Montag, 06. September 2010

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16. 2. 2008

Breit und brachial

VON RALF GRABOWSKI

Der Teufel ist ein Motorrad-Freak. Lässig sitzt er da in schwarzen Lederklamotten und schweren Biker-Stiefeln. Breitbeinig fläzt er auf seinem Thron und blickt grimmig durch eine dunkle Sonnenbrille. Um ihn herum knistert das Feuer, über seine Unterarme züngeln orangefarbene Flammen und aus seiner abgewetzten Basecap wachsen kleine Hörnchen. Vor ihm steht der Traum von einem Motorrad: breit, niedrig und mit einem fetten »Schlappen« als Hinterreifen.Manche Neuigkeiten und Sensationen verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Im Kollegenkreis, unter Freunden, in der Nachbarschaft. Neue Lästereien und Gerüchte werden gern gehört und noch viel lieber weitererzählt.


Aykut Tataroglu pflegt seinen ganz eigenen Stil ­ bei seinem Outfit und bei seinen Motorrädern.
Foto: Markus Niethammer

Der Teufel von diesem Ölgemälde heißt Aykut Tataroglu, wohnt im Ermstal und sieht exakt so aus. Nur dass er keine Hörnchen auf dem Kopf hat, und wenn es um ihn herum qualmt, dann sind das grau-schwarze Brandwolken beim Burn-out, also beim gewollten, spektakulären »Abbrennen« eines Hinterreifens. Der 45-jährige gelernte Maschinenschlosser ist einer der Großen in der deutschen Bikerszene. Deshalb wurde er vom Hamburger Künstler Michael Knepper auch in Öl verewigt. »Er hat insgesamt zwölf Leute aus der weltweiten Bikerszene für einen Kalender gemalt«, freut sich Aykut. »Das ist irre, dass ich dabei bin.«

Aykut ist ein Schrauber. In seiner Werkstatt in Neuffen bastelt er an Motorrädern, er wartet und repariert sie; vor allem aber veredelt er sie. Customizing nennt sich diese Kunst, aus Stangenware ein individuelles Bike zu machen. Andere Räder, veränderter Auspuff, neue Hinterrad-Schwingen, stärkerer Motor, Verblendungen, Sattelform, Abdeckungen: So gut wie jedes Teil an einem Motorrad lässt sich schöner, toller und individueller gestalten.

Die Krönung für einen Customizer ist freilich der Bau eines komplett eigenen Bikes. Aykut hat bereits zwei in seiner Werkstatt stehen, ein drittes existiert in seiner Phantasie. »In die ›Stage II‹ habe ich gut 2 800 Arbeitsstunden investiert«, sagt er, während er zum Kaffeeautomaten am Tresen geht und nach einem Becher sucht. »Meistens habe ich am Abend und in der Nacht gearbeitet.« Und so sind diese urgemütlichen, mit groben Holzlatten ausgekleideten Räume am Neuffener Bahnhof nicht nur Werkstatt, sondern auch Wohnzimmer und Küche: »Früher habe ich hier auch geschlafen, aber das mache ich nicht mehr. Es muss auch mal ein Ende haben.«

Edler, blauer Metallic-Lack und blank geputzes, im Licht blinkendes und strahlendes Edelstahl. Die »Stage II« duckt sich und kriecht förmlich flach und langgestreckt über den Boden. Am augenfälligsten sind ein schwarzer, 30 Zentimeter breiter Hinterreifen mit der Andeutung eines Profils und ein großvolumiger Motor. »Die Zwei-Liter-Maschine leistet 135 PS. Und das da«, er deutet auf einen an der rechten Seite weit herausragenden Anbau, »ist ein Kompressor. Damit leistet sie 225 PS.«

Die Position und Verarbeitung des Kompressors ist etwas ganz Besonderes, was sich aber nur dem Interessierten und Profi erschließt. Erst im direkten Vergleich mit einer Harley von der Stange ahnt auch der Laie die Besonderheiten des Eigenbaus. Wo bei der Großfertigung einzelne Bauteile mit mehr oder weniger breiten Fugen zusammengesetzt sind, dominieren bei der »Stage II« fließende Linien, geschwungene Übergänge und ästhetische Formgebung: Sanft wölbt sich der Tank über dem wuchtigen Motor, bevor er schmal wird und abfällt ins Tal des dünnen, mit Rochen-Leder nur sehr dünn gepolsterten Sattels. Von dort steigt die Linie atemberaubend steil an, geht in das breite, vage angedeutete Schutzblech über, das den Hinterreifen nur ungenügend bedeckt.

