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Der Trick mit dem Schmetterling
VON RALF GRABOWSKI
Weltweit rund zwei Millionen Mal hat sich der Ratgeber »simplify your life« verkauft. Auf 350 Seiten präsentiert der 54-jährige Theologe und Karikaturist Werner Tiki Küstenmacher (zusammen mit dem Zeitmanagement-Berater Lothar Seiwert) Tricks und Kniffe, die das Leben vereinfachen sollen. Dabei bezieht er sich nicht nur auf die Welt der Dinge, sondern gibt auch Ratschläge zu finanziellen Angelegenheiten, zu Gesundheit und Beziehungen. Er ist auch Chefredakteur eines gleichnamigen monatlichen Newsletters.
Ihre These ist, dass wir uns mit zu vielen Sachen beladen. Sollen wir also weniger konsumieren?
Werner Küstenmacher: Generell gilt schon, dass weniger eigentlich mehr ist. Aber das Ziel ist nicht ein karges, reduziertes Leben, ein Design mit leeren Tischen und leeren Wänden. Es gibt durchaus ein »Simplify«-Leben, also ein einfaches Leben, in einem opulent gefüllten Haushalt mit vielfältigen Interessen und Aktivitäten.

Das Problem sind also nicht die zigtausend Dinge, mit denen wir uns beladen und herumschlagen?
Die Zahl der Dinge ist es nicht. Ein kompliziertes Leben entsteht dadurch, dass man fremdbestimmt ist. Dass also etwas mit einem gemacht wird, statt selbst etwas zu machen. Der Simplify-Weg ist der Weg, sein Leben wieder mehr zu gestalten.
Und wie geht das?
Alles, was wir besitzen, hat eine gewisse Verbindung zu unserer Seele. Es gibt also eine Symbol-Ebene. Nehmen Sie das Beispiel Aufräumen: Wenn jemand einen vollen Schreibtisch hat, sagt er: »Sehen Sie mal, was ich alles im Kopf haben muss.« Und wenn jemand einen leeren Schreibtisch hat, sagt er: »Sehen Sie, so kann ich mich auf eine Sache beschränken. Meinen Kopf kann ich genau so organisieren«...
...es gibt aber auch die Assoziation: Jemand mit vollem Schreibtisch ist ein kreativer Kopf, jemand mit einem leeren Tisch eher ein Langweiler...
...man kann aber auch sagen: Jemand mit vollem Schreibtisch hat zu viel im Kopf, der kann sich nicht auf eine Sache konzentrieren. Man muss sich klar machen: Kreativität ist immer Ordnung. Kreativ sein heißt, aus ganz vielen Dingen und Möglichkeiten etwas Bestimmtes auszuwählen. Das bedeutet, auch Kreativität ist ein Wegwerf-Vorgang, ein Aussortieren.
Skizzieren Sie doch mal den Weg zum einfachen und glücklichen Leben.
Der Weg, den ich beschreiben, besteht aus einer Ansammlung vieler kleiner Tricks: Wie man seinen Schlüssel nicht mehr verliert, wie man sich organisiert in der Früh', wie man seinen Zeitplan gebacken kriegt, dass man wieder frei atmen kann. »Simplify« ist also ein Programm, den eigenen Weg in einer immer komplizierter werdenden Welt zu finden.
Und den muss jeder für sich finden?
Ja. Ich glaube aber auch, dass das eine Frage unseres Wirtschaftssystems ist. Es werden schon seit Jahrzehnten große Reden gehalten, dass man auch mit weniger auskommen müsse, dass es aufs Materielle nicht ankomme. Aber klammheimlich hofft jeder, dass der Wohlstand weiter steigen wird. Jetzt wird sich das Blatt aber wenden. Jetzt werden die Realeinkommen auf breiter Front sinken.
Und der »Simplify«-Weg hilft den Menschen, besser klar zu kommen?
Vielleicht wird Simplify auch überschätzt. Viele Menschen denken, sie könnten auch unter den widrigsten Umständen noch ihren Weg finden. Aber ich sehe, dass es irgendwann einen Punkt gibt, an dem es heißt: Jetzt reicht's. Man kann nicht noch mehr vereinfachen. In Firmen wurde eine Arbeit von zehn Leuten gemacht, dann wurde auf acht, später auf sechs reduziert. Jetzt kommt der neue Firmenkäufer und sagt: Warum kann man das nicht auch mit vier machen?
