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12. Februar 2005 Hat's gefunkt?»Halt!«, funkt die rote Socke, und auf der Waschmaschine leuchtet eine Warnlampe auf. »Du steckst mich in die weiße Wäsche.« »Obacht!« piepst der Kühlschrank, »der Joghurt ist abgelaufen.« »Hey«, wispert das Filmplakat. »Ich kenne noch ganz viele interessante Geschichten über den Filmhelden.« Schöne neue Welt, die uns da viele Techniker ausmalen. Eine Welt, in der die Dinge denken, wie es Neil Gershenfeld vom renommierten Massachusetts Institut of Technology (MIT) formulierte. Alles wird mit allem vernetzt: die Mikrowelle mit dem Pizzakarton etwa, damit automatisch die richtige Temperatur zum Aufwärmen eingestellt wird. Oder das Handy mit der Omnibus-Zentrale, damit jede Fahrplanänderung sofort auf dem Display erscheint. Möglich machen sollen dies kleinste Mikro-Chips, die bei Bedarf Informationen funken. RFID heißt diese Technik, die so neu eigentlich gar nicht ist. Erst in jüngster Zeit jedoch beflügeln diese vier Buchstaben die Phantasie der Techniker und Marketing-Leute - und bringen Datenschützer zur Weißglut. »Es gibt Vorläufer-Technologien, die beispielsweise in der Großtierhaltung eingesetzt werden. Aber jetzt ist der Endkunde betroffen«, erklärt Michaela Wölk vom Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) das plötzliche Interesse an dieser Entwicklung. Denn es zeichnet sich ab, dass die RFID-Chips irgendwann überall sein werden: im Pizzakarton, aber auch auf Joghurtbecher geklebt oder im Hemdkragen eingenäht. Noch werden werden diese Chips vor allem in der Industrie eingesetzt. Aber auch Auto-Wegfahrsperren und Skipässe funktionieren teilweise mit der Technologie. Das Prinzip ist einfacher, als es der umständliche Name vermuten lässt (die Abkürzung steht für Radio Frequency Identification - Funkfrequenzidentifizierung): Die Elektronik-Chips sind eine Art Miniatursender (auch Transponder genannt), der per Funk im Kontakt mit einem Lesegerät oder einem Computernetzwerk steht. Diese Transponder können, müssen aber nicht über eine eigene Stromquelle verfügen. Das ganze funktioniert so ähnlich wie der Barcode, jene auf Milchtüten und Konservendosen aufgedruckten dicken und dünnen Striche, die an der Supermarktkasse von einem Laser-Scanner erkannt werden. Dennoch gibt's zwei gewichtige Unterschiede: RFID-Chips werden drahtlos per Funk gelesen, und sie tragen ungleich mehr Informationen. Hinzu kommt: Die Transponder sind klein. »Manche sind nur 0,3 Millimeter groß«, sagt Michaela Wölk. Deshalb können sie überall sein: Eingeschweißt in der Kreditkarte, versteckt in der Verpackung, eingebacken in Waschmittel-Tabs. In der Logistik werden sie seit einiger Zeit eingesetzt, etwa im Maschinenbau oder der Autoindustrie. So entwickelte das Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF) in Magdeburg zusammen mit Airbus ein System zur Wartung von Flugzeugen: Mit Hilfe von RFID werden Spezialwerkzeuge identifiziert und verfolgt, die zwischen verschiedenen Einsatzorten hin- und hergeschickt werden. Bislang waren dafür verschiedene Begleitpapiere im Einsatz. Nicht selten wurden die vertauscht oder gingen verloren. Die längeren Standzeiten von Flugzeugen führten zu höheren Kosten. Die Industrie setzt große Hoffnung in die Einführung von RFID. In den kommenden fünf Jahren soll der Weltmarkt mit der neuen Technologie stark wachsen - auf schätzungsweise mehr als eine Milliarde Dollar (760 Millionen Euro). Der Metrokonzern ist einer der ersten Handelsriesen, der großflächig mit der RFID-Technologie arbeitet. Seit einigen Monaten bereits testen die Düsseldorfer die neuen Anwendungen in ihrem RFID Innovation Center in Neuss. Und im Future Store des Metro-Markts extra im nordrhein-westfälischen Rheinberg hat die Zukunft bereits begonnen. Dort kaufen Kunden in einem vernetzten Supermarkt ein. In diesem Jahr beginnen 22 Lieferanten damit, ihre Waren auf Paletten anzuliefern, die mit solchen Funkchips ausgestattet sind. Im kommenden Jahr sollen es hundert Lieferanten sein, die dann einen Großteil der Real-Märkte sowie alle Kaufhof-Häuser beliefern. Vorteil für den Handel: Wenn ganze Wagenladungen maschinell kontrolliert werden, wird weniger Personal benötigt, es schleichen sich weniger Fehler ein, es wird weniger geklaut. Insgesamt lässt sich viel Geld sparen. Noch endet der über RFID kontrollierte Weg der Waren in den Lagerräumen der Metrohäuser. Denn der flächendeckenden Einführung des Systems stehen derzeit die Kosten von 30 bis 50 Cent pro Transponder gegenüber. Da lohnt es sich nicht, jeden Joghurtbecher