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31. Juli 2010
Hört auf euer Bauchgefühl
Herr Dr. Voss, was lernen Sie aus dem Unglück in Duisburg?
Dr. Martin Voss: Ich lerne einmal mehr, die Grenzen des Beherrschbaren zu respektieren und ich werde demütig. Grundsätzlich sieht man an diesem Ereignis aber, wie schnell alle Detailplanungen ad absurdum geführt werden können und wie wichtig daher robuste und flexible Alternativkonzepte sind. In Duisburg kommen ja viele Fehler zusammen. Das aber ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die Ausnahme ist zum Glück, dass aus der Summe der Fehler eine solche Katastrophe wird.

FOTO: FOTOLIA
Gibt es hundertprozentige Sicherheit bei solchen Veranstaltungen?
Voss: Nein, die gibt es nicht. Mittlerweile ist es ja auch schon eine Plattitüde, aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir nie sicher sind: Am Ende stirbt jeder Mensch. Ich meine das überhaupt nicht lustig oder hämisch. Ich beobachte jedoch, dass wir in der modernen Spaß- oder Erlebnisgesellschaft seit Längerem dazu tendieren, den Tod zu negieren. Was für mich ein Ausdruck dafür ist, dass wir Unsicherheiten nicht wahrhaben wollen. Das aber ist der springende Punkt: Wir müssen anerkennen, dass es absolute Sicherheit nicht gibt. Mit dieser Gewissheit müssen alle auch an eine solche Großveranstaltung herangehen.
Also nicht nur die Veranstalter, sondern auch die Besucher?
Voss: Ja, auf jeden Fall. Für die Besucher ist das Wissen darum, dass es diese absolute Sicherheit nicht gibt, der erste Schritt zur Vorsicht. In dem Moment, in dem man meint »Andere kümmern sich schon um meine Sicherheit, andere sind verantwortlich, andere haben sich hinreichend Gedanken gemacht, sonst würden sie mich hier gar nicht reinlassen, hier kann mir nichts passieren«, in diesem Moment ist ein Ventil geöffnet zum Vollrausch. In diesem Moment ergebe ich mich der Situation, überlasse mich anderen, letztlich auch einer Masse.
Sie schreiben dem Einzelnen viel Verantwortung zu.
Voss: Es geht mir um Bewusstseinsbildung und Aufklärung. Darum, dass »größer« und »toller« tendenziell auch größere Risiken birgt. Wenn der Besucher sich der Risiken bewusst ist, dann wird er die Veranstaltung auch kritischer beurteilen. Der wichtigste Faktor ist das Verhalten der Leute. Wenn Sie sich die Bilder von der Loveparade-Katastrophe anschauen, dann sehen Sie: Die Leute trippeln in Zentimeterschritten in ihr Verderben. Das entzieht sich doch eigentlich jedem gesunden Menschenverstand. Jedes Bauchgefühl müsste den Leuten längst gesagt haben, dass das nicht gut ist. Und sie machen es trotzdem. Das deutet auf eine gesellschaftlich verbreitete Deformation: Ich schalte mein eigenes Sicherheitsempfinden aus und überlasse dies vermeintlich professionellen Akteuren. Und solange mich keiner warnt, fühle ich mich hundertprozentig sicher.

Dr. Martin Voss leitet
die Katastrophenforschungsstelle.
Foto: Privat
Rainer Wendt, der Chef der Polizeigewerkschaft, fordert eine Art Sicherheits-TÜV für Großveranstaltungen. Viele Politiker fordern, dass solche Veranstaltungen nicht mehr von Städten allein organisiert und genehmigt werden. Was halten Sie davon?
