Freitag, 30. Juli 2010

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20. 1. 2006

Getragen werden ins Leben

VON RALF GRABOWSKI

Ein starker Auftritt: In schwarzen Schnürstiefeln, schwarzem Rock und Oberteil, einem weißen Krägelchen und schwarzem Barett auf dem kahl rasierten Schädel ging sie zur Besprechung mit ihrem Arzt. »Ich war wie eine Novizin. So habe ich mich gefühlt, so habe ich mich gekleidet«, erzählt Patricia Noll.


Michel, das zehnjährige Mérens-Pony, war für Patricia Noll ein wichtiger Begleiter während ihrer Krankheit. Derzeit bildet sie es zum Therapiepferd aus.
FOTO: MARKUS NIETHAMMER

Sie lacht dabei, obwohl der Anlass alles andere als witzig war. Denn damals, im Januar 2005, hatten die Ärzte Krebs bei ihr diagnostiziert. Dass sie am hochgradig aggressiven Burkitt-Lymphom erkrankt war, wussten sie damals noch nicht. Klar war, dass sie am letzten Tag des Jahres 2004 notoperiert wurde ­ weil sich das Geschwür in ihrem Darm breitgemacht hatte und sich als faustgroße Beule auf ihrem Bauch zeigte. »Als ich nach der OP ins Zimmer gefahren wurde, knallten draußen die Böller«, erinnert sich die 39-jährige Journalistin.

Wie Silvester die Grenze zwischen zwei Jahren absteckt, so sorgte der Krebs für einen radikalen Schnitt in ihrem Leben. »Es war wie ein Reset beim Computer«, erklärt sie diese Zäsur. Alle laufenden Programme beenden, alles auf Anfang setzen. Der Krebs riss sie, die erfolgreiche SWR-Moderatorin und alleinerziehende Mutter, aus ihrem 18-Stunden-Tag. Viele Dinge, die ihr früher wichtig waren, sind es heute nicht mehr. »Mir kommt es so vor, als ob ich mich jetzt viel mehr spüre. Ich lebe mehr im Augenblick«, versucht sie die Veränderung in Worte zu fassen. Nur um gleich darauf laut loszulachen und nachzusetzen: »Aber ich habe mich natürlich nicht um 180 Grad gedreht. Ich gehe immer noch wahnsinnig gern shoppen, und ich liebe italienische Schuhe.«

»Ich war gerüstet. Im Gegensatz zu anderen wusste ich, was kommt«

Dennoch hat sich ihr Leben radikal geändert. Als Freiberuflerin hat sie ihre erzwungene Auszeit selbst finanzieren müssen. Ihre Ersparnisse, auch ihr großes Wohnmobil, gingen dabei drauf. Und die vielen gut bezahlten Jobs, beim Fernsehen oder vor Managern und Firmenvorständen, die waren weg ­ und sie bleiben auch weg. Viel lieber kümmert sich die Powerfrau jetzt um ihre Herzensdinge. Dazu gehört neben Aufträgen für den Deutschlandfunk (»die Champions League für Journalisten«) vor allem das Weitergeben ihrer Erfahrungen im Umgang mit Krebs. Bücher sind in Vorbereitung, sie bietet Lauftreffs an und lässt sich derzeit zur Reit-Therapeutin ausbilden. Ziel ist es, die Stiftung »Good Hope« zu gründen, um kostengünstig Hilfen anzubieten. »Das ist mein größter Wunsch: Hier einen geeigneten Stall zu finden mit genügend Platz.«

Ihr geht es nicht um radikal neue Heilmethoden, um esoterisches Gegackere ­ auch wenn sie in fantasiereichen Bildern und aus einem anderen, einem ganzheitlichen Blickwinkel von der Krankheit spricht. Ihr geht es um Würde in all ihren Facetten. Eine Würde, die ihrer Erfahrung nach im Krankenhausalltag allzu oft auf der Strecke bleibt. »Ich habe nie gegen den Krebs gekämpft, ich habe gegen die übliche Behandlung gekämpft«, sagt sie häufig. Sie wollte unter allen Umständen das Heft in der Hand behalten. »Ich war gerüstet. Der Unterschied zu vielen anderen Patienten war der, dass ich wusste, was kommt.« Deshalb auch ihr Auftritt vor dem Arzt. Sie wusste, dass die Chemotherapie ansteht, sie wusste, dass ihr die Haare ­ ihre braune Lockenmähne ­ ausfallen würden. Also kam sie diesen unweigerlichen Fakten zuvor. »Ich war nie in der Opferrolle, von Beginn an nicht. Ich war immer reaktionsfähig«, beschreibt sie die Behandlung.


