Mittwoch, 08. September 2010

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8. 11. 2008

Im Rausch der Sinne

Christine Söffing war 19 Jahre alt, als sie bemerkte, dass ihr Leben reichhaltiger war, bunter und sinnenfroher, anders jedenfalls als das ihrer Freundin. Einige Nachmittage lang hörte sie der Freundin beim Üben von Musikstücken zu. Immer und immer wieder spielte sie die immergleichen drei Lieder. Und Christine Söffing, die von Musik »keine Ahnung hatte«, sollte ihr sagen, wann sie die Stücke anders interpretierte. Auch wenn sie nicht über das herkömmliche musikwissenschaftliche Vokabular verfügte, fiel ihr diese Aufgabe leicht. Denn sie hört die Musik nicht nur, sie sieht sie auch. »Ich höre Musik als Bild«, sagt die heute 44 Jahre alte Kunstpädagogin.

Töne sehen. Nicht als Noten auf dem Linienblatt, sondern als Farben auf einem inneren Film, als Lichtorgel vor dem geistigen Auge. Für Christine Söffing eine Alltäglichkeit. Sie kennt die Welt gar nicht anders als lichterloh und bunt. Denn sie ist Synästhetikerin. Das sind Menschen, deren einzelne Sinne miteinander verknüpft sind. Sie etwa sieht Musik, andere schmecken Farben oder fühlen Buchstaben.

»Meine Wahrnehmungen sind dreidimensionale Skulpturen«, versucht sie ihre Eindrücke beim Klang von Tönen und Geräuschen zu erklären. »Ich beschreibe das oft als Bühnenraum«, versucht sie es nochmal. »Er ist schwarz und beim Einsetzen der Musik erstrahlen Farben.« Die sieht sie dann wie auf einem inneren Film vorüberziehen. Sehen in vierter Dimension. »Laute Töne sind heller als leise, sie schieben sich auch in den Vordergrund.« Außerdem bewegen sich die Formen, erhalten Oberflächen und Texturen. Und schließlich wechselt noch die Perspektive wie bei einer Kamerafahrt im Film. Söffing lacht. Wie soll sie solche Eindrücke beschreiben? Wie einem Blinden Farben oder einem Tauben die Musik erklären? »Ihre Stimme, die klingt grün«, sagt sie dann noch. In dieser Farbe klingen auch Geigen, während Trompeten in rot posaunen und auf dem Klavier in blau geklimpert wird.

Einer unter zweitausend Erwachsenen soll mit solch verknüpften Sinnen durchs Leben gehen manche Forscher sprechen sogar von viermal so vielen. Wo selbst die Anzahl unklar ist, bleiben Fragen nach dem Wie und Warum eher unbeantwortet. Obwohl das Phänomen seit rund 300 Jahren bekannt ist, steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen. Erst seit gut 25 Jahren widmen sich Wissenschaftler systematisch der Synästhesie. Sie wollen lernen, wie Bewusstsein funktioniert, und wie jeder von uns sich seine ganz eigene Welt kreiert.

Genau dieser Aspekt ist es auch, der die Forschung so kompliziert macht. Denn Synästhesie beruht auf einer sehr subjektiven Wahrnehmung und entzieht sich so dem objektiven, wissenschaftlichen Zugriff. Für den einen klingt das Klavier blau, der andere sieht dabei rote Farben, wieder ein anderer gar keine. Dafür geht es für ihn beim Essen bunt zu oder sein Bewusstsein kleidet bestimmte Gefühlslagen in quadratische Hüllen.

1980 soll, so erzählt es eine Anekdote, der US-amerikanische Neurologe Richard Cytowic sein Interesse an der Erforschung dieser besonderen Begabung entdeckt haben. Bei einer Dinnerparty war‘s, als er in der Küche dem Gastgeber über die Schultern schaute und dieser beim Abschmecken vor sich hin murmelte, die Hühnchensoße habe zu wenig Spitzen. Auf Nachfrage bekannte der Gastgeber, dass er jeden Geruch und jeden Geschmack als Form und Textur auf seiner Haut spüre.

Der Hobbykoch war der Maler Michael Watson. Überhaupt scheinen überdurchschnittlich viele Künstler Synästhetiker zu sein. Hélène Grimaud, Maria Mena und David Hockney beispielsweise, einer der angesagtesten modernen Künstler. Auch Wassily Kandinsky und Franz Liszt sollen Synästhetiker gewesen sein. Und wenn Clemens Brentano »golden wehn die Töne nieder« und »blickt zu mir der Töne Licht« dichtete, spricht einiges dafür, das auch dieser Autor der Romantik mehr wahrnahm als seine Zeitgenossen.