Voss: Das sind absolut unterstützenswerte Forderungen und gute Ideen. Eigentlich fragt man sich, warum es das nicht schon längst gibt. Zunächst muss eine Gesellschaft aber einen Diskurs darüber führen, wie viel Sicherheit sie will und was sie kosten soll. Das fehlt bei uns leider, und so bleibt es dem Zufall überlassen, auf welche Risiken wir uns einlassen wollen. Dann aber braucht es ein unabhängiges Gremium, das Sicherheitskonzepte für solche Veranstaltungen begutachtet, einen »Sicherheits-TÜV« also. Der Grundgedanke ist, Interessen ökonomischer, kultureller oder politischer Art nicht mit Sicherheitszielen zu vermengen. Solange das aus einer Hand bedient wird, haben wir immer das Problem, dass die Sicherheit zu kurz kommt. Noch grundlegender wäre aber zu fragen, inwieweit wir Sicherheitsaufgaben überhaupt an private Akteure delegieren sollten. Meines Erachtens muss es Aufgabe des Staates sein, auch auf einem quasi-öffentlichen Areal wie dem in Duisburg für die Sicherheit der Besucher zu sorgen, nicht nur drumherum. Eine Arbeitsteilung vorzunehmen, halte ich für ganz falsch. Solche Schnittstellen bergen immer das Risiko, dass es zwischen den Akteuren zu Abstimmungs- und Kommunikationsproblemen kommt mit immer wieder verheerenden Folgen.
Dass die Sicherheit einer Veranstaltung von unabhängigen Gremien erarbeitet und geprüft wird, leuchtet mir ein. Aber warum dieser gesamtgesellschaftliche Diskurs?
Voss: Weil es nach solchen Unglücken zu komischen Verzerrungen der Wahrnehmung kommt. Denn in Wahrheit nehmen wir im Alltag viel größere Risiken in Kauf, als den Besuch einer solchen Veranstaltung. Es gibt Statistiken über die unterschiedlichen Risiken, zu Tode zu kommen. Da stehen ganz triviale Dinge an erster Stelle, der Straßenverkehr beispielsweise. Trotz dieser großen Anzahl an Toten und Verletzten, bei aller Trauer und verständlicher Aufregung, sollte man sich immer wieder auf Distanz bringen und sagen: »Die meisten Menschen sterben anders.«
Wie lassen sich solche Veranstaltungen absichern?
Voss: In der Katastrophenforschung betrachten wir nicht nur das Ereignis selbst, sondern schauen auch, wo und wann ein Unglück seinen Lauf nimmt. Wir betrachten die Katastrophe als Prozess. Interessant sind doch die Ursachen. Denn wenn Sie die Leute mal in einem Tunnel drin haben und es brummt, dann können Sie nur noch reagieren. Da kann kein Mensch mehr konzentriert handeln. Dann haben Sie den schlechtesten Hebel für die Hilfe. Was wir benötigen, ist ein konzentrisches Sicherheitskonzept.
Was verstehen Sie darunter?
Voss: Bei einem konzentrischen Sicherheitskonzept wird der Fokus vom Kern des Geschehens zunächst einmal weglenkt auf die Umstände, die Rahmenbedingungen, die äußeren Kreise. Das meine ich räumlich und zeitlich. Ganz außen stünde dann die bereits beschriebene Bewusstseinsbildung der Behörden, Organisatoren, aber auch der Besucher. Dann wird es konkreter und geht weiter zu den Zu- und Abfahrtswegen. Sie brauchen ein Zählsystem, Sie müssen die Größe der Besucherströme kennen. Sei es über den Ticketverkauf oder über Ordner, die mitzählen. Dass man auch Tage nach der Katastrophe nicht weiß, wie viel Menschen bei der Loveparade waren, kann ich als Forscher gar nicht glauben. Denn diese Basis müssen Sie haben, um im Extremfall flexibel reagieren und das Ganze auch abbrechen zu können. Dann benötigen Sie flexible Wege im Straßenverkehr mit Einbahnregelungen und Umleitungen. Es geht weiter auf dem Gelände: Es muss weitläufig sein, weil die Menschen aus unterschiedlichen Richtungen kommen. An den Sperren und Eingangsschleusen müssen geschulte Beobachter stehen. Es ist wichtig zu wissen, wie die Leute drauf sind, welches Gewaltpotenzial herrscht. Sie müssen die Art des Publikums einbeziehen, ob es Tag oder Nacht ist. Da gibt es viele Parameter. Und ein Eingang muss auch mal eine Weile zugemacht werden können.
Was kann ich denn als Besucher machen, wenn ich in einer solchen Menge drinstehe?
