Freitag, 30. Juli 2010

www.grabowski.de > text > kultur

 

Neuer Wind im Klassenzimmer

Stühle rücken, Palaver, Lachen. Die Kinder, alle um die 13 Jahre alt, brauchen eine Weile, bis sie sich hingesetzt haben, bis sie ruhig und aufmerksam sind. Das ist typisch für eine Schulklasse. Weniger typisch ist es, dass sie sich im Kreis gruppieren, und dass in dieser Stunde der Klassenrat tagt: ein Gremium, in dem nicht der Lehrer den Ton angibt, sondern eine Schülerin. Und die kann strenger sein als jeder Lehrer.


Aufstehen erlaubt: Bei der Wochenplanarbeit bleiben manche Schüler im Klassenzimmer, andere suchen sich irgendwo im Schulgebäude einen freien Platz. FOTO: MARKUS NIETHAMMER

Energisch schlägt Louisa die Triangel, das festgelegte Zeichen dafür, dass jetzt Ruhe ist. Die schwarzen krausen Haare fest zu einem Zopf gebunden, sitzt sie aufrecht auf ihrem Stuhl. Ihre dunklen Augen huschen über die Meute, während sie den Klassenrat eröffnet. Als »Präsidentin« stellt sie die Tagesordnung zusammen, leitet die Diskussion und lässt über Anträge abstimmen. Kontrovers geht's bei zwei Punkte zu: der Finanzierung einer Klassenfahrt nach England und der Frage, ob die Schüler vor Weihnachten wichteln sollen.

Louisas Job ist mühevoll, da ist volle Konzentration gefragt. Wer redet ohne aufgerufen zu sein, dessen Namen lässt sie an die Tafel schreiben. Im Laufe der Stunde finden sich zwischen den Schülernamen auch die der beiden Lehrer. Louisa kennt da kein Pardon.

Der Klassenrat gehört für diese siebte Klasse der Tübinger Walter-Erbe-Realschule fest zum Freitagmorgen. Punkt 8.35 Uhr beginnt die Runde. Und die ist beileibe kein Rollenspiel, keine unterhaltsam verpackte Übung. Das Gremium gehört fest zur Selbstverwaltung der Klasse. Jeder Schüler und jeder Lehrer hat genau eine Stimme. Die Entscheidungen, so sie in die Hoheit des Rats fallen, sind für alle bindend.

In dem kleinen rechteckigen Flachdachbau im Hof der Realschule ticken die Uhren ein wenig anders. Seit vier Jahren werden die Schüler dort nach den Ideen des französischen Pädagogen Célestin Freinet unterrichtet. »Wir sind deutschlandweit die einzige Realschule«, sagt Matthias Riemer, der dieses reformpädagogische Projekt aufgebaut hat. Das Ziel: Jeweils eine der drei Parallelklassen soll nach Freinet unterrichtet werden. Bis jetzt gibt es diesen Zug von der fünften bis zur achten Klasse.


Fabian ist stolz auf seine Forschungs-
Projekte mit Unken und der Weiher-
Kartierung. FOTO: NIETHAMMER

Dass sich Schule ändern muss, ist spätestens seit dem »Pisa-Schock« klar. Während Politiker nach Neuem rufen, kramen Experten alte Ideen aus. Denn Freinet hat, wie die hierzulande bekanntere Pädagogin Maria Montessori, um 1900 herum gelebt und damals den neuen Unterrichtsstil entwickelt. Der ist aktueller denn je. »Wenn man den neuen Bildungsplan aufschlägt, dann stehen da Ziele drin, die wir Freinet-Leute erfüllen«, freut sich Riemer. Denn wie in vielen Grundschulen schon heute, soll künftig in allen Schulen mehr Wert auf Fächer verbindenden Unterricht gelegt werden, auf Eigenverantwortung und Stärkung der sozialen Kompetenz der Schüler. Aspekte, die im Freinet-Unterricht gang und gäbe sind.

