Montag, 06. Februar 2012

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Beispiel 2: Trennung ohne Streit und Stress

Ein Leben im Transit

Einmal im Monat fährt Frieder Grauer* übers Wochenende nach Reutlingen, lässt das Rhein-Main-Gebiet hinter sich, seine Freunde, seine Freizeitbeschäftigung, sein Job. Und trifft sich mit seinem Sohn Benjamin*. Zweieinhalb Tage sind die beiden dann zusammen; wohnen können sie bei Grauers Eltern, die in ihrem Haus eine große Wohnung nicht vermieten, sondern für Sohn und Enkel frei halten. »Ich bin riesig froh, dass meine Eltern das für mich machen«, sagt Grauer. Ohne diese Unterstützung hätte er den Kontakt zu Benjamin so einfach nicht halten können.

Es ist ein geteiltes Leben, das Grauer führt, ein Leben im Transit: »Was den Freundeskreis angeht, war es schwierig, als ich jedes zweite Wochenende weg war.« So hat es einige Zeit gedauert, bis er sich am neuen Ort heimisch fühlte. Deshalb genießt es der 37-jährige Angestellte jetzt, dass der Sohn mit seinen 13 Jahren mittlerweile selbstständig mit der Bahn zu ihm fahren kann. So verbringen sie ihre gemeinsamen Wochenenden abwechselnd in Reutlingen und am Rhein.

Es ist aber auch ein geteiltes Leben, das Benjamin führt. »Eines muss man als Wochenendvater ganz klar sehen: Unter der Woche führt der Kleine sein eigenes Leben - mit seiner Freizeit und mit seinen Freunden.« Zwischen den Papa-Wochenenden telefonieren sie hin und wieder, was mal mehr, oft weniger Spaß macht. »Er ruft selten an. Und wenn, dann nur, wenn?s ihm nicht so gut geht oder wenn er einen schlechten Tag hat. Dann aber wird das Telefonat recht zäh.«

Streit mit Anwälten, Jugendamt oder Gericht ist Grauer und der Familie erspart geblieben. Mit 24 Jahren war er Vater geworden, damals steckte er mitten im Studium. Nach der Trennung war er Hausmann, weil seine Ex-Partnerin einen neuen Job begann. Vor fünf Jahren wechselte er selbst Arbeit und Wohnort und wurde zum Wochenendpendler.

Und könnte sich eigentlich die Rosinen des Lebens herauspicken. »Ich sehe durchaus die Vorteile. Ich habe, was Benjamin und die Erziehung angeht, viel weniger Pflichten.« Doch die Probleme stecken im Detail. Beispiel Partnerschaft: »Eine Beziehung funktioniert nur, wenn die neue Freundin die Situation und dich als Vater voll akzeptiert«, weiß Grauer. Denn in solchen Beziehungen wird Zeit zu einem äußerst knappen, sehr kostbaren Gut. »Irgendwie muss man die vielen Interessen, die Kinder-Wochenenden und die Tage mit der Freundin unter einen Hut bringen.«

Beispiel Finanzen: Wenn Benjamin seinen Vater am Rhein besucht, dann wartet auf ihn kein Notquartier. »Wenn er bei mir ist, dann soll er natürlich sein eigenes Zimmer haben.« Ein Zimmer, das die meiste Zeit unbewohnt ist. Möchte er, dass Benjamin bei ihm einzieht? Grauer überlegt, lacht. »Einerseits ja. Andererseits: Was kann ich ihm hier bieten? Ich sitze im Job auf dem Absprung und er hat in Reutlingen seine Freunde, sein Umfeld.« Ein kurzes Zögern, dann sagt Grauer: »Und will ich diese ganze Verantwortung wirklich tragen?« Eine Frage, auf die er keine Antwort weiß. (ski)

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