Übungsstunde für Michel: Patricia Noll führt den Hengst am Langzügel.
FOTO: MARKUS NIETHAMMER

Sie setzte sich intensiv mit ihrer Krankheit auseinander, sie recherchierte, forderte, lehnte auch mal Behandlungen ab und überließ sich mit der Zeit immer mehr ihrer Intuition. Sie hörte auf ihren Körper, spürte, was ihm gut tun könnte und was nicht. Und so ging sie auch während ihrer Chemotherapie immer wieder nach Hause, schmuste mit ihren Hunden oder besuchte ihren Pferdestall. Eigentlich tödlich, denn eine Chemotherapie macht nicht nur die Krebszellen platt, sondern auch die weißen Blutkörperchen. Als Folge liegt das Immunsystem flach, die leichtesten Bakterien oder Viren können zu schweren Erkrankungen führen. Alles muss möglichst steril, keimfrei sein. »Ob ich nur Riesenglück hatte, ob es Zufall war oder wirklich der richtige Weg, kann ich nicht sagen.« Doch sie ergänzt: »Mittlerweile glaube ich nicht mehr an Zufälle.«

Wie das Gesundheitssystem tickt und dass sie sich einer tickenden Bombe nicht aussetzen will, sei ihr am zweiten Tag nach der OP bewusst geworden. Sie beschreibt die Situation: Zur Morgenvisite kommt eine illustre Runde von Ärzten und Studenten in ihr Zimmer, versammelt sich ums Bett und diskutiert ihren Fall. Nur, und ihr Bericht klingt wie Realsatire, war die Patientin gar nicht im Bett: »Ich war gerade im Bad, hörte, dass die Ärzte kommen, und beeilte mich. Als ich dann fertig war und raus kam, war die Visite beendet und die ganze Mannschaft ging. Die ließen mich einfach stehen!« Noch heute sagt sie mit einer Mischung aus Empörung und Erstaunen: »Das war wie eine Erscheinung. Die behandeln da gar keine Menschen, die behandeln Akten.«

»Heilung finden wir letztlich nur in uns selbst«

Diesen »Ingenieursgedanken« der Schulmedizin lehnt sie ab. Überhaupt bekommen die meisten Ärzte und Schwestern schlechte Noten. Sie erzählt viele Geschichten über die allgegenwärtige Ignoranz, über schnippische Schwestern und arrogante Ärzte. Doch verteufeln will sie die Behandlungsmethoden keinesfalls. Sie seien nützlich und gut, aber sie seien eben nicht alles: »Natürlich sollten wir die Schulmedizin nutzen. Doch Heilung finden wir letztlich nur in uns selber.« Zum Behandlungserfolg gehörten deshalb auch so vermeintliche Lappalien wie ein Zimmer mit schöner Aussicht, mit Sonne und einem Baum vor dem Fenster. Und natürlich Menschlichkeit und, wieder, Würde.

Ungewaschen, ungeschminkt und im Bademantel durchs halbe Krankenhaus marschieren kam für sie nicht in Frage. »Ich zeige mich nur sehr wenigen Menschen im Nachthemd. Warum sollte das in der Klinik plötzlich anders sein?« Ein paar läppische Quadratmeter Raum, das Bett und ihre Kleidung ­ das war alles an Heimat, was sie während des sieben Monate dauernden Aufenthalts hatte. Und diese Heimat verteidigte sie.

So wie sie für mehr Verantwortung kämpfte. Immer wieder mahnte sie mehr Medikamente gegen das fürchterliche Erbrechen während der Chemo an. Und sie setzte vor dem Rechtsamt der Klinik durch, dass sie ihre Krankenakten und Behandlungspläne bekam. Zur Kontrolle der richtigen Mischung an Infusionen. »Einen Publikumspreis gewinnt man dafür nicht. Aber schließlich ist es meine Krankheit, also will ich auch meine Unterlagen haben.«

Ihr Leben, ihre Krankheit. Nie spricht sie von »dem Krebs«, immer nur von »meinem Krebs«. Viele Patienten dächten, die Krankheit komme über sie wie ein fremder, böser Alien. »Ich habe mir meine Krebszellen immer als schwache, kleine Zellen vorgestellt, die aus ihrer Ordnung gefallen sind. Die nicht mehr zum Ganzen gehören, die aber deshalb auch nicht böse sind.« Und die ihr vielleicht auch einen letzten, überdeutlichen Hinweis auf einen dringenden Neubeginn geben. »Diese Unerbittlichkeit gegen mich, dieses Immer-Mehr-Wollen, und diese Leere selbst beim tollsten und größten Auftrag ­ das ist krank«, beschreibt die resolute Frau ihr Leben, ihr Erleben, vor dem Krebs. »Ich bin aus der Balance gefallen.«

