|
||||
Allein unter FremdenPunkt, Punkt, Komma, Strich. Fertig ist das Mondgesicht. Eigentlich ganz einfach. Und wenn wir jemanden schon mal kennengelernt haben, dann erkennen wir ihn oft auch nach Jahren wieder. Doch es gibt Menschen, denen wird ein Gesicht nie vertraut, oft nicht einmal ihr eigenes.
Gesichtsblindheit nennt sich diese Erkrankung. »Wobei das keine allzu gute Beschreibung ist, wenngleich wir sie selbst verwenden«, schränkt Dr. Claus-Christian Carbon von der Uni Bamberg ein. »Eigentlich müsste man von Gesichtserkennungs-Schwäche sprechen. Sonst kommen schnell ganz obskure Vorstellungen auf.« Denn Gesichtsblinde, im Fachjargon Prosopagnostiker genannt, sehen sehr wohl Augen, Nase, Mund, also die Bestandteile, aus denen Gesichter bestehen. »Sie sehen an dieser Stelle keine weißen Flecken oder Nebel«, erklärt der Psychologie-Professor. Nur kommt ihnen diese Zusammenstellung einfach nicht bekannt vor. Klingt seltsam, ist es aber nicht. »Wir schätzen, dass ungefähr 2,5 Prozent der Bevölkerung darunter leiden.« Macht rund zwei Millionen. Anders ausgedrückt: Jeder 40. Deutsche ist von Gesichtsblindheit betroffen. Das haben Carbon und die beiden Mediziner Martina und Thomas Grüter herausgefunden. Eine Sensation; ging doch die Fachwelt bei Gesichtsblindheit bis vor wenigen Jahren noch von einer ausgesprochen seltenen Störung aus. Ich kann mich nicht an die Gesichter meines Mannes oder meiner Kinder erinnern Die 47 Jahre alte Prosopagnostikerin Tina Kasperer erklärt das so: »Meine Kinder und meinen Mann erkenne ich normalerweise. Da speichere ich unbewusst so viele andere Merkmale ab. Ich kann mir jetzt aber nicht ihre Gesichter vorstellen. Ich sehe sie vor mir als Personen mit ganz vielen Einzelheiten. Aber an ihre Gesichter erinnere ich mich nicht.« Dennoch genieße sie es, sie anzuschauen. Lange wusste die attraktive Brünette nicht, dass sie unter Gesichtsblindheit leidet. »Ich habe wohl während der Schule und der Universität gemerkt, dass ich Menschen und Namen nicht richtig zuordnen kann«, erzählt die Chefin einer Media-Agentur. »Das erste Mal aufgefallen ist es mir erst beim Übergang ins Berufsleben.« Als sie es mit Hunderten Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern zu tun bekommen hat. Doch selbst dann machte sie sich keine Gedanken darüber. »Ich habe mir eben Eselsbrücken gebaut. Und wenn ich jemanden nicht erkannt habe, dann habe ich das auf Stress oder auf Müdigkeit geschoben.« Erst vor wenigen Jahren las sie zufällig einen Artikel über Prosopagnosie und ließ sich daraufhin an der Bamberger Uni testen. Tina Kasperer lebt gut mit dieser Einschränkung. »Ich bin eher extrovertiert. Wenn ich jemand mal nicht erkenne, denke ich: 'Was soll's?'.« Und sie schiebt lachend nach: »Als Frau habe ich es einfacher, weil ich sowieso immer zuerst begrüßt werde.« Claus-Christian Carbon von der Uni Bamberg kennt jedoch auch ganz andere Fälle. »Wir erleben es immer wieder, dass Prosopagnostiker sehr zurückgezogen leben«, sagt der Wissenschaftler und zählt drei Strategien Gesichtsblinder auf: »Erstens: Kompensation. Sie orientieren sich also an der Stimme, am Gang oder an anderen Attributen. Oder, zweitens, sie entschuldigen sich permanent: 'Ach, ich war gerade in Gedanken.' Und drittens wäre noch die Vermeidung, die aus Frustration erwächst.« Wer vermeidet, geht nur noch selten unter Leute und vereinsamt. Sie kam eben jeden Tag in eine Gruppe wildfremder Kinder Denn die Erkennung von Gesichtern ist eine Grundvoraussetzung für das Miteinander und für das Knüpfen sozialer Bindungen. »Stellen Sie sich vor«, erklärt Carbon, »Sie lernen an einem Abend jemanden kennen, unterhalten sich nett und am nächsten Tag sehen Sie sich wieder - und der andere reagiert überhaupt nicht auf Sie. Was halten Sie von ihm?