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30. 4. 2010 Auf der Suche nach dem perfekten KlangKnisternd setzt die Nadel auf. Ein Staubkörnchen knackst und dann - wumms! Die Musik beginnt, schallt mit zwei mal hundertfünfzig Watt durch den Raum. Ich schließe die Augen und sehe im Geist die Musiker. Mit jedem Akkord werden sie plastischer, nehmen Gestalt an. Die Sängerin direkt vor mir, mit ihrer sanften, etwas belegten Stimme. Das Schlagzeug weit hinter ihr, etwas nach rechts versetzt. Der Bassmann zupft seine Saiten ganz rechts außen. Zwei Gitarren, eine etwas links der Mitte, die andere dahinter, etwas nach außen versetzt.
Ich öffne die Augen und sehe mich in einem Wohnzimmer auf der Alb sitzen. Roland Dornes, Berufsschullehrer in Reutlingen und Hi-Fi-Fan, steht am Plattenspieler, hat ein großes, quadratisches Cover in der Hand und sucht nach einem weiteren Musiktitel, den er vorspielen möchte. Schallplatten aus Vinyl: Ist das nicht irgendwie Steinzeit? Eigentlich ist ja auch schon die CD aus der Mode, seit man sich Musik im handlichen mp3-Format aus dem Internet herunterladen kann. Ein Klick und der Titel ist auf Festplatte oder im Handy, bereit zum bequemen Anhören beim Joggen. »War der Ton hinten rechts in der Ecke jetzt etwas klarer?« »Ich möchte, dass die Musik genauso wiedergegeben wird, wie sie aufgenommen wurde. Sie soll möglichst nahe am Original sein, authentisch, mitreißend«, erklärt Dornes. Dafür nimmt er viel Aufwand in Kauf. Der Plattenspieler beispielsweise steht auf einem separaten Bord, das an die Wand montiert ist. »Damit keine Schwingungen vom Boden übertragen werden.« Der Bolide ist knapp 20 Zentimeter hoch, der Plattenteller aus Aluminium sieht wuchtig und schwer aus. Auf ihm liegt zuerst eine Filzscheibe, darauf dann eine mehrere Millimeter dicke Acrylglas-Scheibe. Der kompakte Motor steht daneben, wiederum auf einem separaten Bord angebracht. Eine dünnes weißes Gummiband verbindet ihn mit dem Plattenteller. Rechts davon stehen andere Geräte: Verstärker, Vorverstärker, CD-Spieler. Darüber auf zwei langen Borden eine bunte Reihe mit CDs. In einem anderen Schrank sind die Langspielplatten untergebracht. Musik ist für den 49-Jährigen Entspannung, »ein Stück Lebensqualität«. Kein allgegenwärtiger Klangteppich, auf dem es sich durchs Leben hetzen lässt. Immer wenn er Zeit und Muße hat, wenn das Wetter schmuddelig ist und ihn nichts nach draußen lockt, holt er alte und neue Schätze heraus. Bluesgitarristen, Pink-Floyd-Aufnahmen oder Jazzmusiker. Sorgsam zieht er die Alben aus dem Schrank, legt die Platten auf, entstaubt sie und genießt sie von seinem Sessel aus. Mit jedem Hören liest er die Aussage der Musik neu, erkennt immer deutlicher die Intention der Musiker. So weit bin ich, der an billige Verstärker und auf mp3-Maß zurechtgestutzte Musik gewöhnt ist, noch lange nicht. Doch Platte um Platte höre ich mehr Unterschiede, erlebe Stimmungen, Resonanzen und Gefühle. Noch namenlos, für die mir keine passenden Adjektive einfallen, die sich der Begrifflichkeit entziehen. Schließlich dränge ich auf einen direkten Vergleich. Wir hören die Sängerin Katie Melua, parallel von Platte, von CD und aus meinem iPod. Ihre zarte Stimme wandert über denselben Verstärker und tönt aus den gleichen Boxen. Wir starten alle drei Musikquellen gleichzeitig und schalten hin und her. Mein Musikspieler schneidet im Vergleich gar nicht mal