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5. 12. 2009
Die Helden
Was macht denn eigentlich einen Helden aus?
Werner T. Fuchs: Helden sind zunächst mal eine riesige Projektionsfläche. Der Held hilft uns bei drei Fragen: Wer bin ich, wer ist der andere und wo ist mein Platz in dieser Welt? Menschen lernen das schon als Babys: Ich schreie, also bekomme ich zu essen. Ich lächle, dann werde ich umsorgt. So lernen Babys dieses wichtige Ordnungsmuster, das da heißt: Es lohnt sich, gewissen Personen mehr zu vertrauen als anderen. Diese Personen werden im Laufe des Lebens wechseln. Sie bekommen jedoch extreme Bedeutung in Übergangszeiten. Es gibt in der Regel zumindest zwei große Heldenzeiten im Leben: die Kindheit und dann die Pubertät. In diesen Zeiten entstehen Heldenfiguren, an denen wir uns orientieren.
Helden gehören also nicht schon längst in die Mottenkiste?
Fuchs: Helden werden nie in der Mottenkiste verschwinden. Denn wir sind so programmiert, dass wir bestimmten Menschen mehr Vertrauen schenken als anderen. Das ist ein Urprogramm, das die Wahrscheinlichkeit unseres Überlebens sichert. Es gibt in unserem Gehirn natürlich keinen Helden-Chip, aber es gibt neuronale Verschaltungen, die aus der frühen Kindheit kommen und dann noch während der Pubertät verstärkt werden. Und die sagen: Es lohnt sich, Heldenfiguren nachzueifern. Und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass dieses Nachmachen Leben rettet (lacht). Mir ist mal ein Pferd nachgerannt, und weil ich so viele Western gesehen habe, kam ich mit einem Satz über die Mauer, über die ich sonst nie wieder springen konnte.

Aber sind Helden seit dem Dritten Reich nicht diskreditiert? Damals gab es Heldenfriedhöfe und man starb fürs Vaterland.
Fuchs: Die Eindrücke rund um den Nationalsozialismus waren in der Tat sehr prägend, sodass man Heldentum ablehnte. Aber interessanterweise viel weniger lang, als wir meinen. Nehmen Sie das Wunder von Bern 1954, das war von fundamentaler Bedeutung für Deutschland. Dann kam die 68er-Bewegung. Damals waren für uns von der Theorie her alle Menschen gleich. Für uns gab es keine Helden mehr. Und damals waren wir auch alle damit einverstanden. Auf den Tischen standen volle Aschenbecher und billiger Wein und hinter uns hingen die Poster von Che Guevara und Marx (lacht). Wir waren überzeugt, dass es ohne Helden geht, dabei hingen sie hinter uns!
Was muss ein Held verkörpern?
Fuchs: Er muss uns primär eine Geschichte erzählen, die uns attraktiv erscheint, der wir glauben und die uns Sicherheit gibt. Eine Geschichte, in der wir auch eine Rolle übernehmen würden. Schauen Sie sich Obama an: Aus einem Outsider wird der mächtigste Mann der Welt. Und dann erzählt er uns permanent die Geschichte »Yes, we can!« Und jetzt erinnern Sie sich an den Rat Ihrer Mutter oder Ihres Vaters: »Junge, das kannst du!« Solche Botschaften sind prägend, für sie sind wir empfänglich.
Hat nicht jeder seine eigenen Helden?
Fuchs: Neben den Helden, die im kollektiven Gedächtnis haften, gibt es persönliche Helden, die immer mit der eigenen Geschichte zu tun haben. Ich erinnere mich an früher, an den Unterschied zwischen den Rolling Stones und den Beatles. Wenn ich mich gegen meine Eltern auflehnen wollte, dann war ich eher ein Fan von den Stones, weil mir die Beatles zu brav waren. Solche Muster geben Orientierung beim Denken und Handeln.
Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen Vorbild und Held?
Fuchs: Da gibt es sehr wohl einen gravierenden Unterschied, und der liegt in der politischen Korrektheit. Meiner Ansicht nach sind Vorbilder idealisierte Konstrukte. Sie stehen für einen Idealzustand, sie zeigen, wie der Mensch sein sollte. Nicht, wie er tatsächlich ist. Vorbilder sind moralbehaftet und deshalb durch und durch unwirklich. Und dadurch wirken sie irgendwie blutleer. Ein Held dagegen versteht mich, der kämpft für mich, der dreht auch mal ein krummes Ding. Bei Helden sehe ich konkrete Handlungen, bei Vorbildern den erhobenen Zeigefinger.
Dürfen Helden also auch mal nicht so perfekt sein?
