Freitag, 30. Juli 2010

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25.6.2005

Horch mal rein

Wenn Christine Meynrath morgens in ihr Auto steigt, freut sie sich aufs nächste Kapitel von Frank Schätzings Bestseller »Der Schwarm«. Auf dem Weg zu ihren Kunden schmökert die Pharmareferentin sich durch den apokalyptischen Roman - während des Autofahrens. Möglich machen das der CD-Spieler im Wagen sowie die zehn CDs, auf denen eine inszenierte Lesung des Bestsellers gespeichert ist. »Da spar' ich viel Zeit«, sagt Christine Meynrath: »Und die Fahrt wird auch interessant.«


Foto: Markus Niethammer

Ob aktuelle Bestseller, ob Klassiker oder neue Managementliteratur: Immer häufiger lesen die Menschen nicht selber, sondern lassen lesen. Audio-Books, also Hörbücher, sind der große Trend im Buchhandel. Rund 255 Millionen Euro haben die Deutschen 2003 für Bücher auf CD ausgegeben, schätzen die Experten des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Der Reutlinger Buchhändler Michael Steffl nennt eine griffigere Zahl: »Auf 10 000 gebundene Belletristik-Bücher kommen rund 3 000 Hörbücher.« Macht einen Anteil von etwa 30 Prozent. Gemessen am Gesamtumsatz des Buchhandels (inklusive aller Taschenbücher, Zeitschriften und Non-Book-Artikel) liegt der Anteil branchenweit bei guten drei Prozent.

Seit sechs Jahren ist Steffl beim Reutlinger Osiander verantwortlich für den Audiobook-Bereich und hat somit den Boom miterlebt. »Damals hatten wir begonnen mit einem Regal von nicht mal einem Meter Breite«, erinnert sich der Buchhändler. Heute werden die Hörbücher an prominenter Stelle im Erdgeschoss präsentiert: »Seit vielleicht drei oder vier Jahren gibt es einen richtigen Run auf Hörbücher. Wir haben jährliche Zuwachsraten von weit über 20 Prozent.«

»Die Hörbücher locken neue Kunden in den Laden«

Waren es zu Beginn vor allem kleine, spezialisierte Verlage, die Hörbücher verkauft haben, setzen nun auch die Großen der Branche auf das neue Medium. Entsprechend breit wurde die Angebotspalette. »Mittlerweile gibt es auch viele Hörbücher aus den Bereichen Wirtschaft und Geschichte«, weiß Steffl. Auch religiöse und spirituelle Bücher, etwa von Anselm Grün oder dem Dalai Lama, verkaufen sich gut. Seit kurzem beobachtet der Buchhändler einen weiteren Trend: Potenzielle Bestseller werden häufig gleich vom Start weg sowohl als gebundenes Buch als auch als Hörbuch lanciert. Entscheidet sich die Kundschaft jetzt also zwischen diesen beiden Medien? Michael Steffl verneint: »Das Wachstum im Bereich des Hörbuchs ist definitiv keine Konkurrenz zu irgendwas anderem. Im Gegenteil: Die Audiobooks locken neue Kunden in den Laden.«

Nach dem Niedergang des Radios zum bloßen Dudelfunk bekommt das Publikum plötzlich wieder Lust aufs gesprochene Wort. Woher kommt diese Begeisterung? »Bei einem Hörbuch ziehe ich immer mehr raus als beim normalen Buch, wo ich vieles auch überlese«, sagt Steffl aus eigener Erfahrung. Er genießt es, wenn gute Sprecher ihm den Text vorlesen, selbst wenn die meisten Hörbücher lediglich gekürzte Fassungen des Originals sind. Den Hauptgrund für den Boom der Audiobooks sieht er jedoch - und da sind sich die meisten Experten einig - in der Zeitverdichtung.

»Double your time«, verdopple deine Zeit, fasst Hörbuch-Verleger Harald Rieck diesen Trend zusammen. Ob im Auto, beim Bügeln oder in der Badewanne: Hörbücher füllen ansonsten tote Zeit sinnvoll aus. Und verhelfen der Literatur wieder zu neuem Stellenwert. Doch ganz zufrieden scheint er mit dieser Erklärung nicht zu sein. »Es ist schon seltsam, dass man das gesprochene Wort plötzlich wieder so schätzt, aber man doch niemanden mehr zu Lesungen bekommt«, sinniert er und rückt seine runde Brille zurecht. Er lächelt und lässt sich im Stuhl nach hinten fallen. »Im Grunde weiß ich's nicht.«

Der 46-Jährige produziert und vertreibt mit seinem Diderot Verlag von Rottenburg am Neckar aus Hörbücher. In seinem Katalog sind Victor Hugos »Les Misérables« zu finden, »Der grüne Heinrich« von Gottfried Keller oder Anton Tschechows »Rendezvous in der Sommerfrische«. Allesamt keine echten Bestseller.