So schön wie die »Stage II« dasteht, so unbequem zum Fahren sieht sie aus. »Das ist ein Showbike, da kommt es nicht so sehr auf die Alltagstauglichkeit an«, erklärt Aykut. »Die wird vielleicht tausend Kilometer im Jahr bewegt, mehr nicht.« Auf die Bikertreffen zu den Wettbewerben nimmt er sie im Lastwagen mit. Dennoch darf er sie auf der Straße bewegen, sie hat eine TÜV-Zulassung ­ was beileibe nicht alle Custombikes haben. Erst vor der Show wird sie aufgebaut, poliert ­ und räumt dann gehörig ab. Aykut geht zur Theke und zeigt auf dutzende Pokale von Welt- und Europameisterschaften und von Wettbewerben wie der Daytona Bike Week. Den größten hat er erst im Herbst gewonnen, am Faaker See in Kärnten, wo er unter anderen den ersten Platz für die beste Maschine (»best radical«) bekommen hat.

Die von Harley Davidson ausgerichtete European Bike Week ist eines der größten, sicher aber das publikumswirksamste Event der europäischen Bikerszene. »Eine Hammerparty«, konstatiert Aykut, der sich in diesem Herbst ganze vier Wochen in Kärnten herumgetrieben hat. »Da steht man zusammen und schaut sich die Bikes der anderen an, macht gemeinsam Ausfahrten«, erklärt er und legt eine CD mit Bildern und Filmschnippseln in seinen Rechner. Während das Programm hochfährt, geht er ins kleine Kücheneck, holt sich aus der Mikrowelle eine Tasse mit heißer Milch und nippt daran. »Man redet viel und führt Benzingespräche«, ergänzt er. »Und natürlich immer ein Bier in der Hand. Das gehört dazu. Und abends gibt‘s dann in einem Zelt Table Dance. Da werden extra Mädels aus dem Osten eingeflogen. Hammerhart.«

Schwere Jungs und leichte Mädchen: Ein Klischee, das immer noch die Bikerszene bestimmt. Finster schauen sie drein, die muskelbepackten Lederjackentypen. Finster schaut auch Aykut auf dem mannshohen Plakat in seinen Verkaufsräumen. Der schwarze Bart mit den beiden Zöpfchen tut sein Übriges. »Ich kann nicht auf Kommando lachen«, sagt er und schon grinst er; dabei ziehen sich viele kleine, fröhliche Lachfältchen um seine Augen.

Das schwarze Outfit, die abgewetzten Lederstiefel und das martialische Dröhnen hubraumstarker Motoren gehören einfach dazu, zur Rockerszene, in der Bier in Strömen fließt und Benzin und Öl. Und dennoch ist das nur die halbe Wahrheit. »Es gibt die Leute, die für ihre Harley leben, die‘s nicht lassen können«, erzählt Aykut. Und dann sind da auch die Anzugträger, die sich in ihrer Freizeit in den Sattel schwingen. »Die kaufen sich eine Lebenseinstellung, wenn sie sich mit ihrer Lederkluft verkleiden.« Die Bikertreffen sind der »melting pot«, ein multi-kultureller Schmelztigel, der die Gruppen zusammenführt. »Die sind alle gut drauf und okay.«

»Ich habe mir meine Harley selbst gebaut«

Aykut schlendert vom Verkaufsraum in die große Werkstatt. Die Wände sind gesäumt von Werkbänken. Darüber hängen fein säuberlich Schraubenschlüssel, Schleifscheiben, Zangen. In einem abgetrennten Teil stehen grün lackierte, schwere Fräsen, Bohr- und Drehmaschinen. In der Mitte auf drei kleinen Hebebühnen sind Rahmen festgezurrt, die Motoren sind bereits eingebaut ­ hier entstehen Bikes, nein: kleine Kunstwerke. Noch fehlen Schwingen, Räder, Sattel und die vielen, vielen Kleinigkeiten. Einige Teile kauft er, einige lässt er nach seinen Angaben fertigen, vieles machen er und einige gelegentlichen Mitarbeiter selbst. »Diese Motorräder sind ungefähr zu 70 Prozent Handarbeit.«

