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18. Oktober 2008 Der Griff ins SchatzkästchenDie großen Schätze lagern dicht an dicht in mehreren Reihen. Gestapelt, gedrängt, in den immergleichen Rahmen auf einheitliche Form gebracht. Geordnet, katalogisiert und dennoch einzigartig. Unikate allesamt, manchmal schön und opulent, manchmal karg und verstörend. Hell ist es in dem kleinen Raum im Stuttgarter Wilhelmspalais, fast sachlich und nüchtern geht es zu, hier in der Graphothek, einer Abteilung der Stadtbücherei.
Die Idee ist bestechend. So, wie in der Bücherei eben Bücher (und mittlerweile auch Videos, CDs und DVDs) entliehen werden können, steht in der Graphothek Kunst zur Ausleihe bereit Bilder, Grafiken, Fotografien. Und das seit über 30 Jahren. Ob Fotos, Zeichnungen oder Collagen; von Beuys, Christo, Kippenberg oder Stankowski: Mit dem Büchereiausweis dürfen Kunden im Wilhelmspalais große Kunst mit nach Hause nehmen und sie eine Zeit lang in den eigenen vier Wänden ausstellen. »Ich bin mittlerweile total angefixt«, gesteht Ulrike Wendler. Vor rund einem Jahr kam die Ärztin zum ersten Mal in das kleine, wenig bekannte Kunstrefugium. Mittlerweile hat die junge Frau sieben großformatige Bilder entliehen. So wird ihr Wohnzimmer zum Museum. »Ich führe jetzt immer unsere Gäste durch die Wohnung«, lacht sie und gibt zu: »Anfangs bin ich recht naiv an die Sache herangegangen. Aber durch das Ausleihen, auch durch die Beratung, habe ich viel mehr Interesse für Kunst bekommen.« Jetzt freue sie sich über den Anblick moderner Künstler. Die 42-Jährige sagt: »Früher war das eher Deko, jetzt habe ich mich fortentwickelt in Richtung Moderne Kunst.« »Kunst ist etwas so Schönes, wie ein gutes Essen oder schöne Augenblicke« Die Graphothek ist eben auch ein Ort des Lernens, der Entwicklung. Mit dem Öffnen der Glastür tritt der Besucher ein in eine neue Welt, ins Reich der Fantasie, der Interpretation, des höheren Zeitvertreibs kurz: in die Welt der Kunst. »Kunst ist etwas so Schönes, wie gutes Essen oder schöne Augenblicke«, erzählt Gabriele Ott-Osterwold und lächelt. »Diese Leidenschaft wollen wir vermitteln.« 1973 hat die sympathische Kunstliebhaberin die ersten Blätter für den Aufbau der Stuttgarter Graphothek gekauft. Damit setzte sich die manchmal etwas betulich wirkende Landeshauptstadt an die Spitze der progressiven Idee, die in diesen Jahren in der Bundesrepublik Fuß fasste. Der Geist der 70er-Jahre zeigt sich auch heute noch. Nach wie vor ist die Graphothek, deren Sammlung mittlerweile rund 2300 Blätter von 1100 Künstlern umfasst, mehr als nur eine Entleihstelle. »Wir haben hier den zentralen Punkt, um Künstler und Galerien zu fördern«, sagt Jessica Berger, die Anfang November die Leitung der Graphothek übernimmt. Und Ott-Osterwold fügt an: »Wir kaufen nicht nur Kunst, wir vermitteln sie auch nach außen.« Dieses Erklären und Präsentieren geschieht nicht nur in Gesprächen mit den Besuchern. In regelmäßigen Abständen durchforsten die beiden ihre Sammlung (die Bibliothekarin und Kulturmanagerin Jessica Berger war viele Jahre die Stellvertreterin von Ott-Osterwold). Sie gestalten Ausstellungen für die Stadtteil-Büchereien und Bezirksämter. »Wir stellen da pfiffige Sachen zusammen«, freut sich Ott-Osterwold. Die in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaute Sammlung ist freilich nicht nur künstlerisch wertvoll. Sie ist auch in harter Währung keine Petitesse mehr. So hat jüngst die Wirtschaftszeitung »Capital« ein Ranking der deutschen Artotheken veröffentlicht. »Und wir stehen an der Spitze«, freut sich Ott-Osterwold. Am riesengroßen Etat liegt‘s freilich nicht, sondern eher am Kunstsachverstand der Leiterinnen. »Wir kaufen, solange die Künstler noch nicht so bekannt sind«, erläutert Ott-Osterwold ihre Strategie. »Wir haben beispielsweise die jungen Wilden erworben, da gab es die Bezeichnung noch gar nicht.« Jessica Berger ergänzt: »Wir sind sehr konsequent bei der Auswahl und nehmen nicht alles.« Lob kommt auch von Dr. Johannes Stahl, dem Vorsitzenden des Artothekenverbands. »Während viele sich eher auf lokale Künstler konzentrieren, haben die Stuttgarter schon immer über ihre Stadtgrenzen hinausgeblickt.