Fuchs: Ja natürlich, das müssen sie sogar! »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen«: Ein perfekter Jesus wäre kein Held. Anders gesagt: Von außen gesehen muss er, von sich selbst aus gesehen darf er unperfekt sein. Ein Held macht ja seine heldenhaften Taten nicht, weil er die Checkliste für Helden abarbeitet. Es ergibt sich aus der Situation, um seine Aufgabe zu erfüllen. Er will ja diesen Drachen töten. Und wenn es im Dienst dieser Aufgabe steht, dann macht er?s.
Wenn ich Sie richtig verstehe, dann ist der Held gar nicht so weit weg, sondern fast einer von uns.
Fuchs: Nehmen Sie die griechischen Helden. Selbstverständlich werde ich nicht Achill, aber irgendwo erscheint er mir dennoch nicht ganz unerreichbar. Helden werden ja nicht geboren, im Gegenteil. Sie werden häufig fast dazu gezwungen. In ganz vielen Fällen gibt es einen anfänglichen Widerstand, diesen blöden Kampf gegen den Drachen aufzunehmen. Wirklich nur die allerschlechtesten Telenovelas und Soap-Operas tun so, als ob der Held morgens aufspringt und ruft: »Toll, heute kämpfe ich wieder gegen den Drachen!«
Was ist dann das Heldenhafte?
Fuchs: Anfangs werden sie genötigt. Aber wenn sie mal unterwegs sind, dann ziehen sie das durch. Und der Held riskiert sein Leben - nicht nur im symbolischen Sinn. Obama riskiert sein Leben sehr viel mehr als ich, weil tausend Irre darauf warten, ihn abzuknallen. Das weiß jeder, das weiß auch er. Und zudem riskiert er auch im übertragenden Sinn sein Leben, sprich: seine soziale Anerkennung. Wenn er seinen Job nicht gut macht, droht der tiefe Fall.
In Ihrem Buch schreiben Sie viel über Odysseus. Was macht ihn zum Helden?
Fuchs: Er ist der Prototyp eines Helden, weil er früh alle Elemente verkörpert. Er sucht die Heldenrolle nicht, im Gegenteil, er will sich sogar mit List davor drücken. Dann hat er zuerst die politische Idee, die seinem Kampf einen Sinn gibt. Schließlich ist der Kampf aus, und er will nur noch heim zu Frau und Kind, wobei auf der Rückfahrt ja die meisten Heldentaten geschehen. Schließlich hat er viele Helfer, er hat Schwächen und etwas Unbedingtes, ein »entweder - oder«. Bei ihm sind alle Elemente drin. Außerdem ist er nicht perfekt, er ist ja doch auch ein Schlitzohr.
Wenn wir uns jetzt Obama anschauen, dann ist der aber schon sehr glatt. Er hat wenig Brüche.
Fuchs: Das ist eine Gefahr. Er tritt kaum in Fettnäpfchen, ist fast zu durchinszeniert.
Es scheint so, als ob ihm das auch bewusst ist. Wie die First Lady die Klatschmagazine jetzt wissen ließ, waren die Obamas ja auch beim Eheberater.
Fuchs: Das war überraschend, das fand ich aber cool. Womöglich haben sie auch Schwierigkeiten mit ihren pubertierenden Kindern, das würde in unsere Zeit passen. Heldenfiguren sind ja immer auch abhängig vom Zeitgeist. Stellen Sie sich mal vor, Odysseus wäre zum Eheberater gegangen. Ich möchte auch Clint Eastwood oder Charles Bronson dort nicht sehen.
Geben Sie doch mal Beispiele für Helden von heute.
Fuchs: (überlegt lang). Es gibt natürlich sehr persönliche Helden. Dann gibt es Helden im kulturellen Gedächtnis oder politische Helden. Da gehört Obama sicherlich dazu. Aber sonst sind sie sehr rar.
Die jetzige Generation hat gar keine kollektiven Helden mehr? Warum?
Fuchs: Ja, das ist extrem schwierig und womöglich auch ein Grund dafür, dass es so merkwürdige Ersatzhelden gibt. Etwa diese Motivationstrainer, die motivieren, aber nicht handeln. Zum Helden gehört aber zwingend auch eine Handlung. Vielleicht wird in der heutigen Zeit weniger getan oder man bekommt weniger mit oder es wird sofort hinterher analysiert. Das kann auch an der Individualisierung und der Moralisierung liegen, bei der automatisch jeder durchfällt. Kaum macht ein neuer Held etwas falsch, wird er fallen gelassen; als ob wir ihm diese urmenschlichen Seiten gar nicht mehr zubilligen. Ich glaube, der Preis dafür, Helden zu haben, ist der: Helden bauen auch Mist. Und diesen Preis wollen wir nicht zahlen. (GEA)
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