Montag, 06. September 2010

www.grabowski.de > Text > Automobil

 

28.1.2003

Mit Erdgas quer durch die Republik

Auto fahren zu Großvaters Zeiten: Da gab's noch Abenteuer und Spannung. Jede Reise war ein großes Erlebnis und bot Stoff für Erzählungen und Berichte. Und heute? Außer dem kurzen Flirt im Autobahnstau gibt's nichts Nennenswertes zu berichten. Es sei denn, man fährt mit einem Erdgasauto quer durch die Republik. Bei einer solchen Reise steigt die Spannung mit abnehmender Tankfüllung. Ein Erfahrungsbericht.

Die Warnlampe blinkt. Der Zeiger der Tankuhr macht es sich am unteren Ende der Skala bequem. Es wird knapp werden. Schließlich benötigen wir nicht irgendeine Tankstelle. Unser Opel Zafira ist wählerisch. Er will nicht mit Benzin abgespeist werden, sondern möchte Erdgas getankt bekommen. So haben wir's uns vorgenommen, so werden wir's auch halten auf dieser Fahrt von Reutlingen über Quedlinburg nach Berlin.

Nürnberg liegt weit hinter uns, die nächste Erdgastanke gibt's erst in Halle an der Saale. Die Fahrt über die Autobahn gleicht einer Zitterpartie. Eine halbe Stunde vor Mitternacht erreichen wir Halle. Die freundliche Stimme des Navigationsgeräts weist uns den Weg in ein entlegenes Industriegebiet mit holperigem Kopfsteinpflaster und düsteren Straßen. Vor uns das Gelände der Stadtwerke. Doch der Pförtner schickt uns wieder zurück. An der Tanke, schnarrt es aus dem Lautsprecher, seien wir vorbeigefahren. Also umdrehen und tatsächlich: Hell erleuchtet steht die Zapfsäule am Straßenrand. Pech für uns: Sie ist stabil umzäunt, die Tore fest verschlossen. Etwas ratlos stehen wir davor und sehen am Gitter einen vergilbten Zettel kleben. Darauf, kaum zu erkennen, die Nummer der Gas-Störungsstelle.

In der Gewissheit, gleich mit einem Anrufbeantworter zu reden, presse ich das Handy ans Ohr. Es klingelt einmal, zweimal, schon meldet sich eine freundliche Stimme. Ich erkläre unser Anliegen. Und wieder die Gewissheit, eine Abfuhr zu erhalten. Ein Lachen oder einen ärgerlichen Verweis auf die späte Uhrzeit. Doch nichts dergleichen: Das sei doch kein Problem, meint der freundliche Herr am anderen Ende der Leitung. In 20 Minuten sei der Gasnotdienst zu Stelle und würde uns aufschließen. Uns wird klar: Wir sind nicht die ersten, die bei Nacht in Halle an der Saale den Erdgastank leergefahren haben.

Gerade mal knapp über 340 Erdgas-Tankstellen sind derzeit über Deutschland verteilt. Ein Ausflug quer durch die Republik will also gut geplant sein, zumal die Tanks des Opel Zafira lediglich für rund 300 Kilometer reichen. Übers Internet und eine beigelegte Broschüre mit den Standorten der einzelnen Tankstellen hatten wir vor Reiseantritt unsere Route ausgetüftelt.

Mit dieser Vorbereitung lässt sich die Fahrt von Süd nach Nord tatsächlich allein mit Erdgas bewältigen. Wenngleich etliche Umwege dazugehören. Denn Erdgas gibt's nicht an der Autobahn. Weil die meisten Tankstellen von öffentlichen Gasversorgern betrieben werden, liegen die Zapfsäulen zumeist in entlegenen Industriegebieten oder auf Werkshöfen. Ein Handy und ein Navigationssystem im Auto tun deshalb sehr gute Dienste.

Dafür jedoch tankt ein Erdgasauto-Fahrer günstig. Denn die Steuer auf Erdgas liegt rund 40 Cent unter der für Benzin. Zudem ist der Brennwert höher: Ein Kilo Erdgas entspricht grob rund anderthalb Liter Benzin. Ergibt eine Ersparnis der Treibstoffkosten von grob 30 bis 50 Prozent im Jahr.

Manchmal tankt es sich auch gratis, etwa im schönen Halberstadt. Wer im Ostharz unterwegs ist, kommt an der Erdgastanke der Halberstadtwerke nicht vorbei. Die Zapfsäule befindet sich auf dem Betriebsgelände. An einem Mittwoch Nachmittag, kurz vor zwei Uhr, stehen wir vor der geschlossenen Schranke. Ein Druck auf den Klingelknopf: Keine Reaktion. Ein zweiter Versuch und kommentarlos wird die Durchfahrt frei gemacht. Ganz hinten auf dem Gelände die Zapfsäule. Ranfahren, tanken und - keine Kasse, nirgends. Denn Mittwoch Nachmittag, so erfahren wir später, haben die Stadtwerke für den Publikumsverkehr geschlossen. Wir benötigen eine gute halbe Stunde, um unsere knapp acht Euro los zu werden. Mal hat die eine Mitarbeiterin wohl Wechselgeld, aber keinen Quittungsblock, mal ist der Block vorhanden, aber kein Zugriff auf die Kasse. Hätte es denn jemand bemerkt, wenn wir einfach davongefahren wären, fragen wir die bemühten Mitarbeiterinnen. Betretenes Schweigen genügt uns als Antwort.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel der Stadt Eberswalde, einige Kilometer östlich von Berlin gelegen. Die dortigen Stadtwerke engagieren sich seit 1998 für die Einführung von Erdgasautos. Sie bezuschussen den Kauf von Erdgasautos, organisieren Info-Veranstaltungen und kooperieren mit örtlichen Autohändlern. So hat es das 44000-Einwohner-Städtchen bundesweit auf die höchste Dichte an Erdgasautos gebracht. Über 125 Fahrzeuge sind dort zugelassen. Tendenz steigend. Die Tankstelle ist rund um die Uhr geöffnet und akzeptiert sowohl Tank- als auch ec-Karte.

So einfach ist es leider nicht überall. Immer mal wieder wurde die Kreditkarte nicht gelesen, war die Zapfsäule kaputt oder hat die Technik beim Tanken gestreikt. Für lange Fahrten, so unser Fazit, ist also zunächst mal eine akribische Planung, dann viel Geduld gefragt. Wer diese Nachteile in Kauf nimmt, spart nicht nur viel Geld, sondern hat auch viel Vergnügen bei zufälligen Begegnungen mit anderen Erdgasfahrern.

Reutlinger General-Anzeiger

Mehr Infos

gibt's unter www.gibgas.de und www.das erdgasfahrzeug.de.

Ein Praxisbeispiel

Dr. Thomas Goerlich fährt ein Erdgasauto. Aus Überzeugung und trotz widriger Umstände. Denn der Arzt wohnt auf der Alb, wo es weit und breit keine Erdgastankstelle gibt.

Fahrbericht

Volvo war eine der ersten Premium-Marken, die auf das bivalente Konzept gesetzt haben. Wir waren mit dem Volvo V70 bifuel unterwegs.