Beispielsweise im Fach Biologie. Laszlo, Finn und Niko aus der sechsten Klasse testen die Haltbarkeit von Zähnen. In kleine Petrischalen haben sie verschiedene Flüssigkeiten gefüllt: Leitungswasser, Zuckerwasser, Fanta und Cola. Darin liegen nun seit einer Woche Zähne, und die sehen immer noch recht stabil aus. Lediglich der Zahn in der Koffeinbrühe ist schwarz geworden. »Wir wollen herausfinden, wie lange ein Zahn braucht, bis er Löcher bekommt«, erklärt Finn das Forschungsvorhaben. »Wir haben auf mal zehn Tage getippt«, sagt er weiter und grinst: »Da haben wir uns sehr verschätzt.«

Damit die drei auch ein handfestes Ergebnis bekommen, läuft dieses freie Forschen nach strengen Regeln ab: Zunächst mussten sie einen Forschungsantrag stellen, in dem sie ihre Idee, den Grund fürs Vorhaben und die benötigten Materialien skizzierten. Während der Arbeit führen sie ein Forschungstagebuch am Computer, am Ende steht ein Referat. Und dazwischen gibt's jede Menge Probleme, die sie zu lösen haben. Denn die Zähne in den Schälchen stammen aus einem Kuhschädel. »Wir wissen jetzt nicht, ob Menschenzähne genauso sind. Da müssen wir nochmal nachgucken - im Lexikon oder im Internet«, sagt Niko.

Auch wenn sich dieser Unterricht freies Forschen nennt, ist er doch nicht beliebig. Die Freiheit entsteht vielmehr durch klare Rahmenvorgaben. Riemer spricht vom »Freinet-Paradoxon«: Die Schüler können frei entscheiden, allerdings innerhalb fester Abläufe und Regeln, über die jeder Bescheid weiß.

Beispiel Wochenplan-Arbeit, für die jeden Tag ungefähr zwei Unterrichtsstunden reserviert sind. Im Stundenplan stehen in dieser Zeit nicht spezifische Fächer, vielmehr dürfen die Schüler frei entscheiden, was sie wann erledigen. Der Wochenplan, ein DIN A 4-Blatt, listet die Aufgaben in den Fächern Deutsch, Mathe, Englisch, Bio und Erdkunde auf. Jeder Schüler muss innerhalb einer Woche diese Aufgaben lösen zuzüglich einer Expertenarbeit in zwei der Fächer. An welchem Wochentag er sie erledigt, bleibt ihm überlassen.

»Wie ein Ertrinkender musste ich
einen Weg finden,
um mich über Wasser zu halten«

Freitagmorgen, 7.40 Uhr: In der sechsten Klasse beginnt der Tag mit der Wochenplanarbeit. Laszlo, Finn und Niko gehen in den Nebenraum zu ihren Zähnen und ärgern sich über die vielen Fruchtfliegen, die in den Petrischalen den Tod gefunden haben. Diese Mücken stammen aus einem Experiment, dass Fabian auf dem Tisch daneben aufgebaut hat: In einem Terrarium leben Gelbbauch-Unken, deren Speise diese Fliegen sind. Immer wieder entkommt ein Schwung der »Mückle«. Vor den PCs sitzen drei Jungs und schreiben Berichte, eine Gruppe Mädchen sitzt um einen Tisch und formuliert einen Brief an den Lehrer einer Parallelklasse. Hochoffiziell wollen sie sich über einen Schüler beschweren, der sie piesackt.

Im Klassenraum tüftelt eine Schülergruppe an den Englischaufgaben, während am Tisch daneben Nikolaj mit Schere und Klebstoff hantiert. Seinen Wochenplanaufgabe hat er bereits am Tag zuvor abgeschlossen, nun kümmert er sich um eine Buch-Vorstellung, die er demnächst halten möchte. Er will über die »Wilden Fußballkerle« referieren und präpariert gerade sein Arbeitsheft mit Kopien des Bucheinbands. Stolz schlägt er das Heft auf und zeigt seine Rechercheergebnisse: Über den Autoren hat er einige Daten nebst einem Bild im Internet gefunden und für jede der Hauptpersonen im Buch ist eine Doppelseite reserviert. Mit Hilfe einer Mind Map will er die Personen beschreiben: ihr Alter, ihre Hobbies, ihre fußballerischen Vorlieben.

