Montag, 06. September 2010

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24.7.2004

Ein Trainingslager für die Wildnis

Helle Aufregung um Barbarossa. Pfleger eilen herbei, schauen unter die Sträucher, drehen Steine um und scharren im Sand. Sie suchen nach einem kleinen, schwarzen Gummistöpsel. Doch der fehlt. Sollte Barbarossa, der Bartgeier, ihn verschluckt haben? Mit seinen drei Jahren ist er für Geierverhältnisse fast noch ein Kind. Und wie alle Kinder hat auch er viel Unfug im Sinn. Doch an diesem Morgen sollte seine Neugierde noch für viel Wirbel sorgen.


Jonas im Anflug: Der 19-jährige europäische Seeadler landetsicher auf der Hand von Bettina Fentzloff. Die Vögel der Deutschen Greifenwarte sind nicht abgerichtet oder dressiert. Wenn sie zurückkommen, dann immer nur freiwillig. Und wenn das Flugwetter gut ist, schaukeln die Vögel gern mal getragen von steilen Aufwinden einige Stunden über dem Neckartal. FOTO: PRIVAT

Geier sind Allesfresser, richtige Müllschlucker. In ihren Mägen schwappt eine ätzende Salzsäure, die mit so ziemlich allem fertig wird, was hinuntergestopft wird. Selbst Knochen werden verdaut. Und leider auch Gummistöpsel, die sich in giftige Bestandteile auflösen. »Was machst du uns denn nur für Kummer?«, fragt Bettina Fentzloff, während sie ihrem Schmusevogel den Hals streichelt.

Claus Fentzloff, ihr Mann, eilt herbei. Er hat ein Fernsehteam sitzen lassen und pfeift auf einen Pressetermin, um sich um den Vogel zu kümmern. Vorsichtig betastet er die Brust und den Magen des Tiers. Nein, im Kropf ist nichts. Wenn der Racker den Stöpsel verschluckt hat, dann ist er bereits in den Magen gewandert. Ein kurzer Blick zwischen den Eheleuten, dann steht fest: Barbarossa muss schleunigst zum Röntgen..

»Tja, so unstet ist der Alltag bei uns«, sagt Fentzloff einem zuschauenden Besucher und geht, weil er für den Transport zum Tierarzt sorgen muss. Alltag in der Deutschen Greifenwarte auf Burg Guttenberg nahe Heilbronn. Seit 34 Jahren kreisen über dem 1180 erbauten Gemäuer Adler, Uhus und Geier. 1970 war Claus Fentzloff mit seiner Notaufnahme- und Pflegestation hier eingezogen, nachdem ihm der Platz auf Hohenbeilstein zu eng wurde. 3 000 Quadratmeter Fläche in den Außenanlagen der Burg hat er für die von ihm aufgebaute und betriebene Greifenwarte angemietet..

In Deutschland sei es die erste privat finanzierte Forschungs- und Aufzucht-station für Greifvögel, betont der Ornithologe. Noch immer bekommt er keine staatlichen Zuschüsse und sieht die Vorteile darin: »Ich bin mein eigener Herr. Niemand redet mir dazwischen.« Die Greifenwarte, immerhin ein Unternehmen mit zwölf Angestellten, wird vor allem mit den zweimal am Tag organisierten Flugschauen finanziert, in deren Verlauf Adler und Eulen im Tiefflug nur wenige Zentimeter über den Zuschauer hinweg gleiten..

Der »airport«, der Flughafen, liegt auf einem kleinen Vorplatz, der sich unter die hohe, grau-braune Burgmauer duckt. Gellende, laute Schreie von drei Seeadlern empfangen die Zuschauer, die auf der Tribüne Platz nehmen. Ein Ordner achtet darauf, dass die Besucher schnell durchgehen. Die Adler mit ihren tief liegenden Augen und ihrem großen, scharfen Schnabel fixieren die Menschen. Wippend sitzen sie auf kleinen Holzschemeln, um ihre Beine liegen Lederriemen. Ebenso aufgeregt sind die Zuschauer, plappernd und kichernd sitzen sie auf den Holzbänken.