Teilweise kauft er Produktionen vom Hörfunk auf (etwa den von Michael Degen gelesenen Roman »Lichtenstein«), teilweise produziert er die CDs auch selbst - etwa mit Schauspielern vom Tübinger LTT oder mit Bernd Kohlhepp, der Mörikes »Das Stuttgarter Hutzelmännlein« gelesen hat. »Es gibt Leute, die haben den Mörike zum zehnten Mal gekauft, weil sie so begeistert sind, und ihn immer wieder weiter verschenken«, freut sich Rieck.

»Bei einem normalen Buch überlese ich viel«

Der umtriebige Verleger sorgt gern für Innovationen. Als einer der ersten setzte er auf die DVD als Speichermedium. Etwa bei Goethes 30 Stunden langem Meisterwerk »Dichtung und Wahrheit«. Nun hat der studierte Religionswissenschaftler ein neues Ziel im Auge: Er will Hörbücher nicht mehr auf Silberscheiben, egal ob CD oder DVD, vertreiben, sondern nur noch virtuell übers Internet. Im Herbst hat er das Portal soforthoeren.de freigeschaltet. Eine Site, über die Hörbücher als Sound-Datei auf den Computer heruntergeladen werden können. Damit tritt er die Konkurrenz zu audible.de an, einem großen, aus den USA kommenden Download-Portal.

Rieck ist sich des kommenden Download-Booms sicher. Er setzt auf die Verbindung von Hörbuch, Internet und »den neuen mobilen Begleitern«, dem kleinen Palm etwa oder den Handys, die ja nur noch wenig Telefon, dafür viel Computer sind: Sie dienen als Fotoapparat, Radio und Musikbox, beherbergen Adressen, wichtige Dokumente und bieten Zugang zum Web. Doch ein Manko haben alle diese Mini-Geräte: »Lesen ist an ihnen ganz schlecht«, sagt Rieck. Die kleinen Bildschirme bieten wenig Komfort; sie taugen nicht zur Darstellung langer Texte.

Bleibt das Vorlesen. Doch anders als beim Radio entscheidet der Hörer direkt über das Programm. Der Trendforscher Peter Wippermann nennt das »Prosuming«: Der Kunde ist nicht mehr ausschließlich Konsument der Waren, sondern wird in gewisser Weise auch Produzent, in dem er entscheidet, wann, wo, wie und auf welchen Geräten er die Inhalte nutzen möchte.

Genau das bieten die Download-Portale: Der Kunde lädt die Datei herunter und entscheidet selbst, ob er sie auf dem Computer belässt, sie auf CD brennt oder den mp3-Player kopiert. Doch mit dieser neuen Wahlmöglichkeit schliddert die altehrwürdige Buch-Branche in genau jenen Sumpf, in dem die Musiklabels schon seit einigen Jahren ums Überleben kämpfen. Einerseits lockt ein großes Marktpotenzial (Experten schätzen, dass derzeit über zehn Prozent des Umsatzes im Musikmarkt über mobile Dienste abgewickelt wird - Tendenz steigend); andererseits droht ein Gestrüpp aus Lizenzfragen und technischen Standards. Vor allem aber vermuten die Produzenten an jeder Ecke böse Raubkopierer. Denn digitale Daten sind, anders als Bücher oder Langspielplatten, recht einfach zu kopieren - und zwar in gleichbleibender Qualität. Die Industrie setzt im Kampf gegen die Piraterie auf unterschiedliche Verfahren.

Und bekommt - nebenbei bemerkt - zusätzlich Konkurrenz durch Leute, die aus Spaß und für lau arbeiten und diese Arbeit auch frei veröffentlichen. Unter der Adresse vorleser.net präsentieren sie mehr oder weniger gelungene Lesungen von Werken, deren Rechte abgelaufen sind.

Den Kunden sind diese Sorgen der Verlage erst mal egal. Noch kaufen sie die Hörbücher vorzugsweise im Buchhandel und bescheren der Branche neue Umsätze. Denn die Experten wissen, dass Hörbuchkäufer »einkommensstark und gebildet« sind, so steht's zumindest in einer Studie des Börsenvereins. Kein Wunder also, dass Zeitungen und Zeitschriften nicht nur eigene Buchreihen, sondern auch Hörbuch-Editionen heraus bringen. Oder, wie die Wochenzeitung Die Zeit, ausgewählte Artikel als Lesung zum Download anbieten.

So wird Christine Meynrath vielleicht künftig auch ihre Zeitungslektüre auf dem Weg zum Kunden erledigen können - hinterm Steuer bei Tempo 120. (GEA)

Das Thema

Immer mehr Literatur-Liebhaber lesen nicht mehr selbst - sie lassen lesen. Hörbücher entwickeln sich zum Verkaufsschlager im Buchhandel

Mehr Infos

Ein Überblick über die verwendete Technik und über das Copyright.

Links

www.soforthoeren.de
www.audible.de
www.vorleser.net