Und eines Tages fällt dir auf
Dass du 99% nicht brauchst
Du nimmst all den Ballast
Und schmeißt ihn weg
Denn es lebt sich besser
mit leichtem Gepäck …
(Silbermond)

Neulich musste ich meine Zweitwohnung in Reutlingen ausmisten. Es war nicht witzig, viel zu viel hatte sich über die Jahre dort angehäuft. Nun stand ich kurz vor der finalen Schlüsselübergabe und noch immer fand ich Kisten und alle möglichen Dinge auf der Bühne (hochdeutsch: auf dem Speicher), im Keller, in Schränken. Ich war schockiert.

Mit Freunden zusammen saßen wir am Abend zusammen und stellten fest, dass wir alle viel zu viele Dinge mit uns herumschleppen, dass wir unsere Wohnungen, ja unser ganzes Leben zustellen, vielleicht sogar „zumüllen“. Und wir waren uns einig, dass uns viele dieser Sachen überhaupt nicht glücklich machen.

Damit scheinen wir nicht allein zu sein. Seit einigen Jahren schon gibt es eine Bewegung, die das „weniger-haben“ propagiert: Stichworte sind „Lessness“ oder „Downsizing“; schon vor einigen Jahren hatte ich darüber einen Essay geschrieben. Ein interessanter Vertreter dieser Bewegung ist der US-Amerikaner Dave Bruno, der 2010 seine „100 Things Challenge“ ins Leben gerufen hat: Mit dieser Selbstverpflichtung wollte er nur noch ganze einhundert Dinge zu besitzen. Zählen Sie mal nach bei sich daheim: Unter Garantie besitzen Sie bedeutend mehr!

Jedenfalls klagten bei dem abendlichen Gespräch in Reutlingen viele Freunde darüber, zu viel zu haben – und dennoch nicht die Kurve zu bekommen, Sachen rauszuwerfen. Doch was hindert sie wirklich daran, sich von Dingen zu trennen? Was ist so schwierig dabei? Diese Fragen sind auch zentral bei etlichen Coachings und vor allem in den Workshops, die ich zum Thema „Produktives Arbeiten“, „Zeitmanagement“ oder „Büro-Organisation“ veranstalte. Der Wille ist bei vielen deutlich, doch an der Umsetzung hapert es.

Der erste Schritt: Die Entscheidung

Mir ist bei diesem Thema ein ganz grundlegender, fundamentaler Denkfehler aufgefallen: Viele entscheiden sich nicht wirklich!

Viele handeln nach dem Motto „Wasch mir den Pelz, aber mach‘ mich nicht nass“. Soll heißen: Sie treffen keine Entscheidung. Sie würden zwar gern, sagen es auch, aber: Sind sind nicht bereit, die Konsequenzen zu tragen. Sie wollen nicht den Preis zahlen, den eine Entscheidung hat. Und jede Entscheidung hat ihren Preis! Der ist häufig hoch, denn sobald ich mich für etwas entscheide, entscheide ich mich gleichzeitig gegen anderes. Und meistens gegen vieles andere.

Diese Leute glauben also, sie könnten entrümpeln ohne Reue und ohne Kosten. Doch das funktioniert nicht. Auch Entrümpeln kostet: investierte Zeit, womöglich investiertes Geld, vor allem aber eine große Unsicherheit: Werfe ich etwas zu früh weg, kann ich es noch brauchen? Werde ich diese Entscheidung bereuen? Diese Unsicherheit erzeugt Angst, das ist meine Erfahrung aus Workshops und Coachings.

Und genau dieser fundamentale Denkfehler – ich könnte mich entscheiden ohne Konsequenzen tragen zu müssen – ist das größte Hemmnis beim Ausmisten.

Was also ist zu tun?

Gut gerüstet für den Umzug

Sinnvoll ist es, sich zunächst ernsthaft zu überlegen, ob ich mich wirklich, wirklich von Dingen trennen möchte. Ich muss mir also klar machen, wie viel es mir wert ist, mit weniger Sachen zu leben. Oder anders formuliert: Welche Kosten ich zu tragen bereit bin. In der oben erzählten Situation war es klar: Ich hatte sehr viele Sachen in Reutlingen, ich hatte nur ein kleines Auto und habe in Darmstadt wenig Platz. Der Aufwand, diese Dinge zu behalten, wäre also recht groß gewesen. So fiel es mir leicht, mich davon zu trennen.

