Montag, 06. September 2010

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19.6.2003

Arbeit und Freizeit nach der Moderne

Im kommenden Winter, so lauten die neuesten Prognosen, könnten in Deutschland fünf Millionen Menschen ohne Arbeit sein. Schon längst ist die Forderung nach "Arbeit für alle" verhallt, wird radikaleren alternativen Ideen keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt.

Experten streiten sich um die tragfähigeren Konzepte, Wirtschaftsbosse setzen Tausende auf die Straße, Politiker verlieren sich in Schuldzuweisungen. Kein Zweifel: Deutschland steht am Ende der traditionellen modernen Arbeitsgesellschaft. Was in den 80er Jahren der Münchner Soziologe Ulrich Beck als Nachmoderne beschrieben hat, füllt sich für den einzelnen immer mehr mit traurigen und frustrierenden Erfahrungen des realen Lebens. Eines Lebens, das im Zeichen von Globalisierung, Flexibilität und Individualisierung viele Freiheiten bietet, das die gewohnten Konstanten und befriedeten Haltepunkte dafür verloren hat.

In welcher Weise jedoch ändern sich die Lebensverhältnisse, wohin geht die Reise, wie ist sie vor historischen Hintergrund zu bewerten? Diesen Fragen spüren Kulturwissenschaftler in dem Tagungsband nach. Klaus Thien beschreibt, wie in der Neuzeit, vor allem seit dem 18. Jahrhundert, die Lebenszeit in die Bereiche Arbeit und Freizeit zerfallen ist. Wobei Freizeit immer als Restkategorie definiert ist, die jeder einzelne mit Inhalt füllen muss.

Zeitgleich und als eine Art Gegenpol entstand auf dem Nährboden der bürgerlichen Familie das Bild der Hausfrau. In ihrem Alltag taucht die durch Industrie und Manufaktur gelegte Trennung nicht mehr auf. "Die Hausfrau", schreibt Susanne Breuss, "ist im Grunde ständig beschäftigt und muss doch immer Zeit haben. Ihre Arbeit endet eigentlich nie und ihre Zeit ist in hohem Maße zerstückelt."

Dank neuer Techniken werden Arbeit und Freizeit nun wieder durcheinandergeschüttelt: Der nomadierende Wissensarbeiter ist mit Laptop und Handy auch im Urlaub am Strand mit seiner Firma verbunden, macht dafür aber am Ende seiner Dienstreise noch ein paar Tage einen Stop-over. In diesem Milieu vermischen sich die zwei Welten, lösen sich aber nicht auf. Vielmehr, konstatiert Dieter Kramer, wird Freizeit "zerrieben zwischen Arbeitswut und Arbeitszwang".

Eines wird klar beim Durchstöbern der pointiert geschriebenen Aufsätze: Einen Weg zurück zur vermeintlich sicheren alten Zeit wird es nicht geben, die dynamische Veränderung bleibt. Oder, um es mit den Worten des schwedischen Volkskundlers Orvar Löfgren zu sagen: "Teil eines modernen Projekts zu sein bedeutet, in Bewegung zu bleiben."

Reutlinger General-Anzeiger

Das Buch

Sabine Gruber, Klara Löffler, Klaus Thien (Hg.): Bewegte Zeiten. Arbeit und Freizeit nach der Moderne.Profil-Verlag München, Wien, 2002