so schlecht ab, doch bleibt er im Hörerlebnis die schlechteste Wahl. Am besten: die gute alte Langspielplatte aus Vinyl. Ihr Sound klingt voll, und am deutlichsten fällt mir die Tiefe des Raums auf: das Schlagzeug weit hinten, die Sängerin nahe bei mir. Schalten wir auf die CD und dann auf den iPod um, wird der Raum trotz Lautstärkeanpassung flacher, die Tiefenschärfe verschwindet. »Diese Umschalterei sollte man tunlichst bleiben lassen«, rüffelt Matthias Schneider später. »Weil Sie dann nur noch auf einzelne Effekte hören und nicht mehr auf die Musik in ihrer Gesamtwirkung.« Der Chef des Reutlinger Musikladens »sound@home« sagt, wie er es macht: »Im Idealfall höre ich mir eine Konstellation mit nicht zu viel verschiedener Musik an und lass’ es auf mich wirken. Dann höre ich mir die veränderte Anlage an. So erhalte ich einen Gesamteindruck und jage nicht nur der Frage hinterher: War der Ton hinten rechts in der Ecke jetzt etwas klarer?«
Es ist eine kleine, weltweite Gemeinschaft von Tüftlern, die die Grenzen des Hörbaren ausloten. Manufakturen mit ein paar Angestellten, Freaks, die im Keller mit neuartigen Kunststoffen aus der Medizin oder der Raumfahrt arbeiten. Abfallprodukte aus der High-Tech-Industrie nutzen, weil sich eine eigene Forschung oft nicht lohnt. Und für die manchmal ein zurechtgeschnittenes Blatt Papier im Tonarm eine neue Klangdimension eröffnet. Begreift der Laie überhaupt die Unterschiede zwischen einem CD-Spieler für 200 und einem für 17.000 Euro? »Sie hören den Unterschied. Und Sie sehen ihn, wenn Sie die Geräte aufmachen«, sagt Willi Biegler, der in Reutlingen solche Anlagen verkauft. »Die günstigen CD-Spieler haben jede Menge freien Platz drin, die teuren sind voll mit Bauteilen.« Hochwertige Netzteile, Wandler, Laufwerke. Es komme auf das korrekte Zusammenspiel aller Bauteile an. Denn Kabel und Leitungen sind nicht vergleichbar mit Rohren, durch die Wasser strömt. Die Entwickler haben es in der Elektrotechnik mit mannigfaltigen Störungen zu tun, die dazu führen, dass bei einem Kabel »das Signal nicht so rauskommt, wie es reingekommen ist«, sagt Schneider. Beispiel gefällig? Kupferdrähte lassen sich nie ganz glatt herstellen. Unterm Mikroskop ähneln solche Leitungen einer Hügel- und Klippenlandschaft. Das Problem: In der Hochfrequenztechnik bildet jede dieser Bergspitzen einen eigenen Sender, der das elektrische Signal, dass durch ihn hindurchgeleitet wird, in die Welt hinauspustet. Freilich ganz schwach und nur auf minimale Distanzen. Genügend stark aber, damit sich Signale überlagern. »Es gibt Additionen und damit Auslöschungen und Überhöhungen«, erklärt Schneider. Die Lösung: In die Kupferleitungen wird hauchdünne Silberfolie eingewalzt, die die Oberfläche egalisieren. »Und die Krönung ist, die fertigen Kabel auf minus 190 Grad herunterzukühlen. Dabei verändert sich die molekulare Struktur des Metalls und die Musik aus diesen Leitungen klingt besser«, ist Roland Dornes überzeugt. Er hat wohl eine Weile überlegt, schließlich hat er sich doch eine Steckdosenleiste für mehrere Hundert Euro geleistet. Ein Ding, das es im Baumarkt für 5,90 Euro auch gibt. Er lacht: »Nein, in der Leiste besteht alles aus Kupfer oder Messing, also aus nicht magnetisierbarem Metall. Stecker, Leitungen und Gehäuse sind komplett anders aufgebaut als in Standard-Steckdosenleisten. Dadurch entstehen keine Gegenmagnetfelder. Und im Endeffekt wird die Musik runder.