Montag, 06. Februar 2012

www.grabowski.de > text > dies & das

 

29. 10. 2005

Gesund macht, was Spaß macht

Sebastian schraubt den Karabiner auf, löst den Knoten und streckt seine Arme nach vorn. Die Unterarme sind leicht geschwollen, auf den Innenseiten zeichnen sich deutlich die Adern ab. »Hey, die Muskeln werden fett«, ruft er.


Oben angekommen! Ab jetzt klettert Marie-Sophie waagrecht weiter wie eine Fliege an der Decke.
FOTOS: MARKUS NIETHAMMER

Ein paar Meter weiter hängt die 16-jährige Iris am Haken. Mit einem Fuß steht sie zwar noch auf einem kleinen, gelben Klettergriff, der etliche Meter überm Hallenboden an der Steilwand festgeschraubt ist. Doch die nächsten Züge würden waagrecht unter der Decke weiterführen. Fürs Erste reicht's ihr und sie lässt sich, im Klettergurt sitzend, wieder nach unten ab. »So, und jetzt haben wir da noch eine tolle Route«, lacht der Klettertrainer Sascha Weber und nimmt die Kursteilnehmer mit zu einem Wandstück, an dem als Griffe und Tritte nur noch feinste Rillen zu erahnen sind.

Es ist ein Montag Nachmittag in der Kletterhalle bei Emka in Hirschau. Der Holzboden gibt leicht nach unter den Schritten, immer wieder zischt ein feines Surren und ein metallisches Klingen durch den zehn Meter hohen Raum. Es sind die Töne, die Klettererherzen höher schlagen lassen: Seile, die durch Umlenkhaken sausen, und Karabiner, die an die Kletterwand trommeln.

Die Jugendlichen tummeln sich in der großen Halle, probieren Routen aus, testen an Übungsaufbauten die Kraft ihrer Unterarme oder lassen sich im Boulderbereich in die dicken Weichbodenmatten fallen. Sie haben ihren Spaß und doch steht ein ganz ernstes Anliegen hinter ihrem Toben. Sie leiden unter Skoliose, einer seitlichen S-förmigen Verkrümmung der Wirbelsäule. Skoliose kann während der Wachstumsphase auftreten, Mädchen sind viermal so häufig davon betroffen wie Jungen.


Sascha Weber glaubt an den Erfolg therapeutischen Kletterns.

Die Gipfelstürmer in der Kletterhalle leiden unter einer leichten Verdrehung. »Ich spüre es nur bei Belastungen, etwa beim Barrenturnen oder Snowboardfahren. Dann habe ich Schmerzen in der linken Schulter«, erzählt der 16-jährige Sebastian. Auch die 14-jährige Katrin hat normalerweise keine Beschwerden. Zu sehen ist die Skoliose auch nicht. Und doch, da sind sich die Ärzte einig, muss sie beizeiten behandelt werden, damit sie nicht schlimmer wird und damit im Alter keine Abnutzungsbeschwerden auftreten. Eine Behandlungsmöglichkeit ist Klettern. Glaubt zumindest der Tübinger Sportstudent Sascha Weber, der im Rahmen seiner Diplomarbeit diese Therapie untersucht. »Klettern ist eine sehr symmetrische Sportart, die mit Händen und Füßen gleichzeitig ausgeführt wird«, erklärt er. Außerdem komme es zu keinen »muskulären Disbalancen«. Denn anders als beim Hantieren mit Hanteln und Gewichten werde beim Klettern der ganze Körper trainiert. Es ist ein ganzheitlicher Sport.

»Wir sind hier näher an der Realität als im Kraftraum, wo ja nur ganz spezielle und einzelne Muskeln angespannt werden«, sagt der Sportmediziner Walter Rapp, einer der beiden Betreuer der Studie. Und ergänzt: »Klettern führt zu einer gut kontrollierten Rumpfstabilität. Außerdem kann der Trainer beim Zuschauen sehr gut die Bewegungen kontrollieren und gegebenenfalls korrigieren.«

Eine Vorläuferstudie, die im vergangenen Jahr ebenfalls in Tübingen erstellt wurde, habe zudem gezeigt, dass »durch Klettern die allgemeine Kraft verbessert wurde«. Für den Sportmediziner ist klar: »Bei jeder nicht hochgradigen Skoliose ist Klettern eine gute Möglichkeit, das muskuläre Korsett zu stärken.«

Derzeit verschreiben Ärzte vor allem Krankengymnastik, referiert Rapp. Eine Therapieform, die durchaus ihr Gutes hat: »Bei ganz spezifischen Problemen ist eine spezifische Physiotherapie sicherlich die erste Wahl.« Dennoch seien leichtere Formen der Skoliose über therapeutisches Klettern besser in den Griff zu bekommen. Sagt er und schiebt einen weiteren Grund nach: die Motivation. Damit die Krankengymnastik anschlägt, müssen die erlernten Übungen regelmäßig ausgeführt werden. Wozu viele Jugendlichen irgendwann keine Lust mehr haben. Die Tübingerin Gabriele Petzold kann davon ein Lied singen: »Unser Sohn bekommt schon zwei Jahre lang Krankengymnastik. Aber einen Erfolg sehen wir nicht.« Die Mutter ergänzt: »Ich weiß auch, dass Daniel die Übungen nicht regelmäßig macht, manchmal auch nicht sehr sauber und korrekt.« Beim Klettern sei das anders, hier seien ihr elfjähriger Sohn, aber auch die anderen Jungs und Mädels mit Eifer dabei. »Das ist eine ganz klasse Idee.«

Auch für Sascha Weber ist das ein wichtiger Faktor für den Behandlungserfolg: »Klettern macht einfach Spaß«, sagt der Diplomand und deutet auf die Jugendlichen, die fasziniert vor der künstlichen Kletterwand stehen. »Das ist ein toller Anreiz für sie, unterm Dach, in fünf oder sechs Metern Höhe, zu hängen.« Sebastian ergänzt: »Das Tolle ist, über seine eigenen Grenzen zu gehen.« Und die 16-jährige Iris sagt: »Wenn man oben ist, da freut man sich.«

Doch auch wenn Weber therapeutisches Klettern »im Aufwind« sieht, werden die Kosten nicht von den Krankenkassen übernommen. Die beiden Kurse mit insgesamt knapp 20 Jugendlichen werden im Rahmen der Studie von der Uni Tübingen getragen. Bis Mitte Dezember werden die Kurse noch dauern, dann schreibt Weber die Ergebnisse der Studie zusammen. Doch manche Jugendlichen haben schon jetzt Blut geleckt und wollen weiterhin Gipfel erstürmen. Iris und Marie-Sophie jedenfalls sind Feuer und Flamme und wollen ihren Klettergurt auch weiterhin an den (Karabiner-)Haken hängen. (GEA)

Das Thema

Tübinger Wissenschaftler arbeiten daran, skoliosekranke Kinder mit Klettern wieder fit zu machen.