Mittwoch, 08. September 2010

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26. 5. 2007

Das Radio geht ins Internet

VON RALF GRABOWSKI

Podcaster sind gefährlich. Wer mit ihnen ein Interview machen will, bekommt selbst ein Mikrofon unter die Nase gehalten ­ und erscheint mir nichts, dir nichts in ihrer nächsten Sendung. »Wir dachten, wir treten, äh, drehen den Spieß um und befragen Sie«, kündigt der 14-jährige Schorschi an, während der ein Jahr ältere Ron lässig das digitale Aufnahmegerät bedient. So geschehen im Reutlinger Haus der Jugend. Dort treffen sich jeden Montag Jugendliche, um zusammen mit der Journalistin und GEA-Mitarbeiterin Regina Störk Podcasts zu produzieren.


Der Hörer lädt sich einen Podcast herunter und entscheidet selbst, wann er den Beitrag anhört.
FOTO: NIETHAMMER

Podcasts sind so etwas Ähnliches wie Radiobeiträge mit O-Tönen und Musik unterlegt ­ nur dass sie nicht übers Radio ausgestrahlt werden, sondern im Internet abrufbar sind und von dort auf mp3-Player geladen werden können. (siehe »So funktionieren Podcasts«) Sie sind also eigentlich etwas Altbekanntes: nämlich das gesprochene Wort. Und dennoch werden sie als das gehandelt, was Technikfreaks das »nächstes großes Ding« nennen. Für Steve Jobs, den charismatischen Chef des Computerherstellers Apple, ist Podcasting gar »das Radio der nächsten Generation«.

»Die Ideen kommen aus dem Alltag, der Schule, irgendwoher«

Es sind vor allem zwei Unterschiede zum herkömmlichen Radio, die die Fachleute jubeln lassen. Zum einen die zeitliche Entzerrung: Der Hörer lädt sich einen Podcast herunter und entscheidet selbst, wann er den Beitrag anhört. Zum anderen können ­ zumindest theoretisch ­ die Hörer selbst zum Sender werden. Denn viel ist nicht nötig für die Produktion eines Podcasts: Computer mit Soundkarte, Mikrofon, etwas Software und Speicherplatz im Internet, das war‘s. Über 4100 deutsche Podcasts listet der Dienst podster.de derzeit auf. Und es werden täglich mehr. Viele Produktionen stammen von professionellen Radiostationen. Doch zunehmend sind es auch Amateure, die sich daran versuchen.

Seit Januar sind die »kids on air« aus Reutlingen dabei. Ein etwa drei auf vier Meter großes Zimmer im Haus der Jugend in der Museumsstraße ist ihr Domzil. In Regalen stehen Koffer, Taschen und Kisten voll Kabel und Stecker, in einem niedrigen Schrank stapeln sich schwarze Aufnahmegeräte. An den Wänden hängen Bilder von Jugendlichen mit großen Kopfhörern. Gegenüber der Tür, am Fenster, der Schreibtisch mit einem Bildschirm, Laptop und Tastaturen. Der 14-jährige Tim sitzt vor dem Computer und »schneidet« gerade einen Beitrag.

Neben ihm stehen Schorschi und Ron und geben gute Ratschläge. Sie sind flink, hören sich die Aufnahmen an, markieren mit dem Cursor bestimmte Stellen, löschen Versprecher, »Ähs« und »Öhs« heraus und fügen, wenn nötig, Pausen ein. Erst in einem nächsten Schritt werden unter Anleitung von Regina Störck diese O-Töne und die Moderationen mit Musik unterlegt.

