Montag, 06. Februar 2012

www.grabowski.de > text > dies+das

 

Beispiel 1: Ein Vater kämpft um seinen Sohn und verliert ihn am Ende doch

»Da hast du eigentlich keine Chance«

»Ich war durchaus auch mal sowas wie ein Feminist.« Hartmut Kaiser* lacht, sein grau durchsetzter Vollbart zieht sich in die Breite. Der stämmige 53-Jährige lehnt sich zurück in den Kaffeehaus-Stuhl, stützt sich mit den kräftigen Händen auf die Lehnen. Leicht senkt er den Kopf und blinzelt über die Lesebrille hinweg in die Reutlinger Wilhelmstraße.

Hier in der Nähe hat er mal gewohnt. Mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Damals. Vor fünfzehn Jahren. Vielleicht waren es glücklichere Zeiten; unbeschwerter waren sie allemal. Er hatte noch an Ideale geglaubt, sagt der Realschullehrer. Daran, dass Menschen belehrbar und wandelbar sind. Er schnauft hörbar, macht eine wegwerfende Handbewegung: »Dieses 68er-Geschwätz: Von wegen alle Menschen sind gut und so ein Blödsinn.«

Hartmut Kaiser will die »sehr subjektive Sichtweise« vergessen und weist immer wieder auf seine eigene Verantwortung hin. Dennoch hegt er einen tief sitzenden Groll auf die »milliardenschwere Frauenhelferindustrie«: auf Jugendämter, Familiengerichte, Anwälte. Auf die Institutionen, die ihm seinen Sohn weggenommen haben. Er erzählt von seiner Ex-Frau, von der Geburt seines Sohnes Ingo* vor zwanzig Jahren, von der Trennung. »Immer hat sie mir bei Meinungsverschiedenheiten vorgehalten, ich könne ja gehen. Eines Tages bin ich aufgestanden und bin gegangen.« Nach der Trennung war er jeden Nachmittag im Haus, um mit dem Kleinen zu spielen, jedes Wochenende hat er ihn abgeholt in seine Wohnung. Kaiser erzählt von der Zeit mit seinem Sohn. Vom gemeinsamen Spielen, von Urlauben. Seine Augen leuchten, die Handbewegungen werden großzügiger, die Stimme spiegelt die lebendige Erinnerung. Vater und Sohn: Zwei Jungen, die zusammen Spaß haben.

Einige Monate nach der Trennung ist der damals vierjährige Ingo dann bei ihm eingezogen. Alles sei gut gelaufen, nur auf die »Mama-Wochenenden« habe der Kleine keine Lust gehabt. Nach etwa einem halben Jahr jedoch habe seine Noch-Frau den Spieß umgedreht, erinnert sich Kaiser, habe auf Änderung des Sorgerechts geklagt und Recht bekommen. Der 1,90-Meter-Mann sinkt in den Stuhl zurück, als er von der »Schlammschlacht« erzählt, von den Gutachtern und Advokaten, von den vielen Bosheiten und Gehässigkeiten. »Ach, da kommt man vom Hundertsten ins Tausendste.« Die Augen werden feucht, die Stimme klingt belegt, stockt.

Nach »vielem Hickhack« ist Ingo bei ihm aus- und bei der Mutter eingezogen. Dreimal wird in der Folge der Umgang mit dem Sohn ausgesetzt - immer mit dem gleichen Argument: »Der Junge muss zur Ruhe kommen.« Doch Kaiser kämpft: gegen Gutachten, gegen richterliche Entscheidungen; einmal zeigt er sogar die Mitarbeiterin des Jugendamtes wegen Falschaussage an. Doch bei den vielen Auseinandersetzungen zieht er den Kürzeren. »Es ging nur noch darum, eine zu Beginn gesetzte Entscheidung aufrecht zu erhalten«, analysiert er die Situation. Den Richtern wirft er ein »erz-reaktionäres, väterliches Weltbild« vor. »Ich habe so viele Behauptungen widerlegt, der Mutter ?zig Lügen nachgewiesen. Es hat niemand interessiert.«

Als Vater fühlte er sich immer als der Unterlegene: »Du hast schlechte Karten, eigentlich keine Chance.« Hingegen habe es die Mutter immer einfach gehabt: »Sie brauchte sich um nichts zu kümmern. Es genügte ja, wenn sie schnief und schluchz machte.« Kaiser schimpft auf die deutsche Gesetzgebung und erzählt von einer bizarren Situation: Als Lehrer ist er für die Schüler verantwortlich, als nicht sorgeberechtigter Vater jedoch bekam er keine Auskunft über den schulischen Stand seines Sohnes.

Vorbei. »Ich musste den Jungen leider abschreiben. Aber die Tür bleibt offen.« Die Stimme wird wieder leiser, die Worte kommen langsamer. »So mit elf, zwölf Jahren hat Ingo sich damit abgefunden.« Die Mutter habe gegen ihn gehetzt, glaubt er. »Da ist die Welt zu Ende. Da stehst du vor einer Leere, die kann man sich nicht vorstellen.« Heute ruft ihn sein Sohn nicht mal mehr an. Über Jahre hinweg haben ihn Alpträume geplagt, ist er schweißgebadet aufgewacht. Er erging sich in Selbstvorwürfen, hat sich immer wieder die gleiche Frage gestellt: »Was hast du falsch gemacht?« Geholfen habe ihm die Arbeit in der Selbsthilfe-Organisation »Väteraufbruch«. »Das Leid meines Kindes soll nicht ganz umsonst gewesen sein.« (ski)

Weiter zum Beispiel 2 >>

Artikel zum Thema

Wochenendväter: Einstiegsseite,
Beispiel 2