Montag, 06. Februar 2012

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21.5.2005

"Das ist mein Berufstraum!"

Es war nicht das erste Mal, dass Joachim Noack Arbeitsluft geschnuppert hat. Aber es war »das erste Mal, dass es von Null auf Hundert ging«. Am 3. November 2003 begann für den damals 23-jährigen Studenten ein ganz besonderes Praktikum. Sein Einsatzort war das nordrhein-westfälische Finanzministerium. Seine Aufgabe: Als Unternehmensberater die Umstellung des hausinternen Rechnungssystems zu begleiten. Sein Arbeitgeber war Oscar, die - laut Selbstaussage - erfolgreichste studentische Unternehmensberatung Europas.


Eine starke Truppe: Die Oscarianer. Foto: pr

McKinsey, Roland Berger oder die Boston Consulting Group: große Namen in einer schillernden Branche. Wer an Berater denkt, sieht junge, strebsame und erfolgreiche Männer und Frauen vor sich; »High Potentials«, die viel im Flieger sitzen und für viel Geld Firmen auf Vordermann bringen. Eine Welt, für die sich Joachim Noack begeistert. »An diesem Beruf reizen mich die ständig wechselnden Herausforderungen.« Auch das Reisen: »Ich bin gern unterwegs«, sagt er.

2003 war er im Rahmen seines Studiums wieder mal auf der Suche nach einer Praktikumsstelle. Bei einer Internet-Recherche stieß er auf Oscar, die in Köln ansässige und nur von Studenten getragene Unternehmensberatung. Seit zwölf Jahren berät die Oscar GmbH Unternehmen und öffentliche Einrichtungen. In der Liste der Auftraggeber stehen so bekannte Firmen wie Siemens, Deutsche Bank und T-Online. Rund 300 Aufträge hat die derzeit rund 35 Köpfe starke Truppe abgewickelt. »Bei Oscar machen wir nichts anderes als normale Beraterarbeit«, erzählt Noack. »In fachspezifischen Dingen sind wir genauso gut wie die arrivierten Beraterfirmen. Weil wir in jedem Projekt neue Lösungen erarbeiten und keine Standards anbieten.«

Kein geschütztes Biotop

Das Besondere: Alle Mitarbeiter, selbst die drei Geschäftsführer, sind Studenten, die für ihre Arbeit bei Oscar ein Praktikums- oder Urlaubssemester einlegen. Wer jetzt allerdings an Caféteria-Stimmung denkt, liegt ziemlich weit daneben. Oscar stellt ihren Mitarbeitern kein geschütztes Biotop zur Verfügung. Vielmehr konkurriert sie auf dem Markt mit arrivierten Beratern - und schlägt sich ordentlich; weil sie günstiger sind und dennoch gute Leistungen bringen. »Wir haben für 70 der hundert größten Firmen in Deutschland gearbeitet«, sagt PR-Leiterin Judith Jussenhofen.

Auch wenn die GmbH höchst professionell arbeitet - so mancher Auftraggeber sieht in ihr doch nur einen Studentenladen. »Er hat uns am Anfang nicht für voll genommen«, erinnert sich Noack an den Projektleiter im Ministerium. Für Noack und seine beiden Kollegen hieß das: Zunächst viel Überzeugungsarbeit leisten und noch mehr Engagement, noch mehr Zeit ins Projekt stecken. Zehn-Stunden-Tage waren üblich, Anzug und Krawatte Pflicht. »Als er gemerkt hat, dass doch mehr Potenzial in uns steckt, ist er weich geworden«, freut sich der Student.

Rückblickend sieht er diese Erfahrungen aus seinem ersten Projekt als lehrreich an: »Wir bekamen eine hervorragende Grundausbildung als Berater.« Lektion eins: sich Akzeptanz verschaffen. Und weiter? »Fachwissen präsentieren und argumentieren; verstehen, was der Kunde genau will, und schließlich seine Erwartungen übertreffen.« Für Noack das »Leben eines Berufstraums«.

Eines Traums, der im Sommer `03 begann mit der Einladung in ein Assessment-Center. Dort sollte der BWL-Student in Trockenübungen sein Können unter Beweis stellen. Getestet wurden etwa seine Ausdrucks- und Präsentationsfähigkeiten, die Art, mit zeitlichem Druck umzugehen, sowie sein Kreativitätspotenzial. Dazu lautete die Aufgabe: Was lässt sich alles mit einer Büroklammer anstellen? Noacks Fazit: »Das war alles sehr professionell.«

Das gibt's auch in Reutlingen

Rund achtzig studentische Unternehmensberatungen arbeiten in Deutschland. Dreißig von ihnen sind im Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen (BDSU) zusammengeschlossen, der mit der Beraterfirma Capgemini zusammenarbeitet.

Viele dieser studentischen Berater arbeiten - anders als bei Oscar - während des laufenden Semesters, also in ihrer Freizeit. So auch die derzeit knapp 30 aktiven Berater des Reutlinger International Marketing Consulting Teams (IMCT). Jeden Tag gut acht Stunden sitzen die Studenten des Aufbaustudiengangs Internationales Marketing im Hörsaal oder in Übungsräumen. Trotzdem engagiert sich jeder Fünfte im IMCT. »Wir haben hier eine klassische Win-Win-Situation«, erklärt Stefan Busch dieses Engagement. Der Professor an der European School of Business (einem Fachbereich der Reutlinger FH) hatte vor zehn Jahren die Idee einer studentischen Unternehmensberatung aufgebracht und betreut die IMCT nach wie vor - ehrenamtlich.

Die Vorteile für die Studenten: Sie knüpfen Kontakte und bereiten so einen Weg vor, der sie nach ihrem dreisemestrigen Aufbaustudium in eine Firma führen kann. »Und gar mancher verschwindet während der Beratung in den Unternehmen«, umschreibt Busch diese Vermittlung. Auch die Hochschule hat etwas davon, selbst wenn sie - aus rechtlichen Gründen - lediglich ideelle Unterstützung geben darf: »Wir bringen Leute in Lohn und Brot.« Ein Trumpf, der in Zeiten eines enger werdenden Arbeitsmarktes sticht und der ESB beim Werben um künftige Studenten einen Vorsprung vor anderen Hochschulen verschafft. Und selbst die Professoren gewinnen: »Wir haben hier einen engen Kontakt zu den Studenten«, erzählt Busch. Deshalb sei es »eine ganz persönliche Befriedigung«, wenn er bei der Jobvermittlung behilflich sein kann.

Für die Akteure geht es also eher um langfristige Ziele. »Den Leuten kommt es weniger auf die Bezahlung an«, bestätigt auch Noack, der bei Oscar 400 Euro im Monat verdient hat, zuletzt jedoch als Stabsleiter Verantwortung für den gesamten Finanzbereich getragen hat. Auch er hat als »Oscarianer« Kontakte zur Beratung Accenture geknüpft, wo sein »Lebenstraum« weiter gehen könnte. Dennoch fiel ihm der Abschied aus Köln schwer: »Ich bin in Gedanken immer noch dabei.« (GEA)

Das Thema

Ausbildung - Studenten als Unternehmensberater: Joachim Noack aus St. Johann hat's ausprobiert und ist begeistert

Links:

www.oskar.de
www.imct.de
www.bdsu.de