Mittwoch, 08. September 2010

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9.8.2001

Eine kulinarische Haltestelle

"Gehse inne Stadt,
wat macht dich da satt
´ne Currywurst."
Herbert Grönemeyer

Foto: photocase.de
Foto: photocase.de

Von wohlsituierten US-Amerikaner einst als Junk Food abgetan, haben Currywurst, Pommes frites und Co längst Kultstatus erreicht. Generationen von Teenagern (und ebenso viele, die dem Teenalter schon längst entwachsen sind) genießen die "Curry Spezial" oder die "Pommes rot/weiß" als Happen für den kleinen Hunger zwischendurch. Die Imbissbude als kulinarische Haltestelle auf dem Weg ins Kino oder von der Arbeit.

Längst gehören die Snackstationen zum städtischen Ambiente. Und bieten Gott sei Dank seit vielen Jahren schon die überregionale Küche an: Die Firma mit dem großen M im Logo präsentiert den internationalisierten American Way of Life, Pizza Hut und andere kredenzen Köstlichkeiten aus Bella Italia, nicht zu vergessen die unübersehbare Masse an griechischen Gyros- und türkischen Dönerbuden. In vielen Städten haben auch Chinesen mit Schnellem aus dem Wok Einzug gehalten. Und schließlich bieten so gut wie alle Metzger ebenfalls Hausmannskost für die Mittagspause an.

Bei so großer Vielfalt geht sie fast unter, die klassische Imbissbude, auf deren Grillpfannen die weißen und roten, die langen und kurzen, die gepfefferten oder gebrühten Würste brutzeln, in dessen Friteusen goldgelbe Fritten schwimmen und an deren Theke es noch menschelt.

Der "Lorenz" in Reutlingen etwa oder das "X" in Tübingen sind solche Imbissbuden mit Kultcharakter und kulinarischer Vielfalt abseits eines standardisierten Angebots.

Neben der gebrühten oder gegrillten Roten Wurst im Brötchen gehört die Currywurst zum ursprünglichen Warenangebot einer jeden Imbissbude. Alle Berliner wissen, wer sie erfunden hat: Herta Heuwer war's, die am 4. September 1949 die mit Currysoße und die darin schwimmende geschnittene Wurst experimentiert hat und sich diese Mischung auch gleich hat patentieren lassen (Patent-Nummer 721319).

Falsch, sagen da alle Hamburger und verweisen auf Lena Brücker, die bereits zwei Jahre zuvor mit einer roten Soße in der einen Hand, einer gebratenen Wurst in der anderen gestolpert ist, und so die Currywurst entdeckt hat.

Dabei scheinen die Hanseaten stolzer auf diese Entdeckung zu sein. Immerhin werden in Hamburg 72 Millionen Currywürste im Jahr verkauft - zwei Millionen mehr als in Berlin. Dass die Currywurst übrigens nicht unbedingt Ersatz für die Mahlzeit an Mutters Tisch sein muss, beweisen die Leute von Knorr: Die haben ein rotes Tütchen mit der Aufschrift "Fix für Currywurst" nun auch in den Regalen stehen. Echtes Fast Food für Zuhause.

Fast Food und Imbissbude sind Kinder der Industrialisierung und haben ihre Produktionsweise selbst industrialisiert. Schön zu beobachten etwa bei McDonalds, wo exakte Arbeitsabläufe und auf die Sekunde genaue Grillzeiten für die Hackfleischklopse vorgeschrieben sind.

Die Imbisskultur entstand mit dem Beginn der Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts, als in den Maschinenhöllen von Manchester und in den großen Manufakturen neben der Maschine rasch, rasch die Mahlzeit eingenommen wurde. Von Genuss konnte für die Malocher dabei keine Rede sein. Der Mensch hatte sich der Maschine unterzuordnen. Bis in die 1950er Jahre übrigens war auf einigen Werften in Norddeutschland das Essen aus dem "Henkelmann", der Warmhaltekanne für Suppe oder Eintopf, gang und gäbe.

Der Kulturwissenschaftler Ulrich Tolksdorf hat festgestellt, dass für ein solches Essen in der Fabrik die gleichen Merkmale gelten wie für das Essen im Schnellimbiss: "Schnell - öffentlich - ambulant - transitorisch".

Noch immer haftet dem Ambiente im Schnellimbiss diese schwere Geburt zwischen stampfenden Maschinen und dreckiger Malocherwelt an. Mit ihren dünnen Papierservietten, den Pappschälchen und Plastik-Pieksern bildet sie das Kontrastprogramm zum feinen Restaurant. Doch wer heute am Stand seine Bratwurst isst, der spielt nur noch mit diesem Proletarier-Etikett, für den wird die Currywurst zum postmodernen Zitat. So genießt das Publikum an einem Abend die Pommes an der Bude, am anderen die Lachshäppchen bei irgendeiner Vernissage. (GEA)

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update

Mittlerweile gibt es unzählige Links im Web zur Currywurst. Eine Google-Abfrage bringt im Mai 2006 über 880.000 Hinweise.

Gute Links zur Currywurst finden sich in:
Wikipedia
Marions Kochbuch
currybu.de

Der Currywurstclub Hamburg glaubt natürlich nicht daran, dass Herta Heuwer die Wurst erfunden hat.