Montag, 06. Februar 2012

www.grabowski.de > kultur > home

 

5. 9. 2009

Ich schau dir in die Augen!

»Das täte ich nie!« Die Reaktionen vieler Freunde sind eindeutig. Mit einem Gedankenleser unter vier Augen sprechen? Nein, sicher nicht. Zu viel könnte offen zutage treten, zu viele Geheimnisse könnten preisgegeben werden. »Ich weiß, was du denkst« hat der 37-jährige Wahlmünchner sein vor Kurzem erschienenes Buch betitelt. Wer möchte von so jemandem schon durchleuchtet werden?

Ich bin nervös wie selten vor einem Interview. Muss ich mich wirklich mit ihm treffen? Vielleicht genügt auch ein Telefongespräch. Und wenn schon Auge in Auge, soll ich dann wenigstens eine Sonnenbrille tragen wie Pokerspieler? Schließlich sind die Augen »der Spiegel der Seele«, wie Havener in seinem Buch schreibt. In meinem Fall: gefühlte riesige Einfallstore zu meinem Inneren.

Thorsten Havener ist, tja, was eigentlich? Mentalist hat er sich früher genannt, Zauberer, Redner, ach ja: eigentlich Diplom-Dolmetscher. Der smarte Künstler tourt mit seiner Show über die Bühnen des Landes, findet Gegenstände, die das Publikum zuvor versteckt hat, entlarvt Unwahrheiten und sagt seinen Zuschauern auf den Kopf zu, was dort drin gerade abläuft. Havener macht Unterhaltung. Außerdem zeigt er in Workshops, wie er das macht. Und wie seine Teilnehmer, etwa Personaler und Manager, dieses Wissen im Berufsalltag nutzen können.

Denn mit Hellseherei und Hokuspokus haben diese phänomenalen Leistungen nichts zu tun. Sein Geheimnis ist ein profundes Wissen, viel Erfahrung und vor allem eine gute Beobachtungsgabe. So registriert er jede kleinste Regung seines Gegenübers, nimmt viele Details an ihm wahr.

»Es ist nicht so, dass ich Sie anschaue und Sie dann komplett durchgescreent habe«

Genau dieses Wissen um seine Beobachtungsgabe macht mich verrückt. Ich stelle meine Fragen und beobachte mich dabei. Offen soll ich wirken, ihn anschauen, ihm meine Aufmerksamkeit zeigen und auch noch zuhören. Anstrengend!

»In einem Augenblick nehmen Sie zwischen fünf und neuen Informationen gleichzeitig wahr«, referiert Havener, der an diesem sonnigen Vormittag auf der Terrasse eines Cafés in einem Münchner Vorort sitzt. Das Jackett seines schwarzen Nadelstreifenanzugs ist über die Stuhllehne gehängt, das Handy hat er ordnungsgemäß weggepackt, als der Mann von der Zeitung kam. Nun sitzt er ihm gegenüber, die Beine leicht geöffnet, die Hände in den Schoß gelegt. Eine Ray-Ban-Sonnenbrille liegt auf dem Tisch. »Wenn Sie mich anschauen, dann nehmen Sie also gleichzeitig auch meine Haarfarbe wahr, mein Hemd und welche Haltung ich habe.« Diese ganzen Informationen werden aufgenommen, alles in einem Augenblick, der, das lehren uns Psychologen, rund drei Sekunden dauert. Doch das meiste erreicht gar nicht das Bewusstsein, sondern wird sofort wieder vergessen. Ein Mechanismus, der das Gehirn vor Informations-Völlerei schützt.

Meine Gedanken rasen. Wie viel von meinem Innersten gebe ich in diesem Moment wohl preis? Was weiß dieser Mann von mir?

Havener lacht. »Sie sind gut gelaunt. Sie sind ein bisschen gestresst, aber Sie sind pünktlich angekommen. Sie sind glücklich und sehr entspannt. Und Sie sind sehr interessiert: Sie nicken, Ihre Augen sind groß, Sie lächeln, Ihr Mund ist geöffnet, das heißt, Sie wollen neue Informationen aufnehmen.« Und die Nervosität? »Ja, Sie sind nervös, das sieht man. Aber nur ein bisschen.«

»Ich kann jemanden hypnotisieren und ihn die Zahl Drei vergessen lassen«

Es wird ihm doch sicher häufig so gehen, dass seine Gesprächspartner sich nicht ganz wohl in ihrer Haut fühlen. »Ständig!«, grinst er. »Ich denke aber, die Leute haben eine falsche Vorstellung davon, was ich mache. Es ist ja nicht so, dass ich Sie anschaue und Sie dann komplett durchgescreent habe. So läuft das nicht.« Ach, nicht? »Das ist der Unterschied zur Show. Hier habe ich nicht allzu viel Kontrolle über das Umfeld. Auf einer Bühne habe ich ganz andere Möglichkeiten, an bestimmten Schrauben zu drehen.«

So ganz beruhigt bin ich nicht. Wieder richtet sich meine Aufmerksamkeit nach innen. Blöd, das merkt der sicher. Irgendwie sind meine Beine so verkrampft übereinandergeschlagen. Und warum spielt eigentlich meine rechte Hand die ganze Zeit mit dem Stift? Äh, was wollte ich jetzt fragen?