Erst die neuen bildgebenden Verfahren erlauben es Forschern, in die subjektive Welt der Wahrnehmung zu blicken, quasi einen Blick auf die innere Lichtorgel zu erheischen. Und dabei zeigt sich Erstaunliches. Cytowic entdeckte, dass synästhetische Sinneswahrnehmungen nicht im üblichen Teil des Gehirns, dem Cortex, verarbeitet werden, sondern in tiefer liegenden Bereichen. In jenen Regionen, die für Gedächtnis und Gefühle zuständig sind.

Doch wieso haben manche Menschen diese Verdrahtung, die meisten anderen nicht? Da gehen die Theorien weit auseinander. Die meisten Forscher glauben, dass jeder Mensch als Synästhetiker zur Welt kommt. Ab dem dritten, andere sagen ab dem sechsten Monat, beginnt eine Differenzierung der Sinneswahrnehmungen, die bei manchen eben weniger ausgeprägt stattfindet.

Andere glauben, dass es sich bei dem Phänomen um Reste uralte Schaltungen unserer Vorfahren handelt. Artefakte aus der Kindheit des Menschen vor hunderttausend Jahren. Weider andere gehen davon aus, dass Synästhesie eine neue, höchst moderne Anpassungsleistung an ein verändertes technisiertes Umfeld ist. Unumstritten ist hingegen die Vermutung, dass diese Sinnesleistungen vererbt werden können.

Auch Christine Söffings Mutter und ihre Schwester sind Synästhetiker. Ihre Mutter hat farbige Wochentage im Repertoire, ihre Schwester farbige Buchstaben. Seit Neuestem ist auch klar, dass ihr Vater Synästhetiker ist. Er personalisiert Zahlen und Wochentage: Für ihn gibt es also die freundliche Sieben oder den ärgerlichen Donnerstag. Dass er erst kürzlich auf dieses Phänomen aufmerksam wurde, liegt an der menschlichen Selbstbezogenheit. »Ist das nicht normal?« fragte er, als seine Tochter ihn auf diese Assoziationen ansprach. Die meisten Menschen glauben, dass sie die Welt so sehen, wie sie ist. Und dass deshalb auch alle anderen die gleichen Wahrnehmungen haben.

Doch wer dabei aus der Reihe tanzt, wer mehr oder einfach anders empfindet, ist ja nicht normal. »Ich habe irgendwann gemerkt, dass mit mir was nicht stimmt. Ich dachte, ich bin verrückt«, sagt Bettina Klein (Name geändert) aus Pfullingen. Denn häufig wird sie regelrecht überflutet von Sinneseindrücken. Ihr fällt es schwer, in einem Konzert zu sitzen. »Da sehe ich so viele Farben, da explodiert die Welt um mich herum«, bekennt die heute bald 50-Jährige. Sie nimmt eine Aura um die meisten Menschen wahr. »Rote Leute mag ich gar nicht«, sagt sie und erzählt, dass sich diese Aura verändere. »Wenn Menschen lügen, wird sie grau. Das hat sich so oft schon bestätigt.« Allerdings erleben die meisten Synästhetiker ihre Begabung eher als Bereicherung. So unklar und vorläufig viele Forschungsergebnisse sind, eines ist sicher: Synästhetische Wahrnehmungen sind keine Spinnereien. Richard Cytowic stellt klar: »Synästhesie ist physiologisch im Gehirn verankert und nicht das Fantasieprodukt kreativer Menschen.«

Doch lässt sie sich erlernen? Christine Söffing glaubt, dass in jedem Menschen die Veranlagung steckt, dass jeder eine »innere Wachheit« entwickeln kann. Deshalb bietet sie in ihrer Synästhesiewerkstatt in Neu-Ulm entsprechende Kurse an. Ziel ist es, »bewusst wahrzunehmen und aufmerksam auf die eigenen Wahrnehmungen zu werden«. Andere Workshops richten sich an Kinder. Gerade bei ihnen sei es wichtig, genau hinzuhören, ob sie nicht etwa synästhetische Wahrnehmungen haben. »Wenn sie sagen, die Banane schmeckt jetzt aber grün gepunktet, dann soll man sie auf keinen Fall auslachen.« Auch an Lehrer appelliert sie, nicht allzu pedantisch zu sein. »Häufig müssen Schulhefte ja mit bestimmten bunten Umschlägen versehen werden. Wenn nun für ein Kind das Wort Mathematik rot ist, das Heft aber einen blauen Umschlag, das Englischheft dagegen einen roten bekommen muss, wird das schwierig.« Ihr Tipp: Die Welt einfach ein wenig bunter lassen, kreativer, menschlicher. (GEA)

www.synaesthesie.org
www.synaesthesiewerkstatt.de

Zum Thema

Farben hören, Töne schmecken: Bei Synästhetikern sind die Sinne miteinander verknüpft. Geigen tönen etwa in grün, und wenn die Suppe gut gewürzt ist, fühlt sie sich spitzig an.