Wie kann ich dann persönlich mit dieser Situation umgehen?
Es gibt Punkte, da kann der Einzelne nichts mehr machen. Hier muss er sich vernetzen, hier muss er sich solidarisieren, hier muss man zusammen stehen und sagen: Es reicht!
Kommt das Simplify-Programm dann an seine Grenzen?
Absolut. Derzeit frage ich mich, wie ich diese Situation noch integrieren kann. Es gibt ja durchaus Kapitel in meinem Buch, in denen es um Gemeinschaft geht, darum, in Gesellschaft zu leben, sich helfen zu lassen. Denn irgendwann kann ich mit allen Motivationstricks, mit Zeitspar- und Wegwerftricks und neuem Bewusstsein nichts mehr ausrichten.
Wo könnte der Weg hingehen?
Eigentlich ist das vielen Leuten klar. Es muss erst mal etwas Altes kaputt gehen, bevor etwas Neues entsteht. Eine schöne Metapher dafür ist die Raupe und der Schmetterling. Wir Menschen wissen sehr genau, dass wir immer wieder durch Krisen gehen, dass wir in diesen Krisen aber etwas lernen, was wir vorher nicht konnten. Wie die Raupe, die sich verpuppt, die sich vollkommen auflöst in dieser Puppe und sich dann ganz neu erschafft. Aber für die Raupe selbst muss sich das überhaupt nicht nach »Neu« anfühlen, sondern zunächst mal nach »Ende, Aus«.
Und an diesem Punkt sind wir gerade?
Ich bin davon überzeugt, dass es sogar noch schlimmer wird. Das ist, glaube ich, auch der Grund, warum so viele Leute Probleme mit dem Begriff Reform haben. Weil in der Reform die Idee steckt, es wird wieder so, wie's war. Wir kriegen wieder die Form, die wir mal hatten. Aber das bekommen wir nicht. Als Gestaltender, als Politiker oder Chef einer Firma, würde ich nicht mehr von Reformen reden. Wir wollen nicht reformieren, sondern wir wollen eine Metamorphose, eine Transformation, eine Verwandlung. Wir wollen zu etwas Neuem kommen. Und ich denke, dass die Leute dazu auch bereit sind.
Machen diese Verwandlungen Angst?
Sie machen Angst, sie machen mutlos. Aber man kann von Menschen, die durch Krisen gegangen sind, viel lernen. Dass es nämlich immer ein Leben danach gibt. Das hat übrigens auch eine tiefe geistliche Komponente. Ein Zentralsatz von mir lautet: »Sünde heißt, sich nicht beschenken zu lassen.« Wir Menschen leben davon, dass wir beschenkt werden. Aus der Glücksforschung weiß man: Menschen werden durch Sachen, die sie sich selbst erarbeitet haben, weit weniger glücklich als durch Sachen, die sie geschenkt bekommen: Zeit, Urlaub, Muße, Liebe. Das macht auf Dauer glücklich. Es sind die einfachen Sachen.

Werner Tiki Küstenmacher will's einfacher machen.
Womit wir wieder beim »Simplify«-Weg wären. Wie sind Sie selbst dazu gekommen?
Meine Frau und ich hatten vor zehn Jahren eine Krise. Da war uns alles zu viel. Zu dieser Zeit haben wir ein Buch aus den USA entdeckt. Es hieß »Simplify your life«, hatte aber mit dem, was wir machen, nichts zu tun. Doch diese Simplify-Idee, die war gut. Man muss das erst mal kapieren, dass diese diffuse Unzufriedenheit etwas mit Kompliziertheit zu tun hat. Dann haben wir angefangen zu suchen, schließlich gibt es doch für alles Fachleute. Wenn der Kleiderschrank überfüllt ist, gibt es einen Fachmann dafür. Es gibt Fachleute fürs Putzen von Fenstern, für die Kommunikation zwischen Paaren, für die Gartengestaltung. Unsere Aufgabe ist es, die Tipps und Erfahrungen dieser Leute nochmals zu verdichten. Wir haben manchmal dicke Schmöker zusammengedampft auf zwanzig Zeilen direkt umsetzbarer Handlungsanweisungen.
Einfachheit ist wohl das Gegenteil von Kompliziert. Es ist aber auch das Gegenteil von Komplexität, von Reichhaltigkeit. Wollen Sie alles über einen Kamm scheren?
