn die Leute keine Lust haben, Umwege in Kauf zu nehmen, oder auf keinen Fall auf ihr Auto verzichten möchten, wird es nix werden mit dem »Ridesharing«, dem Teilen von Fahrten.

Doch die Zeit war nie günstiger für neue Mobilitäts-Ideen. In Zukunft, glaubt Wolfgang Lohbeck, Klima- und Verkehrsexperte bei Greenpeace, wird es nicht mehr »das Auto geben, das für alle Zwecke geeignet ist. Die Entwicklung geht in die Richtung, dass man ein solches Gefährt zwar nutzt, es aber nicht mehr besitzt«. Stichwort Carsharing. 170 Reutlinger nutzen das Angebot, nur für einzelne Strecken ein Auto zu mieten. Recht wenig im Vergleich zu Tübingen oder Rottenburg – rund 1 600 Kunden nutzen dort die Möglichkeit, auch die Stadtverwaltung und Firmen. Alle drei Städte werden vom gleichen Teil-Auto-Verein abgedeckt, der insgesamt 85 Autos besitzt, vom kleinen Toyota Aygo über einen Renault Kombi bis hin zum VW Caddy und dem Transporter Opel Vivaro.

Diese Wagen stehen auf besonderen Stellplätzen übers Stadtgebiet verteilt. Registrierte Nutzer buchen sich für eine bestimmte Zeit ein Auto, etwa, um mal mit dem Neunsitzer einen großen Familienausflug zu machen oder mit dem Kombi den Wocheneinkauf zu erledigen. Viele sparen sich dank des Angebots den Zweitwagen. »Wir haben aber auch immer mehr ›Überzeugungstäter‹, die ganz auf einen eigenen Wagen verzichten«, freut sich Peter Wolfinger vom Vorstand. Seit Jahren wächst der Verein um 15 bis 20 Prozent, »und das Ende ist noch lange nicht erreicht«. Laut dem Bundesverband der Teilauto-Vereine sei eine Bevölkerungsabdeckung von fünf Prozent realistisch, in Tübingen nutzt etwa jeder fünfzigste Einwohner, also zwei Prozent, das Angebot.

Ist manchen vielleicht doch ein wenig unbequem: Man muss sich anmelden – ohne Garantie darauf, zum gewünschten Zeitpunkt auch einen Wagen zu bekommen. Man muss zum Stellplatz gehen, der womöglich einige Hundert Meter von der Wohnung entfernt ist ... Geht’s nicht einfacher? Doch, geht es. Und zwar in Austin/Texas und – ganz in der Nähe – in Ulm. In beiden Städten kümmert sich der Autokonzern Daimler um die Zukunft der Mobilität. Seine Tochterfirma namens »car2go« hat dort eine pfiffige, gleichwohl technisch anspruchsvolle, Variante des Carsharings aufgebaut, das sich an die Mieträder der Bahn anlehnt.

Im gesamten Stadtgebiet von Ulm und Neu-Ulm stehen 200 Smarts, demnächst sollen weitere hundert dazukommen. Registrierte Nutzer, die einen kleinen Computerchip auf ihrem Führerschein kleben haben, können ohne Voranmeldung sich den nächstgelegenen Smart schnappen, mit dem Funkchip losfahren und das Wägelchen am Ziel einfach wieder abstellen. Dank Telematik, Navigation und mobilem Internet weiß der Computer, wer wie lange mit welchem Auto gefahren ist. Übers Internet lässt sich der Standort aller geparkter Smarts finden.

Der Pressesprecher Andreas Leo freut sich: »Es läuft super. Wir haben in Ulm über 20 000 Kunden mit einer halben Million Fahrten.« Deshalb expandiert »car2go« nun auch nach Hamburg und wird dort ein ungefähr 60 Quadratkilometer großes Gebiet abdecken. Das freilich sehr genau zugeschnitten ist. Schließlich soll es nicht so sein, dass ein Smart irgendwo in einem Vorort stehen bleibt wie ein herrenloser Einkaufswagen in der äußersten Ecke eines Supermarkt-Parkplatzes. Mit »car2go« fährt der Smart zurück zu seinen Wurzeln. Schon Mitte der 90er-Jahre ging der Zweisitzer mit einer solchen Idee an den Start. »Damals war die Zeit noch nicht reif«, sagt Leo und ergänzt: »Auch die Technik war nicht vorhanden.«

Zug und Auto, öffentlicher Nahverkehr, Mitfahrmöglichkeiten, Fahrrad und Taxi: Zukünftig wird sich Mobilität womöglich aus einem Potpourri unterschiedlicher Transportformen bedienen. »Mobilität«, schreiben die Leute von Trendbüro, »wird in erster Linie ein Service sein, der via Kommunikationsmedien allerorten individuell erfolgen kann.«

Es muss nicht immer der eigene Wagen sein. Dank neuer Techniken werden »Ridesharing« und »car to go« möglich. Und die alte Idee des Teilautos und der Mitfahrzentrale für immer mehr Menschen attraktiv

Links

www.flinc.de
www.teilauto-tuebingen.de
www.car2go.com
www.t-city.de
www.zebramobil.de