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12.3.2005 Liebes Tagebuch, hallo Welt»Der Blick in den Spiegel zeigt mir die perfekte Definition von "scheiße aussehen". Vergebens warte ich darauf, dass sich ein Gefühl der Erleichterung einstellt. Ich hatte mich so darauf gefreut, mich zu freuen«, klagt Eriador, nach dem sie mit ihrer Diplomarbeit fertig ist. Die Siegener Medienwissenschafts-Studentin mosert privat - und doch ganz öffentlich.
Eriador ist ein Kunstname. Entlehnt aus der Phantasiewelt Tolkiens. Dort bezeichnet der Name eine Landschaft, in der Hobbits, Elben und Orks zu Hause sind. In einer phantasievollen Welt lebt auch Eriador, die Studentin. Sie ist eine Bloggerin, eine von vielen Zehntausend in Deutschland. Blog ist die Kurzform von Weblog und bezeichnet so etwas wie ein persönliches Logbuch. Ein Tagebuch, das allerdings die ganze Welt lesen kann, weil es im Internet veröffentlicht wird. Dort ist es mit vielen anderen vernetzt und wird deshalb schnell und leicht gefunden. Weltweite Beachtung fanden solche Blogs nach der Tsunami-Katastrophe am Indischen Ozean. Nicht CNN und andere News-Sender haben die aktuellsten Nachrichten und Bilder geliefert, sondern Blogger - Menschen, die vor Ort waren, weil sie dort ihren Urlaub verbracht haben oder dort wohnen. Sie schilderten ihre Erlebnisse, schrieben sich, ohne die professionelle Distanz klassischer Journalisten, Trauer und Verzweiflung vom Leib und stellten Schnappschüsse der Katastrophe online. Sie waren auch die Ersten, die auf Missstände aufmerksam machten. »Es hat sich ein regelrechter Schwarzmarkt für die gespendeten Medikamente entwickelt«, schrieb etwa der Inder Amit Varma in seinem Blog, als die ersten Hilfslieferungen in Südost-Asien eintrafen. »Die Anbieter haben ein journalistisches Rollenverständnis« Gesucht wird die authentische Neuigkeit: »Sie stillt das Bedürfnis der Leser und Zuschauer nach subjektiven Eindrücken, die in den traditionellen Medien oft zu kurz kommen«, erklärt der Münsteraner Journalistikprofessor Christoph Neuberger. Mit diesen Informationen sind Blogger erfolgreich. So erfolgreich, dass die etablierten Medien von ihnen abschreiben, sie manchmal auch kopieren. Das ZDF beispielsweise hat fünf Tage nach dem Unglück ein eigenes Tsunami-Blog gestartet, das vom Reporter Wolfgang Harrer mehrmals am Tag mit Informationshäppchen, Bildern und Links bestückt wurde. Blogs etablieren sich im Mediendschungel. Sie werden nicht mehr nur in Krisenzeiten genutzt. Seit dem vergangenen US-Wahlkampf um die Präsidentschaft erhalten Blogger in den USA presse-ähnliche Privilegien. Sie publizieren, das Laptop auf dem Schoß und über Funk im Internet, häufig schneller als die Journalisten der Agenturen. Über ein Viertel aller US-Amerikaner mit Zugang zum Internet stöbert in den rund 3,5 Millionen Webjournalen. Rund 70 000 davon erscheinen in deutscher Sprache.»Wer interessante Dinge zu sagen hat, wird eine Stammleserschaft gewinnen« Welche Motivation diese Blogger antreibt, wollten Studenten der Uni Münster wissen. Unter der Leitung von Professor Neuberger starteten sie eine Befragung unter Weblog-Betreibern. Ihr Fazit: Blogger verstehen sich als Reporter. Die meisten wollen »ihre Meinung verbreiten«, die Hälfte will informieren. Für Neuberger ist klar: »Die befragten Anbieter haben ein journalistisches Rollenverständnis.« Mehr noch: Sie sehen ihre Tätigkeit als »neue Art von Journalismus«. Kein Wunder, dass Journalisten und Blogger sich argwöhnisch beäugen. Jörg Sadrozinski, Redaktionsleiter von tagesschau.de, bezeichnet Blogs als »nettes Experiment von und für ein paar Intellektuelle«, und Ute Miszewski von der Spiegel-Gruppe tut Blogger als Amateure ab, die das journalistische Handwerkszeug nicht gelernt hätten. Womit sie nur teilweise richtig liegt. Mittlerweile betreiben nämlich auch viele Journalisten ihr eigenes Weblog. Etwa Peter Praschl, Ressortleiter bei Amica, der seit 2000 Le Sofa Blog bestückt und damit in Deutschland zu den Pionieren gehört. Viele klassische Medien springen auf den Zug auf. Redakteure der »Zeit« schreiben in Blogs der Wochenzeitung, unter medienrauschen.de informieren Schreiber und PR-Leute aus der Medienbranche. Auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sowie, ganz neu, die Frankfurter Rundschau drucken regelmäßig Zitate aus Blogs ab. Dennoch gibt's einen gewaltigen Unterschied zwischen den Veröffentlichungen der meisten Blogger und journalistischer Arbeit: Im klassischen Journalismus gilt die Regel »zuerst prüfen, dann veröffentlichen«. In vielen Blogs ist es umgekehrt. Die Prüfung erfolgt nach der Veröffentlichung. Und zwar über die Leser, die ihre Meinung sofort abgeben, die kommentieren, mäkeln oder das Gegenteil beweisen. Wer sich allerdings auf den zentralen deutschen Blog-Plattformen, etwa blogg.de, twoday.net oder myblog.de, herumtreibt, findet eine andere Welt vor. Diese Blogs bersten vor Banalitäten und unverständlichen Plappereien. »Meine Jungs sind blöd«, schreibt beispielsweise das girl_from_mars am 25. Januar. »Sollte mir demnächst ein paar neue anschaffen.