Im Schnitt benötigen sie drei Nachmittage, insgesamt rund zehn Stunden, um einen Beitrag von drei bis fünf Minuten Länge zu bauen. In wechselnder Besetzung treffen sich die derzeit fünf Jungs und zwei Mädels ­ montags im Haus der Jugend, mittwochs und donnerstags in Jugendräumen in Degerschlacht. Neben dem rein Handwerklichen gehören auch Besprechungen für die Themenfindung dazu. »Die Ideen kommen aus dem Alltag, aus der Schule, irgendwoher«, beschreibt Ron. Regina Störck ergänzt: »Sie lassen manchmal auch nur das Mikrofon an und reden weiter und irgendwann entwickelt sich dann was.«

Finanziert von der Landesanstalt für Kommunikation und organisiert von der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung produzieren die Reutlinger seit Anfang des Jahres den Podcast Pods-Dings. Dennoch sind sie nicht neu im Geschäft. »Ich mach schon ganz viele Jahre mit«, erzählt etwa Schorschi. Denn zuvor haben sie Beiträge für verschiedene Privatradios produziert. Doch von denen kamen immer strengere Auflagen, die Beiträge mussten auch immer kürzer werden, erzählt Regina Störk.

Petra Hermansa, die Leiterin von Kids on air, schwärmt: »Die Podcast-Szene ist jung. Es ist ein schönes Feld und es entsteht eine neue Ästhetik.« So experimentieren und spielen die Podcaster mit Tönen und Themen. Oft sind es die kleinen, privaten Erlebnisse, die übers weltweite Datennetz verbreitet werden. Begebenheiten und Gedanken, die man auch beim Small-Talk im Café erzählen würde. Die Inhalte der Podcasts sind also ganz ähnlich denen der Blogs, der geschriebenen Tagebücher im Web.

Die 29 Jahre alte Journalistin Annik Rubens erzählt in ihrem Podcast »Schlaflos in München« genau diese privaten Alltäglichkeiten: dass sie jetzt mal Selbstbräunungscreme ausprobiert hat, wie das mit Epiliergeräten ist und welche Bücher sie gerade liest. Und erreicht mit ihrer wöchentlichen Show rund 10.000 Abrufe. Für »besondere Verdienste um die Podcast-Szene« wurde Rubens (die eigentlich Larissa Vassilian heißt) 2006 mit dem Podcast-Award-Ehrenpreis ausgezeichnet. Die Hörer nehmen Anteil an ihrem Leben, der Podcaster wird so etwas wie ein guter Freund: »Du baust eine Beziehung zum Sprecher auf. Seine Stimme begleitet dich durch den Tag.«

Ein weiterer Grund für den Erfolg des Mediums: »Die Leute suchen Authentizität, die sie im Radio nicht mehr finden.« Denn die meisten Radiostationen sind landauf landab stark formatiert: Moderatoren und Musikauswahl sind auf Stromlinie getrimmt, um möglichst viele Hörer zu erreichen. Was zählt, ist die Quote und nicht die Individualität. Annik Rubens hingegen produziert ihre Beiträge im Kleiderschrank. Okay, in einem begehbaren Kleiderschrank, der über eine hervorragende Akkustik verfügt. Außerdem werden die einzelnen Beiträge nur noch minimal nachbearbeitet. Wenn sie sich verspricht, was selten vorkommt, dann bekommen das auch die Hörer mit. Auch wenn sie keine Sprecherausbildung hat, klingt ihre Stimme angenehm und professionell. Was beileibe nicht für alle Podcasts gilt. Ob über Yoga, Wochenendbeziehungen oder »Heldenhaftes aus Meitingen«: Wer sich durch die Szene wühlt, muss viel sieben. »Man braucht einen langen Atem, um gute private Podcasts zu finden«, bestätigt auch Annik Rubens und rät: »Man kann auch Mund-Propaganda nutzen.«

»Podcast-Hörer sind die Minderheit. Aber es werden rasant mehr«

Für Neueinsteiger bieten sich die Podcasts der Radiostationen an. Ob die »Leute«-Interviews von SWR1, die Pisa-Polizei von N-Joy oder das SWR3-Topthema: Diese Beiträge gibt‘s nicht nur übers Radio zu bestimmten Zeiten, sondern auch zum Nachhören im Internet. Allein das Deutschlandradio hat derzeit rund 70 Podcasts im Netz. Insgesamt gehen jede Woche rund 60 Stunden an Audio-Inhalten online, sagt Dietmar Timm, Multimedia-Chef beim Deutschlandradio, das zur Internationalen Funkausstellung Ende August 2005 offiziell diesen Service begonnen hat. »Wir bedienen damit die Bedürfnisse der Hörer, die vermehrt um Mitschnitte von Sendungen nachgesucht haben«, erklärt Timm. Mittlerweile werden jeden Monat 1,5 Millionen Audiodateien abgerufen.