Dann kommt Bettina Fentzloff: Ihre linke Hand steckt in einem zu groß geratenen, ledernen Handschuh, auf dem sich eine weiße Schneeeule festkrallt. Deren helmartiger Kopf dreht sich wie ein Radar, aus kreisrunden, großen, gelben Augen mustert sie die Umgebung. Die zierliche, sympathische Flugbegleiterin krault dem Vogel den Hals, während sie routiniert mit der Vorführung beginnt. Eine gute Stunde lang lässt Bettina Fentzloff Seeadler im Sturzflug ihre Beute holen, präsentiert Uhus und lockt Geier an, die lustig hüpfend über die Burgmauer tänzeln.

»Geier sollten unsere Vorbilder sein, weil sie die Umwelt sauber halten«

Und immer wieder der Hinweis, kleine Kinder nahe bei den Erwachsenen sitzen zu lassen, vor allem aber ja nichts Essbares offen liegen zu lassen. Die Greifvögel mit ihren scharfen Augen würden sich sofort darauf stürzen, würden auf den Köpfen der Zuschauer landen und ihnen den Happen aus den Händen picken.

Denn auch wenn die Vögel augenscheinlich ebenso routiniert an der Vorführung teilnehmen: Sie sind wilde Tiere; die meisten sind nur für die kurze Zeit der Aufzucht oder Pflege an den Menschen gewöhnt. Für sie ist die Flugschau nicht Gaudi, sondern Teil ihres Trainings, das sie auf das Leben in Freiheit vorbereitet. Während der Schau appelliert die gelernte Grafikerin an ihr Publikum: »Geier sollten unsere Vorbilder sein, weil sie die Umwelt sauber halten. Das sollten wir auch tun.« In diesen Momenten wird aus dem freundlichen, locker mit seinem Publikum plaudernden »Darling« eine energische Frau, eine überzeugte Umweltaktivistin.

»Wir wollen den Menschen die Schönheit der Natur zeigen, sie informieren«, sagt Claus Fentzloff. Er spricht ruhig, ein Kranz aus weißen Haaren umrahmt sein braun gebranntes Gesicht.

Seit fünfzig Jahren engagiert sich der Ornithologe für bedrohte Tiere; beringt in Deutschland Eulen, siedelt in Böhmen Seeadler an, wildert auf Mallorca Mönchsgeier aus. Im Garten seines Hauses begann einst, was heute ein Betrieb mit 150 Vögeln ist. Damals versorgte er verletzte Tiere: schiente gebrochene Flügel, gipste Beine, kümmerte sich um Gehirnerschütterungen von Eulen, die geblendet vom Scheinwerferlicht ­gegen fahrende Autos geprallt waren. In den 60ern begann er mit der Zucht und dem Auswildern von Uhus, deren Bestand damals in Deutschland stark gefährdet war.

Seine erste Auswilderung von Seeadlern 1975 ist nach wie vor auch die spektakulärste: Zwölf Seeadlerküken setzte er in Adlerhorste in Schleswig-Holstein. »Ich war der erste, der's versucht hat. Das war ein Pilotprojekt.« Mittlerweile hat sich der Bestand in Norddeutschland erholt. »Heute haben wir dort wieder 48 Jungadler«, freut er sich.

Fentzloff kann mit seiner Bilanz zufrieden sein. In ganz Europa fliegen über 400 Seeadler, die teilweise schon in dritter Generation aus seinen Züchtungen stammen. Verschiedene Geier- und Eulenarten stehen nicht mehr auf der Roten Liste auch dank seiner Arbeit.

Doch noch immer verenden zahllose Greifvögel, weil sie Giftköder gefressen haben oder auf ungesicherten Strommasten gelandet waren. Den Mut verlieren die Fentzloffs trotzdem nicht. »Vielleicht besinnt sich der Mensch irgendwann«, hofft der Naturschützer. Nicht resignieren, sondern machen, lautet seine Devise. Er weiß: »Es bleiben immer wieder Sandkörner hängen.« Nicht nur im Großen, auch im Kleinen beginnen und sich kümmern. So wie um Barbarossa, den kleinen Strolch, dem der Tierarzt mit einer Sonde den Gummistöpsel aus dem Magen holen musste. Jetzt fliegt er wieder und zieht seine Kreise über Burg Guttenberg.

Reutlinger General-Anzeiger

Das Thema

Die Deutsche Greifenwarte pflegt kranke Vögel und hilft bei der Erhaltung bedrohter Tierarten.