« Einen halben Monat später heißt es dort: »Vielleicht sollte ich mir doch mal wieder eine Affäre zulegen.« Auf den ersten Blick wimmelt es in dieser Welt, der Blogosphäre, von pubertierenden Teenagern, die gern und häufig von ihren Erlebnissen mit dem anderen Geschlecht berichten. Der Informatiker und Journalist Erik Möller unterscheidet verschiedene Arten von Blogs: »Im Bereich der Online-Tagebücher dominieren ganz klar Teenager. Daneben gibt es zahlreiche politische Blogs oder Web-Logs im reinen Wortsinn, die interessante Funde im World Wide Web aufzeichnen. Das ist eher die Domäne junger Erwachsener.« Diese virtuelle Welt ist also ebenso bunt und vielfältig wie die reale mit ihren Vergnügungsstätten und Debattierclubs. Doch egal, mit welchem Anspruch Blogs auftreten. Möller ist sicher: »Wer interessante Dinge zu sagen hat, wird über kurz oder lang - dank der hohen Vernetzung - eine Stammleserschaft gewinnen, die wiederum neue Leser anzieht.« Genau in dieser Vernetzung liegt der Unterschied zum herkömmlichen Tagebuch. »Ich bin nie eine gute Tagebuchschreiberin gewesen. Zu inkonsequent, zu unregelmäßig und viel zu monothematisch«, gesteht Eriador. Und weiter: »Publikum ist da ein guter Antrieb. Nicht weil ich geil auf Kommentare bin, sondern einfach, weil es mir Spaß macht, weil es eine schöne Form des Austausches ist.« Auf ihr Klagelied nach Ende der Diplomarbeit hat sie etliche Kommentare bekommen. Mit guten Ratschlägen, mit Trost und Mitleid. »Ich verbringe nicht überdurchschnittlich viel Zeit vor dem Computer« Diese Verlinkung ist es, die die Blogosphäre einerseits so unübersichtlich macht, die das Internet andererseits wieder zu seinen Wurzeln führt. Denn schon die erste Webseite (info.cern.ch) war eigentlich ein Blog: Auf ihr verlinkte der Web-Erfinder Tim Berners-Lee interessante Fundstellen aus dem damals noch sehr überschaubaren Netz. Vor zwei Jahrzehnten musste er diese Seite noch in Handarbeit bauen, heute ist das elektronische Publizieren viel einfacher geworden. Die nötige Software wird von Firmen kostenlos zur Verfügung gestellt und ist kinderleicht zu bedienen. In fünf Minuten kommt jeder - Computer und Internet-Zugang vorausgesetzt - zu seinem eigenen Blog. Obwohl die Blogosphäre ein technisches Medium ist, geht's dort überhaupt nicht technisch zu. Auch die Blogger entsprechen nicht dem landläufigen Klischee des Pizza essenden, sozial isolierten Computerfreaks. »Ich verbringe weder überdurchschnittlich viel Zeit vorm Computer, noch trage ich eine Brille mit Gläsern, so dick wie der Boden einer Colaflasche«, widerspricht Eriador diesem Vorurteil. »Ich gehe gerne in Kaffees oder zum Tanzen und liege für mein Leben gern an Seen in der Sonne.« Bloggen sei für sie Hobby, keine Lebensaufgabe. Und sie fragt: »Niemand kommt auf die Idee, jemanden, der Tagebuch schreibt, zu fragen, ob er ein ernsthaftes Problem mit sozialen Kontakten hat, oder?« Mancher mag die privaten Plaudereien dieser virtuellen Welt für banal halten. Dennoch schlummert in dieser noch jungen Form der Kommunikation ein revolutionäres Potential. Das musste die Klingelton-Verkaufsfirma Jamba erfahren, als im Blog Spreeblick Kritik an ihrem Geschäftsgebaren laut wurde. Angeblich soll sie vor allem Jugendliche gehörig abgezockt haben. Jamba dementierte wohl, dennoch machten diese Vorwürfe zuerst im Netz die Runde und wurden dann von den etablierten Medien aufgegriffen. Nicht umsonst raten PR-Fachleute dazu, dass Firmen bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit auch auf Blogs setzen sollen. Noch steckt das Phänomen in den Kinderschuhen. Die Blogosphäre ist eine Subkultur, eine virtuelle Stadtteil-Kneipe. Und ihre Tresengespräche handeln vom ganz normalen Leben mit all seiner Ernsthaftigkeit, aber auch mit all seiner Banalität Da gesteht Eriador in ihrem Blog: »Als eindeutiges Anzeichen sozialer Alterung ist es wohl anzusehen, dass ich den Freitagabend auf einer Tupperware Party verbringen werde.« Und erhält aus der Bloggergemeinde sofort Trost -(»Ich muss mich selbst als Besitzerin diverser Tupperware-Produkte outen - und das mit Anfang 20«) und die nötige Hilfestellung: »Den Eierbecher für zwei Eier incl. Salzdepot braucht man nicht. Was man braucht, das ist der Shaker. Der ist wichtig fürs Überleben.« (GEA) |
Das ThemaBlogs - das sind öffentliche Tagebücher im Internet mit Plaudereien über Banalitäten. Blogs sind aber auch die Plattform für eine neue, kritische Meinungsvielfalt Linkswww.abseits.de/weblogs.html Buchtipp:Erik Möller: Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern. Heise Zeitschriftenverlag 2005. 219 Seiten, 19 Euro. |