Voss: Wenn Sie mitten drin sind, dann können sie praktisch nichts mehr machen. Dann können Sie nicht mehr vorwärtsgehen, dann werden Sie gegangen. Sie können sich dann nur noch der Menge überlassen und Ihre eigenen physischen und kognitiven Ressourcen schonen: sich die Konzentrationsfähigkeit erhalten, sich orientieren, was schwierig ist, weil links und rechts ungeheure Lautstärken sind, weil Menschen kreischen. Das ist eine enorme Anforderung.
Wie entsteht eine Panik?
Voss: Was wir in Duisburg gesehen haben, ist eine Art Desorientierung. Die Leute geraten in eine Situation, die sie falsch eingeschätzt haben. Sie finden sich in zunehmender Enge, der Druck steigt, es ist eine körperliche Nähe, die ihnen unangenehm ist. Sie fühlen sich unwohl. Gleichzeitig entsteht bei vielen ein Gefühl der Isolation, obwohl das paradox klingt. Aber in dieser Menschenmasse sind die Einzelnen komplett allein, weil sich jeder nur um sich selbst kümmert und alle Helfer weit weg sind.
Wird es uns erst unangenehm, wenn wir wirklich Schulter an Schulter mit anderen stehen?
Voss: Ich glaube, das Ganze ist ein Prozess: Wir blenden das Gefühl, dass es uns unangenehm wird, eine Weile aus. Das Unwohlsein ist da, aber wir wollen ja irgendwo hin, wir haben ein Ziel. Dazu kommt dieses schon mehrfach angesprochene eingeschränkte Gefahrenbewusstsein. Das alles führt dazu, dass man sein Bauchgefühl ignoriert. Und dann kommt es den Menschen schlagartig, dass sie irgendwo drinstecken, wo sie gar nie reinwollten.
Entsteht eine Panik langsam?
Voss: Häufig sind es auch plötzliche Auslöser, die ganz unscheinbar sein können. Irgendwo niest jemand, ein Zweiter hört das als Schrei und erschrickt. Ein Dritter nimmt nur den Schreck wahr und tritt zurück, was dessen Nachbar als Schlag empfindet – und dann geht’s los.
Gibt es untrügliche Vorzeichen?
Voss: Folgen Sie Ihrem inneren System. Sie spüren es bei jeder Veranstaltung. Sie haben ein Gefühl dafür: »Hier ist es nicht gut, hier ist es zu laut, ich empfinde die Stimmung als aggressiv. Hier stimmt was nicht.« Wir müssen nur wieder lernen, diesem Gefühl zu vertrauen. Es ist der ganz gesunde Menschenverstand gefragt. Dass er im Kollektiv manchmal aussetzt, deutet darauf hin, dass er im Vorfeld deformiert wurde, dass viele Menschen das Risiko ausblenden.
Wie verhalten Sie sich auf großen Veranstaltungen?
Voss: Ich bin ja professionell deformiert (lacht). Natürlich schaue ich, was die Veranstalter so alles gemacht haben. Ich war zur WM 2006 beispielsweise beim Public Viewing in Hamburg. Für mich war offensichtlich, dass der Ausgang viel zu eng gestaltet war. Wie sich später herausstellte, wurde es da auch brenzlig. Deshalb habe ich mich an einen Ordner gewandt, was ich sonst nie mache. Seine Reaktion: »Wir dürfen hier nichts ändern!« So ist es oft: Die entscheidenden Akteure sind nicht erreichbar und die Ordner vor Ort haben keine Befugnisse.
Wie haben Sie reagiert?
Voss: Ich habe mich günstig positioniert und habe geschaut, dass ich unter den Ersten war, die das Gelände verlassen haben. Das hat freilich bedeutet, dass ich das Spiel nicht bis zum Abpfiff angeschaut habe.
DIE FORSCHUNGSSTELLE
Die in der Bundesrepublik einmalige Katastrophenforschungsstelle ist an der Kieler Universität angesiedelt. Sie untersucht den »menschlichen Faktor« bei großen Unfällen und Katastrophen. Die Wissenschaftler arbeiten sehr praxisbezogen und beraten Veranstalter, große Unternehmen wie beispielsweise Flughäfen sowie Behörden. (ski)
www.kfs.uni-kiel.de
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