Aykut benötigt keine Computer oder C&C-Fräsen, um seine Bikes zu bauen. Er macht auch keine technischen Zeichnungen. »Ich stelle mir das Ding einfach vor«, sagt er. Sein künstlerisches Werk beginnt, wenn der Rahmen fertig ist. »Den stelle ich auf eine Hebebühne, setze mich in den Sessel und mache eine Flasche Wein auf.« Und dann sitzt er da, manchmal auch eine ganze Nacht. Schaut sich den Rahmen an, und langsam entstehen in seiner Fantasie Linien, Proportionen, Farben. Am nächsten Morgen ist das Motorrad in seinem Kopf fertig, dann geht‘s an die Umsetzung. Mit Schablonen aus Pappe, mit Schieblehre und Zollstock, mit Papier und Bleistift und vor allem mit viel Improvisationsgabe.

»Ich habe bereits mit sieben Jahren mit meinem Vater zusammen an unserem VW-Käfer herumgeschraubt und war ölverschmiert bis da hin«, erzählt der in Istanbul geborene Aykut und zeigt auf seinen Ellenbogen. Mit 22 Jahren wollte er unbedingt eine Harley haben. »Aber ich hab‘ kein Geld gehabt. Also hab‘ ich mir eine gebaut.« Für den Rahmen sowie den Motor hat sein Geld gereicht, den Rest hat er in Handarbeit selbst hergestellt. Diese in grau gehaltene Maschine steht immer noch in seinen Verkaufsräumen.

Es gibt wohl so um die 200 Customizer in Deutschland, schätzt ein Branchenkenner, der (weil schon längst raus aus dem Geschäft) nicht namentlich in der Zeitung stehen mag. Doch diejenigen, die auch komplette Bikes selbst bauen, seien an zwei Händen abzuzählen. Der Fachmann sieht ein gesteigertes Interesse an Motorrad-Umbauten. Vor allem Serien im Sportfernsehen würden das Interesse an Custombikes anheizen.

Auch Aykut war in etlichen »Motorvision«-Folgen im DSF zu sehen. Ein Kamerateam hatte ihn beim Bau der »Stage II« begleitet. Ganz schön berühmt, was? »Nein, ich bin nicht berühmt, das ist Quatsch«, sagt er und diesmal bleibt das Lächeln aus. Viel lieber redet er mit den Kunden, die auch samstags und manchmal am späten Abend vor-bei-kommen. Und in den raren Freizeitstunden formt sich in seiner Fantasie bereits die »Stage III«. Ihre Technik wird die des Vorgängermodelle wohl nicht übertreffen können, doch von der Form her wird sie »der Hammer« werden. (GEA)

Customizer sind Männer mit Lust am Tüfteln und Schrauben. Für sie zählen viel PS und abgefahrene, verspielte Designs. Aykut Tataroglu aus Neuffen ist einer von ihnen. Er räumt mit seinen Motorrädern international jede Menge Preise ab
Breit und brachial

»Born to be wild« ­ Ein Bike mit Kultstatus
Die 1903 in Milwaukee, im US-Staat Wisconsin gegründete Motorrad-Schmiede gehört zu den traditionsreichsten Bike-Bauern der Welt. In den 60er und 70er Jahren schlitterte die Firma mit einer verfehlten Modellpolitik in die Krise. Erst Anfang der 80er begann die Sanierung mit einem besseren Marketingkonzept und modernen Modellen. In die neuen Motoren floß übrigens viel schwäbische Ingenieurkunst: Sie wurden von Porsche in Weissach mit entwickelt. Kultstatus erhielt die Harley auch durch Filme wie Easy Rider oder Terminator 2. Im Sprachgebrauch vieler Biker steht »die Harley« als Synonym für alle ausgefallenen Motorräder im Dragster-Stil. (ski)