Diese Balance, die ruhende Mitte, hat sie nun wieder gefunden, oder ist zumindest auf dem besten Weg dorthin. Dazu gehört auch, nicht zu verzweifeln. »Ich habe um meine Würde gekämpft und ich habe Demut gelernt«, sagt sie, stutzt und schreibt sich den Satz auf einen Merkzettel. Denn dass sie Krebs bekommen hat, dass sie womöglich auch daran sterben wird, sind unumstößliche Tatsachen. »Aber es liegt in unserer Hand, wie wir sterben möchten, ob als Löwe oder als Opferlamm.« Und ihr ist klar: Sie wird ­ lieber später als früher natürlich ­ würdevoll sterben, wie ein Ritter auf dem Schlachtfeld. Sterben und Tod sind seither ihre täglichen Begleiter. Denn viele ihrer Freundinnen, die sie in der Klinik kennengelernt hat, leben nicht mehr. »Kannst du daran sterben?« sei die erste Frage ihrer Tochter gewesen, als sie ihr von ihrer Erkrankung berichtet hat. »Ja«, habe sie gesagt, »ich kann daran sterben. Aber wir tun alles, damit ich wieder gesund werde.« Dies sei fast der einzige Augenblick der Verzweiflung gewesen, erinnert sich Patricia Noll: die Frage, wie sie es ihrer kleinen Helena sagen soll.

»Ich bin jetzt unangreifbar für jegliche Unbill«

Verzweiflung über die Möglichkeit ihres eigenen möglichen Todes sucht sie seither nicht mehr heim. »Ich habe mir überlegt, was passiert, wenn ich sterbe«, erzählt sie von einem frühen Morgen, einige Tage vor Beginn der Chemotherapie. »Meine größte Sorge galt natürlich meinem Kind. Und ich merkte: Sie wird das überleben. Sie hat einen Vater, bei dem sie wohnen kann, sie wird stark werden. Auch meine Hunde und meine Pferde werden neue Besitzer bekommen. Es wurde mir zum ersten Mal klar, dass die Welt sich weiterdreht, auch wenn ich nicht mehr da sein werde.« Ihre Augen strahlen und ihr Mund verzieht sich zu einem fröhlichen Grinsen, als sie fortfährt: »Und dann dachte ich ­ na, dann kann ich auch gleich dableiben und ganz unbeschwert leben!«

Dieser Gedanke war wie eine Befreiung. Zusammen mit einem Netzwerk aus Freunden, Therapeuten und Ärzten, denen sie vertraut, sorgt er für ein unbeschwerteres Leben: »Ich bin unangreifbar für jegliche Unbill.« Im Nachhinein sei die schlimme und schmerzvolle Zeit der Therapie die schwerste, aber gleichzeitig auch die leichteste Zeit ihres Lebens gewesen. »Es war so einfach«, sagt sie. Und noch heute schwingen dabei Kraft und Mut in ihrer Stimme mit. »Es geht um mein Leben. Da gibt es kein Rechts und kein Links. Ich! Überleben! Das war das Wichtigste.« (GEA)

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Der Weg zum Therapie-Erfolg

»Die Schulmedizin könnte viel mehr leisten und heilen, wenn sie individuell eingesetzt und menschenfreundlich verabreicht würde«, schreibt Patricia Noll in ihrem im Herbst erscheinenden Buch.

Für sie gehört vor allem auch die psychische Unterstützung der Patienten dazu: angenehme Umgebung, Entspannungsübungen und Bewegung. Ihr haben Qi Gong und lateinamerikanische Rhythmen gut getan sowie der Kontakt zu ihren Pferden. »Meine Pferde trugen mich jedesmal zurück ins Leben«, beschreibt die angehende Reit-Therapeutin ihre Erfahrungen im Sattel. »Wenn es irgendwie ging, war ich immer wieder ›obenauf‹ und habe mich sanft wiegen lassen.« Patricia Noll ist auch ausgebildeter Nordic-Walking-Instructor. Speziell für Krebspatienten bietet sie »Onko-Walking« an. Treffpunkt ist jeden Mittwoch um 9.30 Uhr am SSV-Stadion.