« In Deutschland gibt es derzeit zwischen 130 und 140 Artotheken so lautet der übergeordnete Begriff, denn in vielen lassen sich nicht nur Bilder, sondern auch Skulpturen ausleihen. Damit besitzt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich die größte Szene. »Wir haben hier wirklich ein kleines Schatzkästchen. Das gilt es zu erhalten« Bereits in den 1920er Jahren wurde die erste Artothek in Berlin gegründet, die allerdings sehr schnell wieder zumachte. In den 70er Jahren begann der Boom in Deutschland, zuvor wurden bereits die Niederlande nahezu flächendeckend mit Kunst-Ausleihstationen überzogen. »Die Holländer gehen sehr viel flexibler und freier mit Kunst um«, weiß Stahl. Auch Schweden hatte eine gut bestückte Szene, die allerdings in der Ära der konservativen Regierung »nahezu komplett abgebrannt« sei. Hierzulande nimmt die Zahl der Artotheken dagegen zu. Allerdings sieht der Kurator und Gutachter einen Strukturwandel. Denn es kommen immer mehr private Träger in die Szene. Einer davon ist die Stiftung Kunst und Recht in Tübingen. Derzeit geht es dort drunter und drüber, denn in den nächsten Wochen werden neue Räume im Loretto-Areal bezogen. Rund 50 Werke seien mittlerweile kunsthistorisch aufgearbeitet und im Verleih, erzählt die Stiftungsgründerin Donata Bretschneider. Im Jahr 2000 hat sie von ihrem Onkel, dem Hamburger Werbepsychologen Kraft Bretschneider, rund 900 Grafiken geerbt. Schwerpunkt der Sammlung ist die Kunstrichtung »Informel«, abstrakte Kunst, »action painting« und abstrakter Expressionismus seit den 50er Jahren. Auch für Bretschneider ist der Verleih der Kunst nur ein kleiner Teil der Arbeit, der Aufgabe, ihrer Herzenssache. »Ich habe beispielsweise auch schon Bilderlesungen gemacht, um den Weg zur abstrakten Kunst zu ebnen, um Vorurteile abzubauen.« Übrigens unterstützt die Stiftung auch den »Poetry Slam« an den Tübinger Schulen. Das Beispiel verdeutlicht, dass Geld mit dem Verleih von Kunst nicht zu verdienen ist. So sind es häufig eben Stiftungen, Kunstvereine oder Künstlervereinigungen, die das Geschäft machen, aus dem sich immer mehr Kommunen verabschieden. »Wir erleben eine Kommerzialisierung des öffentlichen Denkens, auch in Fragen der Bildungsanliegen«, bedauert Stahl. Schnell würde gefragt: Rechnet sich das, was kostet das, was bringt‘s? »Dieses Denken kommt häufig aus Politikerkreisen und aus bildungsfernen Schichten« weiß Stahl und ergänzt: »Gerade für diese Schichten waren die Artotheken einstmals gedacht.« Auch wenn es in Stuttgart keine Begehrlichkeiten gibt, Ott-Osterwold ist vorsichtig. »Wir haben hier wirklich ein kleines Schatzkästlein«, grinst sie. »Und das gilt es, zu erhalten.« Schließlich zieht die Graphothek ein ganz durchmischtes Publikum an. Es kommen Singles, die gerade umgezogen sind und ihre kahlen Wände nicht mögen; Familien, die ihren Kindern so ganz nebenbei Kunst näherbringen wollen; Ärzte, die angenehme, unaufregende Bilder fürs Wartzimmer suchen, und Rechtsanwälte, für die es ruhig groß und repräsentativ sein darf. Auch Architekten sind unter den Kunden der Stuttgarter Graphothek, wie beispielsweise Mathias Meyn. Ihn interessieren vor allem Kohledrucke, Pop-Art und Drucke von Grieshaber. »Diese Bilder prägen den Lebensraum mit, sie inspirieren mich.« Nicht jeder Besucher bringt den großen Kennerblick mit. »Es kommen auch durchaus Menschen, die sagen: ›Ich will ein rotes Bild, weil das zu meiner Einrichtung passt.‹«, erzählt Ott-Osterwold und lächelt. Doch es ist kein überhebliches Grinsen, wenn sie leise weiterspricht: »Kunst ist doch so etwas Fragiles, das wollen wir vermitteln.« »Diese Bilder prägen meinen ganzen Lebensraum mit, sie inspirieren mich« Könnten die beiden eigentlich ohne Kunst leben? Auf gar keinen Fall, antworten sie ohne nachzudenken. Kunst senisibilisiere die Sinne, öffne einen anderen Blick auf die Welt und schule die visuelle Wahrnehmung, beschreibt Ott-Osterwold. Ohne ein solches Engagement könnte eine Einrichtung wie die Artothek wohl auch nicht bestehen. Denn natürlich stecken beide gehörig Freizeit in ihre Arbeit. Galeriebesuche sind für sie an der Tagesordnung, ebenso wie die Fahrten zu den großen Kunstmessen in Basel, Köln und Berlin sowie die Kooperation mit der hiesigen Staatlichen Akademie der Künste. Die Kunden der Graphothek freilich profitieren von diesem Engagement. Wenngleich für sie immer auch eine bittere Note im Ausleihen der Kunst liegt. »Es ist jedes Mal schade, wenn man ein Bild abgeben muss«, erzählt der Architekt Mathias Meyn. Deshalb schöpft er die maximale Ausleihfrist von einem Jahr meist ganz aus. Auch Ulrike Wendler gesteht: »Das ist echt blöd.« Überlegt kurz und sagt dann: »Schön ist aber, dass ich mich dann über was Neues freuen kann.« (GEA) |
Das ThemaKunst ausleihen wie Bücher: Ganz neu ist die Idee nicht. Dennoch ist es wenig bekannt, dass es ganz in der Nähe diesen Service gibt. Die Graphothek der Stuttgarter Bücherei bietet mittlerweile über 2000 Blätter an und die Tübinger Stiftung Kunst und Recht zieht gerade ins Loretto-Viertel, um dort eine Ausleihmöglichkeit aufzubauen. |