Mittwoch, 08. September 2010

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26. 3. 2005

Die Knallermänner

Der Auftritt des Meisters. Ein Kameramann hetzt durchs enge Treppenhaus, der Tontechniker läuft hinterher. Menschen drücken sich an die Wand, es wird getuschelt, dann ist es still. Langsam, als falle es ihm schwer, erklimmt Jürgen Drews die Stufen. Bummelnd schreitet er über den weichen Teppich des Tonstudios. Der lange, schwarze, wie Samt glänzende Mantel ist offen, die Schöße wehen ein wenig. Das Lächeln steht ihm auf dem Gesicht, zieht die Mundwinkel nach außen, entblößt die weißen Zähne. Drews begrüßt einige Umstehende, gibt ihnen die Hand und schaut dabei direkt in die Augen; verweilt für die Dauer eines Wimpernschlags.


Stimmung, gute Laune. Die Partymusiker bei den Aufnahmen. Allen voran Jürgen Drews und Jürgen aus dem Big Brother-Container.
FOTO: GRABOWSKI

Der »König von Mallorca« im kalten, winterlichen Weil der Stadt. Die Hände, nein: nur die Finger stecken in den engen Hosentaschen, die Arme leicht abgewinkelt, das Kreuz durchgedrückt ­ so durchquert der Großmeister der Party die Räume, einen Tross von Musikern, Kameraleuten und Fotografen um sich. »Wo ist der Krause?«, ruft er ins grelle Kameralicht. Es klingt wie ein Hilfeschrei. Endlich findet er den Partymusik-Kollegen Mickie Krause. »Here I am. Der König von Mallorca. Aber nicht der selbst ernannte«, wird er eine Stunde später in eine Kamera lächeln.

Zuvor aber ist Arbeit angesagt. Die Pliezhäuser Lollies haben in die Maryland-Studios gerufen. Und mit Jürgen Drews kamen viele, die Rang und Namen haben in der Partymusik-Szene. Besser gesagt: Sie kamen alle vor ihm und sind jetzt, am späten Nachmittag, bereits fertig mit ihren Aufnahmen für eine Benefiz-CD zugunsten der Welthungerhilfe.

»Das ist ein Riesending«, schwärmt Andy Welsch. Gerade mal eine Woche zuvor hat der Schlagzeuger der Lollies mit der Organisation des Events begonnen. Damit aus der guten Sache auch ein Erfolg wird, »haben wir Namen gebraucht!«, sagt der Musiker. Und die haben sie jetzt: Big Brother-Jürgen, Mickie Krause und natürlich Jürgen Drews. Alle arbeiten kostenlos für das Projekt, auch die Techniker und das Studio erhalten keinen Cent. Doch umsonst wird es für sie nicht sein. »Natürlich haben wir auch einen Nutzen davon«, erzählt Welsch. Schließlich bekomme die Partymusik häufig eine schlechte Presse. »Wir können aber nicht nur Party machen, sondern engagieren uns auch.« Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.

Im Stil der Band Aid aus den 80er Jahren soll der alte Beckenbauer-Titel »Gute Freunde kann niemand trennen« aufgemacht sein. Jeder wird dann mit einer Zeile zu hören sein, der Refrain wird vielstimmig im Chor gesungen. »An manchen Stellen teasern wir dann vielleicht noch Jürgen Drews höher. Das muss man mal sehen«, sagt Produzent Torsten Bader, Chef des Studios und Keyboarder der Lollies.

»Wir nehmen den ersten Flug nach Mallorca
und haben dort einen schönen Tag«

Den ganzen Nachmittag dauern die Aufnahmen. Während ein Musiker in dem etwa 70 Quadratmeter großen Aufnahmeraum vor dem Mikrofon steht, sitzen die anderen ein Stockwerk höher. Neben dem Technikerraum, in dem die großen Mischpulte und Computer stehen, ist ein improvisiertes Wartezimmer eingerichtet. Acht oder zehn Leute drängen sich in diesem vielleicht sechs Quadratmeter großen Zimmerchen. Sie sitzen auf Stühlen oder lehnen an der Wand. Auf den beiden Tischchen drängen sich Körbe mit Chips und Süßigkeiten, Teller mit Schnittchen, mit Käse und Weintrauben, Ketchupflaschen und Senf. In den Aschenbechern sammeln sich die Kippen, Zigarettenrauch hängt in der Luft.

Die Musiker nutzen die Wartezeit für den neuesten Klatsch und Tratsch aus der Szene. Sie blödeln und lachen; sie hecken neue Ideen aus und reden über Veranstaltungen und Locations. Die meisten kennen sich, denn für Partymusiker gibt so etwas wie ein Branchentreffen. Nicht in Deutschland, sondern auf Mallorca. In Kneipen, die »Bierkönig« oder »Schinkenbude« heißen.

Mallorca. Die Baleareninsel, auf der jedes Jahr Millionen deutscher Touristen ihren Urlaub verbringen, ist der Schmelztigel des Partysounds. Dort trifft sich die Branche, dort kennt man sich. »Wir sind in der Saison auch dort gebucht«, erzählt Rainer Mayer. Der smarte 41-Jährige arbeitet hauptberuflich beim Landratsamt, in seiner Freizeit ist er Bläser und Bassist der Lollies, die seit 1993 durch Bierzelte, Diskos und Festhallen touren. »Wir nehmen den ersten Flug am Morgen, haben da einen schönen Tag, spielen abends gegen elf Uhr in der Bierstraße und fliegen am anderen Abend wieder zurück«, erzählt er. Dazwischen Sonne, Meer und Kollegenplaudereien.Unwillkürlich drängen sich Bilder von sturzbetrunkenen und grölenden Kegelbrüdern auf. Saufen, Sex und Sangria bis zum Umfallen ­ ist das nicht das eigentliche Urlaubsziel vieler Mallorcaflieger? »So, wie es oft dargestellt wird, ist es nicht«, rettet Lars Koppenstein den Ruf der Inseltouristen. Als Lars K tingelt der 33-Jährige mit seinem Partysound durchs Land. Um die 50 Auftritte absolviert er im Jahr, rund ein Dutzend davon im »Oberbayern« und im »Almrausch« auf Mallorca. Für zwingend hält er die Auftritte auf der Insel nicht, aber für hilfreich. »Wenn man in der Mallorcaszene drin ist, dann schwappt der Erfolg nach Deutschland rüber.«