mit einem solchen Chip zu versehen. Doch je häufiger diese Technologie nachgefragt wird, desto billiger werden die Chips, die auch als smart labels, intelligente Etiketten, bezeichnet werden. In vielleicht zehn Jahren, glaubt Metro-Pressesprecher Albrecht von Truchseß, wird der RFID-kontrollierte Weg der Waren erst an der Supermarkt-Kasse enden - oder sogar darüber hinausgehen. Etwa wenn ein Fernseh-Gerät seine Garantiezeit auf einem Chip gespeichert hat. Der Kunde müsste dann nicht mehr umständlich nach der Rechnung suchen, sondern könnte die Daten über dem PC auslesen. Ein Alptraum für jeden Datenschützer. Die konkrete Horrorvorstellung: Ein Mann kauft in der Parfümerie ein Duftwässerchen. Der Flakon ist mit einem RFID-Chip gekennzeichnet. Weil er schon mal in der Stadt ist, erledigt er noch andere Einkäufe: kauft sich einen Pulli, stöbert im Haushaltswarenladen, geht noch in die Buchhandlung. Jedes Mal, wenn der Mann ein neues Geschäft betritt, kann ein Computer am Eingang theoretisch den Inhalt seiner Einkaufstasche ausspähen - unbemerkt und im Vorübergehen. Problematisch ist, dass die Betroffenen nicht erkennen, was mit ihnen passiert«, kritisiert Peter Zimmermann die fehlende Transparent. Zimmermann ist Landesbeauftragter für den Datenschutz in Baden-Württemberg. Dies widerspreche dem »Recht auf informationelle Selbstbestimmung«. Noch kritischer wird es seiner Ansicht nach, wenn »man an Verknüpfungen denkt.« Im konkreten Beispiel: Das Duftwässerchen und der Pulli tragen individuelle Nummern. Sobald nur eines davon mit einer Keditkare bezahlt wird, ließe sich eine solche Verbindung herstellen: Dieser Mann hat dieses Parfum gekauft, hat sich anschließend für jenen Pulli entschieden, war danach noch in dieser Buchhandlung. Solche Verbindungen mit »personenbezogenen Daten«, wie sie in Zukunft europaweit auf RFID-Chips in Pässen gespeichert werden sollen, müsse nach Ansicht Zimmermanns verhindert werden: »Wenn ich kontrolliert werde, wohin ich wann gehe, dann schränke ich mich selbst ein. Das entspricht nicht dem Menschenbild, das uns das Grundgesetz vermittelt.« Britta Oertel, die zusammen mit Michaela Wölk eine Studie zum Thema RFID erarbeitet hat, pflichtet ihm bei: »Wir sind jetzt schon gläserne Menschen, aber die Dimension wird mit der RFID-Technik noch einmal deutlich zunehmen.« Kein Wunder, dass in entsprechenden Internet-Foren heftig diskutiert wird. Dort streiten Gegner dieser als »Schnüffelchips« bezeichneten Sender heftig darüber, wie die Transponder unbrauchbar gemacht werden können. Magnete tun ihnen nichts an, eher schon starke elektromagnetische Strahlung. Sollen vorsichtige Menschen neue Produkte also zuerst mal in der Mikrowelle bestrahlen? Bei einem Buch wär's vielleicht noch möglich. Aber ein Parfüm vor Gebrauch kochen? Bei aller Kritik gibt sich Britta Oertel ausgewogen: »Wie jede neue Technik hat auch diese zwei Seiten.« So ermögliche beispielsweise die Markierung von Nutztieren mit RFID-Chips eine gläserne Produktionskette bis zur Ladentheke. Außerdem nehmen es viele Menschen mit dem Schutz ihrer Daten schon jetzt nicht so ernst, bemerkt Michaela Wölk. Und nennt als Beispiel Kundenkarten wie die Paybackkarte. Deren Besitzer legten gegen einen minimalen Preisvorteil ihre persönlichen Kaufinteressen offen, die von den Firmen Gewinn bringend ausgewertet würden. »Da stört sich niemand dran«, rätselt die Expertin. Auch Datenschützer Zimmermann sieht bei vielen Menschen »einen geradezu exhibitionistischen Drang, ihre Daten preiszugeben«. Seiner Einschätzung nach überwiege bei den meisten eine gewisse Sorglosigkeit. »Ein Gefahrenfeeling stellt sich erst ein, wenn schlechte Erfahrungen gemacht wurden.« Risiken ergeben sich der IZT-Studie zufolge auch durch neue Abhängigkeiten. So werden sich für Hacker weite Felder auftun. »Das wäre für viele eine nette Spielerei, es ist ja ganz einfach«, sagt Oertel. Die Eintrittskarten zur Fußball-WM in zwei Jahren in Deutschland werden RFID-Chips tragen. Was passiert bei einer Computerpanne? Oertel: »Stellen Sie sich mal Tausende Fußball-Fans vor, die wegen eines Chip-Versagens nicht ins Stadion kommen.« Der Teilnehmer eines Internet-Forums denkt noch weiter: »Was passiert, wenn ich meine Eintrittskarte kurzfristig verkauft habe, mein Name aber noch gespeichert ist und es dort Randale gibt? Steht dann die Polizei bei mir vor der Tür?« (GEA/dpa) |
Das ThemaIm Supermarkt einkaufen ohne an der Kasse Schlange zu stehen? Die neue Funktechnik RFID macht's möglich. Doch Datenschützer warnen vor dem »gläsernen Menschen« Weitere Infos:www.izt.de |