Montag, 06. September 2010

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15.2.2002

Der Tower 24 in der Kritik

Eigentlich eine gute Idee: Im Internet nicht nur Bücher und Cds, sondern auch Milch, Brot und Salat bestellen, auf dem Weg heim an einem Automaten die Sachen dann abholen. Endlich entfällt das Schlange stehen im Supermarkt, auch keine unnötige Warterei mehr im Einkaufsladen. Das Fraunhofer-Institut will mit dem "Tower 24" diesen Traum verwirklichen _ der GEA hatte im September letzten Jahres darüber berichtet. Dieser Artikel war für einen Kurs der Reutlinger IHK Anlass, das Konzept genau unter die Lupe zu nehmen. Ihr Fazit: Klingt vielleicht nett, wird sich aber nicht rentieren.

"Rein gefühlsmäßig haben eigentlich alle Teilnehmer gesagt: Das rechnet sich nicht", erzählt Stefan Heßmann, der Leiter des Kurses, in dem Lager- und Logistikfachleute ausgebildet werden. Doch die Teilnehmer wollten es genau wissen und erstellten im Rahmen einer Projektarbeit eine umfangreiche, betriebswirtschaftliche Analyse. Mit Hilfe einer Tabellenkalkulation sind sie in der Lage, detailliert die Prozesse und anfallenden Kosten zu verzeichnen; von Investitionen bis hin zu Fahrzeugkosten oder der Zeit, die ein Arbeiter benötigt, um den "Tower 24" zu bestücken.

Vorteil des Systems: Werden Grundannahmen oder einzelne Parameter verändert, rechnet der Computer blitzschnell das neue Ergebnis aus. Damit lässt sich von Anfang an die wirtschaftliche Basis und der Erfolg eines Projekts abschätzen.

Und der scheint beim "Tower 24" recht vage zu sein. "Das Konzept rechnet sich nur, wenn eine Paketgebühr verlangt wird", erklärt Heßmann. Für Reutlingen, referiert der Fachmann, müssten drei solcher Tower aufgestellt werden. Die übers Internet bestellten Waren werden in den 150 bis 200 Schließfächern im Tower eingelagert, die Kunden holen sie mit einem Zugangscode dann ab. Augenscheinlicher Vorteil des Systems: Die letzte Meile entfällt, Warenströme werden gebündelt.

Dennoch müssen die Waren auch zum Tower geliefert, muss die Infrastruktur bereitgestellt werden. Eine Amortisation ist laut den Berechnungen des Kurses nach etwa neun Jahren erfolgt. Viel zu lange für einen wirtschaftlichen Erfolg. Nur bei einer Paketgebühr von etwas drei Mark, so die Berechnungen der Reutlinger, rentiert sich's schneller.

Interessantes Ergebnis und vor allem , finden Logistikunternehmen. Schon stehen die Post und Aral auf der Matte, sich die Berechnungen und das Know-how zu sichern. Denn beide haben bereits ein eigenes, gemeinsames Verteilungskonzept für diese "letzte Meile" in Arbeit, sagt Heßmann.

Ein schöner Erfolg für die Teilnehmer, die sehr viel Zeit in die Erarbeitung des Werkzeugs gesteckt haben. Doch auch in ihren späteren Jobs werden sie viele Anwendungsgebiete dafür finden. Auch wenn der berufsbegleitende Kurs "Lagerwirtschaft" heißt und damit eher dröge Assoziationen weckt: Nach zwei Jahren besitzen die Teilnehmer umfangreiches Know-how, das in der Wirtschaft mehr als gefragt ist.

Denn anders als es der Ausbildungstitel verrät, lernen die angehenden Meister Lagerwirtschaft alle Aspekte des kompletten logistischen Kreislaufs kennen: Vom Lieferanten, über das eigene Unternehmen bis hin Kunden und wieder zurück. "Lagerwirtschaft ist wesentlich breiter gefasst als nur Logistik", sagt Wulf Straub, Fortbildungsleiter der IHK. Und ergänzt: "An diesem Kurs nehmen zum größten Teil Führungskräfte teil. Lagerwirtschaft ist heute Hochtechnologie."

Die IHK hat vor drei Jahren diesen Kurs ins Programm genommen, ihm allerdings mit eigenen Schwerpunkten ein eigenes Profil gegeben: Entsprechend der regionalen Infrastruktur werden die Teilnehmer breitgefächerter ausgebildet: Sowohl fürs Lagerbusiness im Textilbereich, als auch in der Elektrotechnik, dem Automobil- und dem Chemiesektor.

Reutlinger General-Anzeiger