Und mehr als neun Dinge gleichzeitig wahrzunehmen ist nicht drin? »Ich schaffe nicht mehr als neun. Der Dalai Lama liegt vielleicht bei 50, ich weiß es nicht. Aber für mich ist bei neun die Grenze«, lacht der Illusionist und verrät ein weiteres Geheimnis: »Ich weiß aber auch, wo ich hinschauen muss.« Er zählt auf: Sind die Hände glatt oder rau? Trägt das Gegenüber Schmuck, religiöse Symbole, oder hängt das Logo einer Automarke am Schlüsselbund? Ist der Körperbau muskulös? Jedes Detail ist wichtig. Vielleicht lässt sich auch ein schneller Blick in die Damen-Handtasche erhaschen. Lugt dort ein Babyschnuller hervor oder liegt hochwertiges Make-up drin? Aus diesen Informationen komplettiert sich langsam das Puzzle der Persönlichkeit, ohne dass nur ein Wort gefallen wäre.

Aber damit werden Menschen in Schubladen gesteckt und kategorisiert. Bei solchen Einschätzungen geht doch viel Individualität flöten. »Körpersprache ist keine Vokabel«, warnt auch Havener. »Wenn ich mich gerade am Kinn kratze, dann bedeutet das jetzt beispielsweise eben nicht, dass ich unsicher bin oder etwas zu verbergen habe. Sondern einfach nur, dass ich dort ein Härchen spüre, das ich abwische.«

Beobachtung ist das eine, Suggestion und Lenkung das andere, was Havener in seinen Shows anwendet. Seine Bewegungen wirken auch hier im Gartencafé kontrolliert, seine angenehme Stimme moduliert: schneller und langsamer, leiser, lauter und betonter. Keine Frage, er ist ein Showman.

Irgendwas passiert gerade mit mir. Die Situation entgleitet. Ach, es ist so schön in der Sonne. Muss ich eigentlich noch Fragen stellen? Ich reiße mich zusammen, hantiere am Aufnahmegerät, um mich ein paar Sekunden zu sammeln.

Nach wie vor macht Havener Unterhaltung, und doch zielt sein Buch in eine andere Richtung. Auch die neue Bühnenshow wird ein anderes Konzept haben: »Die Leute werden viel über sich selbst erfahren. Mein Ziel ist es, dass sie rausgehen und am nächsten Morgen im Büro anwenden, was sie am Abend zuvor gehört haben. Und merken: Hey, das funktioniert ja wirklich.«

In diesem Sinn ist er ein Ermöglicher. Jemand, der hilft beim Schritt in die Eigenständigkeit. Er beugt sich vor und strahlt. »Alle Macht ist in dir!«, sagt er und führt als Beleg die Hypnose an, die er häufig in seinen Shows einsetzt. »Ich kann jemanden die Zahl Drei vergessen lassen. Wenn er dann seine Finger durchzählt, wird er stocken: Eins, zwei, äh, wie war das noch? Aber das Beste ist: Er macht das selbst. Ich leite ihn nur an.« Und diese Erkenntnis könne jeder, wirklich jeder selbst anwenden, über Autosuggestion, über Mentaltraining und innere Bilder. Gleichwohl bezeichnet er sich als »strikten Gegner des positiven Denkens« und schimpft auf viele Motivationstrainer. »Wenn jemand sagt 'Du schaffst alles, wenn du nur willst' - das ist gefährlich!« Denn der Weg zur Eigenständigkeit und Selbstbestimmung ist ein langer. Doch sein Trost: »Mental ist alles in einem drin.«

Mental herrscht bei mir gerade gähnende Leere. Ich habe ein Kärtchen vorbereitet, mit einer Zahl darauf. Das hätte er eigentlich erraten sollen. Erst einige Minuten, nachdem er die Terrasse verlassen hat und außer Sichtweite ist, erinnere ich mich daran. Ich habe einfach vergessen, dieses Experiment mit ihm zu machen. Oder hat er es mich vergessen lassen? Wie hatte er gesagt: »Ich habe Sie nicht hypnotisiert. Ich habe nur die richtigen Worte verwendet!«

Thorsten Havener kann Gedanken lesen. Sagt er. Als Mentalist und Redner tourt er durchs Land und verblüfft sein Publikum mit erstaunlichen Tricks. Sein Geheimnis teilt er jetzt mit vielen. In einem Buch beschreibt er, wie er nicht nur das Innere seines Gegenübers errät, sondern auch, wie er Kontrolle über ihn erhält. Eine Begegnung.