Wer sich selbst um Erkenntnisse bemüht, ist motivierter und wird sich den Stoff deshalb besser merken können, da ist sich Lehrer Riemer sicher. Geht's also lustig zu im Unterricht? Er lacht: »Es ist natürlich der große Traum der Pädagogen, dass die Schüler alles freiwillig und gern machen.« Dies wird auch in Freinet-Klassen nicht immer der Fall sein. Denn auch hier muss der Stoff gepaukt und am Ende eine Note ins Zeugnis gesetzt werden. »Die Notengebung ist ein wunder Punkt«, weiß der 33-Jährige, gibt aber zu bedenken: »Auch die Kinder wollen eine Bewertung haben. Ich möchte mir Schule auch gar nicht ohne eine Beurteilung vorstellen.«

Célestin Freinet ging damals sogar noch weiter, er hängte die Leistungen seiner Schüler öffentlich aus. Seinen Stil hatte der Franzose übrigens aus einer puren Notlage heraus entwickelt. Als er 1920 im Alter von 24 Jahren in den Schuldienst eintrat, war er wegen eines Lungensteckschusses zu hundert Prozent kriegsversehrt und hatte vier Jahre in Lazaretten und Sanatorien verbracht. Einen herkömmlichen Unterricht hätte er gar nicht durchgehalten. »Wie ein Ertrinkender, der nicht untergehen will, musste ich ein Mittel finden, um mich über Wasser zu halten. Es war für mich eine Frage von Leben und Tod«, erinnerte er sich an die Anfänge der Bewegung, die in Frankreich derzeit von etwa 200.000 Lehrern getragen wird.

So entstand eine Art des Unterrichtens, in der sich der Lehrer zurücknimmt und als Unterstützer und Helfer auftritt. Wie bei Fabian (der mit den Unken), der mit seinem zweiten Forschungsvorhaben nicht weiterkommt. Er hat sämtliche Weiher in der näheren Umgebung kartiert, hat sich angeschaut, was darin alles lebt und ob sie mit Müll verschmutzt sind. »Die Idee habe ich in einem Biobuch gefunden«, erzählt er stolz. Doch nun weiß er nicht weiter. Matthias Riemer hilft ihm auf die Sprünge, regt an, sich im Klassenverband um die Weiher zu kümmern, vielleicht auch mal eine Putzete zu organisieren. Fabian ist begeistert und will die Anregungen in einem der nächsten Klassenräte zur Diskussion stellen. »In der Lehrer-Rolle muss ich mich total umstellen. Hier gilt das Prinzip der minimalen Hilfe. Und wenn ich im Klassenrat rede, ohne dran zu sein, dann muss ich womöglich auch mal eine Strafarbeit schreiben«, sagt Riemer. Diese »demokratische Idee« sei ein wesentlicher Teil der Freinet-Pädagogik. Weil er frisch nach Studium und Referendariat mit dem Freinet-Unterricht begonnen hat, ist ihm die Umstellung nicht schwer gefallen.

Anders geht es erfahrenen Lehrern, etwa seiner Kollegin Gerhild Eilers-Still, die seit diesem Schuljahr zum Freinet-Team gehört. Die Geschichtslehrerin steht schon seit Jahrzehnten vor Klassen und hat mit dem in der siebten Klasse praktizierten Unterricht so ihre Probleme: »Das ist zu viel Arbeit, sowohl für die Schüler, als auch für die Lehrer. Und es kommt zu wenig raus.« Gerade der Epochenunterricht (eine Art Wochenplan, der sich aber über mehrere Wochen erstreckt) sei wenig effektiv und koste zu viel Zeit. »Die Schüler brauchen zu lange, bis sie sich den Stoff erarbeitet haben. Der setzt sich auch zu spät«, ist ihre Beobachtung. Riemer hält dagegen: Natürlich könne auch mal Frontalunterricht stattfinden. Das sei kein Bruch mit dem »System Freinet«.

Vielleicht hapert es aber auch nur anfänglich beim Einstieg in den Freinet-Unterricht - bei Lehrern und Schülern. »Am Anfang war der Epochenunterricht schwierig«, erinnert sich der 13-jährige Max und ergänzt: »Ich könnte mir das anders gar nicht mehr vorstellen.«

Womöglich war der Wechsel in der siebten und achten Klasse vom Wochenplan zum Epochenunterricht auch keine so gute Idee, überlegt Matthias Riemer. Es war ein Versuch, dogmatisch dürfe man das nicht sehen. Fehler sind erlaubt, Korrekturen erwünscht. Genau das sei ja auch das Tolle und Einzigartige an der Sache: »Die Freinet-Bewegung ist in Bewegung.« (GEA)

Das Thema

Ein Stundenplan mit freiem Forschen, Wochenplan und Klassenrat. Tübinger Realschüler werden nach den Ideen des Reformpädagogen Célestin Freinet unterrichtet. In Deutschland ist das Projekt einmalig.

Mehr Infos zu Freinet unter de.wikipedia.org/ wiki/Freinet