« Die meisten Menschen werden sich von ihm abwenden und ihn als arrogant charakterisieren. Die Gesichtserkennung ist eine ererbte Fähigkeit. Schon kleine Babys wenden den Kopf zu Gesichtern hin und suchen Augenkontakt. Und sie reagieren anders, je nachdem, ob sie einen Mann oder eine Frau anschauen. Diese Gehirn-Leistung sei das Erbe der Primaten, schreibt Thomas Grüter auf seinen Internetseiten. Während viele andere Säugetiere wie Hunde oder Katzen einen ausgeprägten Geruchssinn haben, sind Primaten Augentiere - bedingt durch ihre Lebensweise auf Bäumen. Schon der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen und heutigen Affen, der vor 25 bis 30 Millionen Jahren gelebt hat, war »auf seine Augen angewiesen, wenn er seine Artgenossen erkennen wollte«, schreibt Grüter. Dieses Erkennen scheint eine ziemlich kniffelige Angelegenheit zu sein, was sich mittels bildgebender Verfahren leicht feststellen lässt. Es zeigt sich, dass beim Betrachten von Gesichtern mehrere Hirn-Areale aktiv sind. Allerdings können die Forscher nur sehen, welche Neuronen feuern, nicht aber, welche Informationen dabei verarbeitet werden. Und so resümiert Carbon: »Wie Menschen die Gestalt des Gesichts wahrnehmen, wissen wir nicht.« Mit psychologischen Tests sind die Forscher diesem Phänomen auf der Spur. Ihr Ziel ist, damit auch die Diagnose der Gesichtsblindheit zu verbessern. »Oft wird bei diesen Patienten Autismus oder das Asperger-Syndrom festgestellt«, weiß Carbon und beklagt, dass zu wenige Ärzte dieses Phänomen kennen. Auch Tina Kasperer dachte anfangs, dass ihre jüngste Tochter, die jetzt elf Jahre alt ist, »leicht autistisch« sei: »Sie war schon aufgeschlossen, aber sie hat einen nie angeschaut.« Nach ihrer eigenen Diagnose - Prosopagnosie ist vererbbar - war ihr klar: Für ihre Tochter war das Gesicht einfach nicht interessant. Neben der reinen Forschung bauen die Bamberger Wissenschaftler auch eine Ambulanz auf, um Prosopagnostikern konkret zu helfen - selbst wenn die Störung nicht heilbar ist. »Wir wollen ihnen zunächst sagen: 'Es ist ein Defizit. Aber eines, mit dem ihr gut leben könnt.' Und wir zeigen ihnen, wie sie damit umgehen und es besser kompensieren können.« Tina Kasperer hat im Umgang mit ihrer Tochter erlebt, wie schwer es mitunter für Gesichtsblinde ist. »Die ersten drei Monate im Kindergarten waren schwierig für sie«, erzählt sie. »Sie kam eben jeden Tag in eine Gruppe wildfremder Kinder.« Als die Kleine dann in die Grundschule wechselte, machte ihre Mutter ihr ein Album mit Fotos und den Namen von jedem Mitschüler. »Jetzt, beim Übergang ins Gymnasium war es ihr auch wieder sehr mulmig. Aber das hat sie ganz gut hingekriegt.« Wir raten, offen mit dem Defizit umzugehen und es anderen immer und immer wieder zu sagen Was raten die Wissenschaftler ihren Patienten sonst noch? »Wir raten ihnen, offen damit umzugehen und es den anderen immer und immer wieder zu sagen.« Denn Menschen gehen von sich selbst aus und vergessen im Alltag solche Schwächen. Diese Erfahrung hat auch Kasperer gemacht. Mit den Kindergarten-Erzieherinnen ihrer Tochter hatte sie lange darüber gesprochen, ihnen auch entsprechende Artikel mitgebracht. Am Wochenende darauf wurde sie beim Einkaufen von einer begeisterten jungen Frau angesprochen - »ich hatte natürlich keine Ahnung, wer das war.« Es folgte ein munteres Plaudern - »im Small Talk bin ich prima« - und erst nach der Verabschiedung klärte sich auf, dass diese junge Frau die Erzieherin war. »Ich habe so lange mit ihr über Gesichtsblindheit gesprochen. Aber auf sich selbst bezogen kann sich wohl niemand vorstellen, dass andere ihn nicht erkennen könnten«, resümiert sie. Und schiebt einen ganz allgemeinen Rat nach: »Wenn Sie jemanden kennenlernen und derjenige mustert sie bei der Begrüßung, scannt sie quasi von oben nach unten ab, dann kann es gut sein, dass er gesichtsblind ist.« (GEA) |
Es gibt Menschen, die erkennen nicht das Gesicht ihres Partner, manchen ist selbst ihr eigenes Spiegelbild fremd. Und doch können sie so gut und so scharf sehen, wie jeder andere auch. Diese Menschen sind gesichtsblind. An der Uni Bamberg wird das Phänomen untersucht. |