Um also zu Entrümpeln, muss die Unzufriedenheit groß genug sein. Nur so kann ich die unangenehmen Seiten des Entrümpelns tragen. Diese erste, grundlegende Entscheidung muss also stehen, um die darf ich mich nicht drücken. Doch viele Menschen umgehen sie. Die Folge ist Lamentieren: Eigentlich wollen sie ja, aber die Umstände und überhaupt … Sie jammern und sind die Hölle für andere.

Die inneren Zweifler und wie mit ihnen umgehen

Was dieser ersten grundlegenden Entscheidung folgt, sind erlernbaren Techniken. Tricks, um mit den inneren Zweiflern oder mit gelernten Geboten umzugehen. Einige dieser inneren Sätze stelle ich vor.

„Das ist noch gut, das könnte man noch brauchen …“

In die gleiche Kategorie fällt auch der empörte Ausruf „das ist doch kein Müll!“. Natürlich sind viele Dinge, von denen wir uns trennen, kein Müll. Und ich verstehe, dass es vielen schwer fällt, funktionstüchtige Dinge in die graue Tonne zu kippen. Deshalb ist es wichtig zu wissen: Ich möchte das Ding nicht mehr haben, aber für andere kann es noch wertvoll sein. Deshalb lohnt es sich, solche Sachen zu verkaufen oder an Freunde zu verschenken. Ich mag die Vorstellung, dass diese Dinge bei lieben Menschen weiterleben.
Besser als wegwerfen ist es aber auch, Sachen an Fremde zu verschenken – viele Zeitungen bieten kostenlose Anzeigen an, in vielen Städten gibt es Repair-Cafés oder Gebrauchtwarenkaufhäuser, auf Facebook haben sich Flohmarktgruppen etabliert. In meinem Wohnviertel genügt es, Dinge vor die Haustür zu stellen mit dem Zettelchen „zu verschenken“ drauf.

„Das war teuer.“

Ja, das ist vor allem bei technischen Geräten häufig so: Ich hatte noch eine große Kiste mit alten, analogen Spiegelreflexkameras und massenhaft Zubehör. In der Anschaffung waren sie sehr teuer, und heute sind sie nichts mehr wert. So ist es. Doch was kostet es mich, diesen „Kruscht“ zu behalten? Denn auch Aufbewahrung verursacht Kosten: Ich benötige den Platz, ich muss mich darum kümmern, ich muss es immer wieder hin und her räumen oder abstauben.

„Das hat mir jemand geschenkt.“

Ja, die Sentimentalität. Ich finde: Auch wenn mir Dinge geschenkt wurden, bin ich nicht verpflichtet, sie unbedingt aufzuheben. Niemand kann mich zwingen (oder durch freundliche Gesten dahin bringen), mir meine Wohnung mit Sachen vollzustellen, die ich nicht mag oder die mir zu viel sind.

„Es ist eine schöne Erinnerung.“

Doch kann ich diese Erinnerungen würdigen, wenn es zu viele von ihnen gibt? Oder wenn sie in irgendeiner Kiste auf dem Dachboden vermodern? Besser, einzelne Erinnerungsgegenstände behalten und ihnen einen wirklich schönen Platz bieten – und den Rest nochmal anschauen und dann weggeben.

„Ich brauche das Chaos um kreativ zu sein.“

Dann haben Sie sich um die erste, fundamentale Entscheidung gedrückt: Wollen Sie überhaupt weniger Sachen haben? Wenn nicht, ist doch alles prima. Niemand zwingt Sie, in einer cleanen, durchgestylten, leeren Wohnung zu leben, nur weil der Zeitgeist gerade in diese Richtung weht. Wer es gern bunt und voll mag, sollte auch so leben. Es gibt schließlich kein allgemein gültiges Gesetz fürs gute Leben!

Wer hat Lust bekommen, sich von Altem zu trennen? Schildern Sie mir doch Ihre Erfahrungen. Ich freu mich drauf.