Mittwoch, 08. September 2010

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22. 7. 2006

Eine Sommer-Träumerei

Die Luft flirrt. Die Computermaus klebt an meiner Hand, Schweiß tropft auf die Tastatur, kein Windhauch lässt die Papiere auf dem Schreibtisch rascheln. Die Buchstaben auf dem Bildschirm vor mir verschwimmen, Saharahitze lässt die Sinne schwinden.

Deutschland ist verrückt und liegt jetzt irgendwo am Äquator. Vom Zenit herab brennt die glutheiße Sonne Löcher in den Asphalt. An den Bistro- Tischen vor meinem Lieblingscafé weicht der Straßenbelag auf und verschluckt ganze Stühle mitsamt den Gästen. Alle suchen den Schutz des Schattens, nur die Engländer wollen weiterhin um 12 Uhr mittags braun werden.

Ich schlendere durch die Stadt und sehe in den Brunnen die Kinder plantschen. Die Angestellten latschen nur noch in Flip-Flops ins Büro, und hie und da wird sogar ein Consultant in einer Siebenachtel-Hose gesehen.

Leicht bekleidet dösen die Damen und Herren aus der Mittelschicht in den Einkaufsmeilen, sitzen bis tief in die Nacht auf dem Marktplatz und besetzen Räume, die einstmals den Punks vorbehalten waren. Die grämen sich ? aus ist?s mit der Antihaltung. Deshalb werden sie fortan nur noch in Anzug und Krawatte gesehen.

Das Rathaus ist verwaist, die Beamten hocken in den Parks und lassen freakig die Flasche kreisen. Manche tanzen nach afrikanischen Rhythmen, und mutige Mädels sehe ich in Bananenröckchen, wie sie einst von Josephine Baker getragen wurden. Marodierende Horden ziehen durch die Straßen und schlagen wahllos in jedem Auto die Scheiben ein ? es könnte ja ein Baby darin sitzen kurz vor dem Hitzetod.

Das Leben wird öffentlich und Deutschland ein kollektiver Campingplatz. Der Marktplatz wird geflutet und die Innenstadt zur Partymeile ausgebaut. Meine Oma zieht nur noch Tops mit Spaghettiträgern an und der Opa schiebt seine Sonnenbrille so lässig hoch wie Flavio Briatore. Angie Merkel gibt nur noch im Bikini Pressekonferenzen und Außenminister Steinmeier pflegt auf Dutzenden Auslandsreisen plötzlich die innigen politischen Kontakte zu Grönland. Kabinettsitzungen werden im Swimmingpool abgehalten, niemand regt sich mehr über Zugverspätungen auf und Samba wird Pflichtfach an Schulen.

Da klingelt das Telefon, der Chef möchte mich sehen. Ich schau auf die Straße: alles wie immer. Also stehe ich auf, richte den Krawattenknoten und gehe aus dem Büro. (GEA)

Eine Lästerei