Doch die Zahlen dürfen nicht täuschen. »Schätzungen gehen von nur zwei Millionen Podcast-Nutzern in Deutschland aus«, weiß Timm. Auch Annik Rubens bestätigt: »Podcast-Hörer sind eine Minderheit. Aber sie sind treu und es werden rasant mehr.« Deshalb spricht sie auch von einer »Rennaissance des Wortes«. Denn Hören lässt sich nebenbei erledigen. Wohl deshalb verkaufen sich auch Hörbücher immer besser. Selbst wenn der Trend im Internet derzeit zum Video geht, glaubt Rubens an weiter steigende Hörerzahlen: »Wenn ich zur Post gehe, dann kann ich mir nichts nebenbei ansehen, aber ich kann hören.«

Noch wird ­ zumindest in Deutschland ­ mit Podcasts nichts verdient. Anders in den USA. Dort ist Sponsoring gang und gäbe. Denn Podcasthörer sind eine »außergewöhnliche Zielgruppe: jung, gebildet und einkommensstark« weiß Rubens und verweist auf Zahlen einer Umfrage. So ist die Karriere von Annik Rubens ein typisches Beispiel für die Internet-Ökonomie: Über ihre Reputation und ihre zweijährige Erfahrung als Podcasterin hat die gelernte Journalistin Kontakte zu etablierten Medien aufgebaut und sendet heute für den Bayerischen Rundfunk und den SWR, macht Podcasts für die Hörbuch-Plattform Audible und den Möbelhersteller Ikea.

Soweit denken die drei Jungs von den Reutlinger »kids on air« noch nicht. »Ich mach das, weil‘s mir Spaß macht, die Leute auf der Straße zu befragen«, sagt Schorschi. Ob er mal Journalist werden will, weiß auch Ron nicht. Überhaupt zieht der Podcast-Trend irgendwie an ihnen vorbei. »Ich höre keine Podcasts, nicht mal unsere«, gibt Schoschi zu, obwohl er mit Feuereifer bei der Produktion dabei ist. Und Ron sagt: »Ich geh‘ lieber raus.« (GEA)

So funktionieren Podcasts

Der Ex-MTV-Moderator Adam Curry gilt als der Erfinder der Podcasts. Er schrieb 2004 das Programm iPodder, mit dem Podcasts automatisch aus dem Netz abrufen werden können. Der Begriff Podcast setzt sich zusammen aus iPod (dem populären mp3-Player von Apple) und dem englischen Wort Broadcast (für Rundfunk). Neben iPodder (heute Juice genannt) gibt es zahlreiche andere Podcast-Ladeprogramme (sogenannte Podcatcher), allen voran iTunes von Apple, mit dem Musik verwaltet, kopiert und gekauft wird und auch Podcasts geladen werden. Das Verfahren ist recht einfach und immer dasselbe. Zunächst einmal wird ein Podcast abonniert. Im Beispiel soll das »Pods-Dings« sein, der Podcast der Reutlinger kids on air. Ist er abnniert, listet das Programm sämtliche verfügbaren Episoden auf (im Moment sind es neun). Ein Klick auf eine Episode, und die Datei wird auf den Rechner geladen. Wird nun der mp3-Player an den Rechner angeschlossen, kopiert das Programm die Audiodateien darauf und sie können unterwegs abgehört werden. (ski)

Immer mehr Radiosender stellen ihre Beiträge zum Herunterladen ins Internet. Und noch interessanter: Immer mehr Menschen produzieren selbst solche Beiträge. Die nennen sich dann Podcasts, und wir erklären, was das ist.