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5.7.2002 Lernen ist kein ComputerspielExperten diskutieren Chancen und Risiken der neuen Informationstechnologien Neue Medien taugen nicht als Kitt für gesellschaftliche Risse. Auch mit der weiteren Verbreitung des Internets bleiben die Chancen ungleich verteilt, mehr noch: Durch die neuen Technologien wird sich die Schere sogar noch weiter öffnen. Darin waren sich die Referenten und Diskussionsteilnehmer der siebten Baden-Badener Sommerakademie zum Thema "Digitale Spaltung?" einig. Denn im Internet tummeln sich in der Mehrzahl diejenigen, die sowieso auf der Sonnenseite des Lebens stehen: Leute mit gutem Bildungsabschluss und überdurchschnittlichem Einkommen. Menschen mit schlechter Ausbildung finden dagegen nur schwer Zugang zu den neuen Techniken. Dr. Walter Klingler von der SWR-Medienforschung kommt zum Ergebnis: "Onlinespaltung ist Teil gesellschaftlicher Segmentierung, verschärft durch ein neues Medium." Entsprechend passt sich die Nutzung von Internet und Neuen Medien der Milieusituation in Deutschland an. Onliner - Leute also, die sich gern und oft im Netz tummeln - rekrutieren sich seinen Analysen nach aus den gesellschaftlichen Leitmilieus. Auf Einladung des SWR, der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG) sowie der Landeszentrale für politische Bildung diskutierten Experten aus Wissenschaft, Politik und Medien über die gesellschaftlichen Folgen der neuen Informationstechnologien. Dabei ging es auch um Strategien und Chancen der gesellschaftlichen Änderungen. Computerkurse und sogenannte Internet-Führerscheine sollen eine digitale Spaltung der Gesellschaft verhindern. Die baden-württembergische Landesstiftung hat deshalb das Projekt "Start und Klick" aufgelegt, mit dem entsprechende Schulungen bezuschusst werden. Rund 7.000 Kurse mit insgesamt etwa 70.000 Teilnehmern haben seit September vergangenen Jahres von diesem Programm profitiert, erzählte Dr. Claus Hoffmann von der Medien- und Filmgesellschaft des Landes. Von solchen kursorientierten Angeboten hält Dr. Herbert Kubicek dagegen recht wenig. "Bildungsferne Jugendliche erreichen Sie damit nicht", glaubt der Bremer Professor. Vielmehr müssen sich solche Angebote an der Lebenswelt bestimmter Gruppen orientieren: "Medien sind Erfahrungsgüter. Ihr Nutzen lässt sich erst beurteilen, wenn Erfahrungen mit ihnen gemacht wurden." Wie also lassen sich positive und damit motivierende Erfahrungen schaffen? Kubicek berichtete von einem durch digitale-chancen.de initiierten Projekt Bremer Jugendhäuser. Internetkurse fanden dort keine Teilnehmer. Als es jedoch darum ging, eine Disco zu veranstalten, bei der Musik nicht von CDs kommen, sondern aus dem Internet heruntergeladen werden sollte, wollten die Jugendlichen plötzlich mehr über den Umgang mit Computer und Browser wissen. Deswegen fordert Kubicek mehr Flexibilität und Kreativität bei der Einführung neuer Medien. Eine Vogel-Strauß-Politik warf dagegen Dr. Egon Hörbst den verantwortlichen Politikern vor: "Es gibt Wahrheiten, die kommen ohne uns zu fragen." Dazu gehört für ihn die technische Entwicklung in der Mikroelektronik, die gravierende Auswirkungen auf die Arbeitswelt haben wird. "Ein wegrationalisierter Arbeitsplatz kommt nicht wieder," sagte der Münchner Professor. Seiner festen Überzeugung nach geht die Rationalisierung weiter und wird vor allem immer höher qualifizierte Berufe erfassen. Auch die Richtung des technologischen Fortschritts sei eigentlich klar: "Die Forschungen für die Produkte der kommenden Jahre sind fertig. Wir wissen heute schon, wo wir 2010 stehen werden." Doch den meisten Politikern seien diese Erkenntnisse egal. Vor allem im öffentlichen Bildungsbereich sieht er große Defizite. Dagegen hätten etliche Unternehmen auf die Veränderungen reagiert. Siemens beispielsweise habe seine Weiterbildungssystem radikal umgekrempelt und setze dabei etwa stark aufs Internet. Vor reinem Aktionismus warnte dagegen Florian Rötzer, Chefredakteur des angesehenen Online-Magazins Telepolis. Computerkenntnisse allein sorgen seiner Meinung nach nicht für eine bessere Bildung. Er sieht vielmehr die Gefahr, dass "Lernen umgestellt wird auf das Computerspiel." Edutainment, also die Mischung von Unterhaltung und Lehre, bezeichnet er als "Humbug". Einig waren sich die Experten jedoch in einem Punkt: Deutschland hat noch etliche Hürden zu überwinden, um im Zeitalter der Informationstechnologien international mithalten zu können. |
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