« Und dann legt der Diplom-Elektrotechniker los. Er spricht von Wirbelströmen und Signal-Reflexionen, von Obertönen, Klangcharakteristika und Klirrfaktoren. Genug gehört. Ich möchte wissen, wo diese reinen Töne herkommen, nach denen Hi-Fi-Enthusiasten manchmal ihr ganzes Leben lang suchen. Also wird ein Besuch im Tonstudio fällig. Ulrich »James« Herter begrüßt mich mit einem breiten Grinsen und einem kräftigen Händedruck. Er ist in der Szene kein Unbekannter. Ende der 70er Jahre spielte er in der Reutlinger Rock-Formation Zomby Woof, schrieb in den 80ern den »Sternenhimmel« für Hubert Kah und war mit Kiz und der »Sennerin vom Königsee« in den Charts vertreten. 1985 gelang ihm als einer Hälfte des Duos Two Of Us der Hit »Blue Night Shadow«. »Wenn ich das Kragenknöpfle zumache klingt der Sound anders« Wir gehen in den gut 60 Quadratmeter großen Regieraum, der 58-Jährige setzt sich hinters Mischpult - ein über zwei Meter breites und gut anderthalb Meter tiefes Monstrum mit Hunderten Reglern, Schiebern, Knöpfchen und Zeigerinstrumenten. »Das habe ich mal gebraucht für 120 000 D-Mark gekauft, neu hat das über 300 000 gekostet.« Heute dient es nur noch als Abstellmöglichkeit für Kaffeetassen und den Rechner, mittlerweile sein bevorzugtes Arbeitsgerät. Ein kleines, weißes MacBook von Apple nimmt nicht nur die Musik auf, sondern sorgt auch auf Wunsch für die richtigen Töne. Ein Schlagzeug gefällig mit Hi-Hat, Snare-Drum oder Tom Tom? Kein Problem, die Software lädt die entsprechenden Klänge in Sekundenschnelle. Oder lieber ein Flügel, ein Altsaxofon, eine Flöte? Die Klänge der Instrumente wurden mit viel Aufwand von Originalinstrumenten aufgenommen, sind digital gespeichert und werden über ein angeschlossenes Keyboard in jeder gewünschten Art und Weise angespielt. Wie war das doch gleich mit dem möglichst authentischen Sound? Die Musik wirke doch in jedem Raum anders. »Überspitzt gesagt: Wenn ich das Kragenknöpfle zumache, klingt der Sound anders«, lacht Herter und ergänzt: »Ich bin noch vintage, old-school, und halte es mit den Beatles: Wenn der Song Spirit hat, dann ist er gut.« Aber zurück zu den High-End-Fans. Finden sie irgendwann den perfekten Klang? »Ich glaube nicht, dass ich an einem Ziel ankomme«, lacht Roland Dornes. Matthias Schneider weiß aus Erfahrung: »Es gibt Leute, für die ist das ein Hobby. Die sind nie zufrieden.« Andere wiederum lassen sich eine Anlage einmalig zusammenstellen und genießen damit über Jahre ihre Musiksammlung. Den perfekten Sound jedoch wird es nicht geben, ist Schneider überzeugt: »Klang ist eine individuelle Sache.« Wieder sitze ich im Wohnzimmer von Roland Dornes und lasse mich in den High-End-Bereich der Hi-Fi-Welt begleiten. In ein Hobby, das mich an den Zeitvertreib von Weinkennern erinnert. In beiden Fällen ist die stetige Verfeinerung der Sinne das zentrale Motiv. Ihr Antrieb ist die Suche nach neuen Geschmacks- und Hörerlebnissen. Und immer ist nur der Konsument selbst die Richtschnur. Wie hat Willi Biegler es formuliert? »Es gibt keinen Profi im Hören.« |
Plattenspieler für viele Zehntausend Euro, Verstärker von Firmen, deren Namen noch nie in einer Prospektbeilage standen: Die Welt der Hi-Fi-Fans ist klein und wenig bekannt. Es sind Liebhaber, die Wert auf eine besonders authentische Musikwiedergabe legen. Dafür loten sie die Grenzen der Akustik, Physik und Elektrotechnik voll aus. |