Da würde ich mich ganz missverstanden fühlen. Das Ideal ist auf keinen Fall, dass alle die gleiche Küche, die gleiche Art des Umgangs mit dem Ehepartner haben, sondern im Gegenteil: Dass wir zu unserer Individualität finden, in dem wir die Sachen, die uns nerven, los werden. Nehmen wir nochmals das plakative Aufräum-Beispiel: Es gibt Menschen, für die ist ihr überfüllter Schreibtisch ein Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Die wollen das so. Da wäre ich der Letzte, der sagt: »Ihr müsst das Ding aufräumen.« Aber ich kenne Menschen, die darunter leiden, dass ihr Schreibtisch so voll ist. Die müssen sich den ganzen Tag mit diesen Scheiß-Sachen beschäftigen und wollen dabei doch was ganz anderes mit sich anfangen. Denen zeigen wir entsprechende Tricks.
Woran liegt es denn, dass wir uns mit zu viel Unnützem beladen?
Hm.
Oder interessiert Sie das gar nicht?
Das interessiert mich tatsächlich wenig. Es gibt einfach viele Dinge, viele Optionen. Das Schlimme ist, dass die meisten Sachen, die wir bekommen, uns in guter Absicht gegeben werden. Jetzt müssen wir lernen, dass es nicht auf die gute Absicht ankommt, sondern auf das, was mit uns passiert. Wir haben eine kleine Tochter, und sie hat einen ganz anderen Umgang mit Dingen. Wenn ihr in einem Geschäft etwas geschenkt wird, nimmt sie es nur noch, wenn es ihr wirklich gefällt. Ich dagegen bin noch so erzogen: Wenn du was kriegst, dann nimm's auch...
...einem geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul...
...genau! Die Geschäftsleute schenken den Kindern etwas, nicht um sie zu quälen, sondern um ihnen etwas Gutes zu tun. Doch mittlerweile sind diese ganzen guten Taten zu furchtbaren Müllhalden in den Kinderzimmern angewachsen. Deshalb ist es jetzt am Einzelnen zu sagen: Danke, brauche ich nicht, ist lieb gemeint, aber ich nehme es nicht. Diese Freiheit haben wir ja, aber diese Freiheit zu entdecken, das ist simplify!
Nun ist ja bald Weihnachten, für viele der Mega-Stress. Welche Tipps haben Sie, das Fest zu vereinfachen?
Mein allerwichtigster Tipp ist die so genannte Weihnachtskonferenz. Machen Sie mit allen Leuten, die an Heiligabend zusammen sein werden, ein kleines Meeting oder telefonieren Sie. Und überlegen Sie sich dabei genau: Was an Weihnachten liebe ich, was sollte auf jeden Fall stattfinden? Und was nervt mich? Das klingt banal und simpel. Doch oft stellt sich heraus, dass bestimmte Gewohnheiten gar nicht gewünscht sind.
Haben Sie noch einen Tipp?
Tipp zwei: Wenn jemand zu ihnen sagt »Weißt du, schenk mir nichts, ich hab' doch schon alles«, dann ergreifen Sie seine Hand und schließen einen Vertrag mit ihm! Sagen Sie: »Das gilt!« Nächster Tipp: Wir feiern Weihnachten, weil wir von Gott beschenkt werden. Deshalb ist es das Wichtigste an Weihnachten, sich beschenken zu lassen. Mein Tipp also: Lassen Sie sich Weihnachten beschenken. Legen Sie nicht den Schwerpunkt auf die Frage, was Sie wem schenken können. Sondern achten Sie darauf, von wem Sie was bekommen. Haben Sie ein richtig guten Gewissen, wenn Sie sagen: Weihnachten ist das Fest, an dem ich was bekomme. (GEA)
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Das Thema
Hektik, Stress und das permanente Gefühl, etwa Wichtiges zu verpassen. Wer so lebt, der macht es sich zu kompliziert, sagt Werner Tiki Küstenmacher. »Simplify your life!«, vereinfache dein Leben, ruft er jenen zu, die als Getriebene durch die Tage rauschen. Er ist überzeugt: Mit seinen Tipps wird auch die Weihnachtszeit schöner.
Arbeiten und Spaß haben: Ein Interview mit dem Trainer und Coach Ralf G. Nemeczek.
Infos im Web
www.simplify.de
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