»Mallorca hat die Initialzündung gegeben«

Diese Erfahrung hat auch Peter Markus gemacht. »Es geht darum, präsent zu sein, nicht in Vergessenheit zu geraten«, sagt der 42-Jährige. Der ruhige, zurückhaltende Optiker aus dem Weser Bergland macht ­ wie Lars K ­ seit etwa fünf Jahren nebenberuflich Party. An den Wochenenden in Diskos und bei Events; in den Sommermonaten auch auf Mallorca. Er steht auf der Bühne, die Musik kommt aus der Konserve, ist aber von ihm selbst eingespielt. Halb-Playback nennen die Profis das. Markus hält etwas auf seine Musik, hat zuvor jahrelang Rock in einer Band gemacht.

»Mallorca hat die Initialzündung gegeben«, erklärt er den Boom einer Musikrichtung, die im Radio so gut wie nicht stattfindet. »Nur WDR 4 spielt hin und wieder diese Musik«, sagt Michaela, seine Frau und Managerin. Das sympathische Paar entspricht so überhaupt nicht dem Bild, das viele sich von der Partyszene machen. Lange verheiratet, drei Kinder, etabliert durch und durch: »Ja, auch das gibt's«, witzelt Markus. »Herzschmerz, aber locker verpackt«, beschreibt er seine Musik. Für Lars K sind ein deutlich hervorgehobenes Schlagzeug und ein schneller Rhythmus die charakteristischen Elemente, die den Partysound vom hergebrachten deutschen Schlager unterscheiden.

Noch boomt die Szene. »Ich dachte letztes Jahr, dass die Party zu Ende ist«, sagt Jürgen Drews. »Aber ich habe mich eines Besseren belehren lassen.« Es scheint, als ob den Deutschen noch immer nach Feiern zumute ist. »Da mistest du dich aus. Da kannst du so sein, wie du bist. Das braucht doch jeder«, erklärt der 60-Jährige.

»Ich dachte letztes Jahr, die Party ist vorbei.
Aber ich habe mich eines Besseren belehren lassen«

Feiern, abtanzen, den Alltag vergessen. Einfach gut drauf sein. Lachen und Blödsinn machen. So stehen alle Musiker im Aufnahmeraum. Die beiden Jürgens zeigen ihre strammen Bäuche, Mickie Krause dirigiert mit theatralischer Geste. Andere halten sich lieber im Hintergrund, schütten die Fröhlichkeit nicht aus wie einen Eimer Wasser. Auch Jürgen Drews kommt über ein Lächeln nicht hinaus. »Nu is' aber mal gut«, nörgelt er, als die Meute nochmals zum Refrain ansetzen will.

Drews ist Profi. Vor über 30 Jahren war er Mitglied der Les Humphries Singers, er war Moderator und hat Schlager und Schnulzen gesungen. »Der ist ein Urgestein. Ich bewundere das Durchhaltevermögen«, sagt Peter Markus. Wenngleich ihm die schrille Vermarktung nicht gefällt. »Ich mach' den Knallermann, für euch am Ballermann«, singt Drews in eine Kamera. Scheint so, als provoziere er gern. »Im >Oberbayern< sind wir doch alle gaga, da sind wir alle gehirn-amputiert«, plappert er in die nächste Kamera und grinst.

»Wenn du so im Rampenlicht stehst, dann musst du einen Schutzwall um dich herum aufbauen«, sagt Peter Markus. Er erzählt von Freunden und Bekannten ­ als er bekannter wurde und mal im Fernsehen aufgetreten ist, wollten einige nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ein solcher Schutzwall kann eine Kunstfigur sein, eine Rolle, die der Star vor seinem Publikum spielt. Drews: »Onkel Jürgen macht sich gern zum Partyaffen. Jürgen Drews nicht.« Es ist spät an diesem Mittwoch. Die Fernsehteams haben die Kameras eingepackt, die meisten Musiker sind auf dem Heimweg. Jürgen Drews verstaut sein Banjo und sagt: »Privat ist das nicht meine Szene. Wir feiern zu Hause keine Partys.«

Seine Stimme klingt tiefer, die Bewegungen sind lockerer, das Hohlkreuz und das Grinsen sind verschwunden. Auf der Bühne ­ als Onkel Jürgen ­ führe er eben »karnevaleske Dinge« auf, viele seiner Äußerungen in Interviews halte er im nachhinein für »despektierlich«. Sein Wortschatz scheint sich binnen Minuten zu vergrößern. Sein Job ist erledigt. Er zieht seinen langen Mantel an, nimmt den Banjokoffer in die Hand und verabschiedet sich beim Rest per Handschlag. In der Tür dreht er sich noch mal um und winkt zum Abschied: »Ich geh' jetzt zu Ramona. Tschüss ihr Lieben.«

Das Thema

Eine Benefiz-CD zugunsten der Welthungerhilfe soll das schlechte Image der Partymusiker aufpolieren. Dazu haben die Pliezhäuser Lollies ziemlich bekannte Stimmungskanonen locken können.

Und die sind privat ganz anders als auf der Bühne.