„Wenn du nicht wärst, würde ich ein glücklicheres Leben führen!“ „Mein Chef mag mich einfach nicht, deshalb stockt meine Karriere!“ „Immer werden die anderen bevorzugt, auf mich nimmt niemand Rücksicht!“

Kennen Sie solche Sätze? Kennen Sie Menschen, die im Leben immer zu kurz kommen – und damit ihrem Umfeld gehörig auf die Nerven gehen? Ihre Angehörigen beschimpfen und manipulieren?

Die Rede ist von Menschen, die andere für ihr Unglück verantwortlich machen – und die gleichzeitig jegliche eigene Verantwortung für ihr Leben abgeben. Von Menschen, die scheinbar machtlos sind und gleichzeitig andere drangsalieren mit ihren dauernd vorgetragenen Wünschen und unausgesprochenen Forderungen. Die sich als die vom Leben Gebeutelten stilisieren und doch die Zügel in der Hand halten. Die Rede ist von Opfern.

Als Opfer macht ein Ehepartner den anderen für sein Unglück verantwortlich: „Nie nimmst du Rücksicht auf mich.“ „Wenn du mich lieben würdest, würdest du wissend, dass ich das nicht mag!“ Solche Sätze haben massives neurotisches Potenzial und untergraben das Selbstbewusstsein desjenigen, der ihnen im Dauerfeuer ausgesetzt ist.

Lassen Sie uns also genauer anschauen, wie und in welchem Umfeld Opfer agieren. Doch vorweg eine Klarstellung.

Opferrolle und Opferposition

Um wen geht es mir in diesem Text? Mir geht es nicht um Menschen, die etwas erleiden mussten. Wer beispielsweise in einen Unfall verwickelt oder wer überfallen wird, der wird (durch Definition und Wortbedeutung) zum Opfer. Denn ihm wurde etwas angetan. Diese Menschen befinden sich, so möchte ich es hier benennen, in einer Opferposition. Um diese Menschen geht es mir nicht.

Vielmehr beschreibe ich hier als „Opfer“ diejenigen, die sehr wohl aktiv sein könnten, es aber nicht sind. Indem sie jammern und lamentieren, wenig Verantwortung für ihr Leben übernehmen und anderen die Schuld für ihr Unglück und Leid zuschieben, spielen sie die Rolle des Opfers.

Ich möchte diesen Unterschied an einem sehr persönlichen Beispiel verdeutlichen. Mein Vater wurde als Soldat im Zweiten Weltkrieg im fast noch jugendlichen Alter schwer verwundet: ihm wurden beide Beine abgeschossen. Er war also Opfer des Krieges. Doch Zeit seines Lebens har er sich nicht als Opfer gefühlt oder gar definiert: Ja, ihm haben beide Beine gefehlt und doch hat er deshalb nicht gejammert und nicht mit seinem Schicksal gehadert, sondern er hat das Beste daraus gemacht und sein Leben in die eigenen Hände genommen.

Opfer sind für mich im Folgenden also Menschen in einer Opferhaltung oder -rolle.

Das Dramadreieck

Das Drama-Dreieck

Das Drama-Dreieck.
Bild: Ralf Grabowski

Wie auch das Theater spielt das wahre Leben mit unterschiedlichen Rollen. So sind mit der Opferrolle untrennbar zwei weitere Rollen verbunden: die des Täters und die des Retters – obgleich Täter und Retter durchaus dieselben Personen sein können und die Rollen hin und wieder auch getauscht werden.

Wer sich als Opfer fühlt, benötigt einen Täter – die wenigsten begnügen sich damit, nur aufs Schicksal zu schimpfen. Sei es der Nachbar, der Partner, die Kollegen oder Kinder (immer wieder gern auch die eigenen Eltern oder Geschwister): Irgendjemand hat schon Schuld an der eigenen Misere, irgendjemandem wird die Verantwortung zugeschoben. Nimmt der „Täter“ (auch hier ist wieder die Täterrolle gemeint!) diese Schuld auf sich, kann sich ein recht stabiles und langlebiges Ungleichgewicht einpendeln: Beide sind zwar nicht glücklich, müssen aber auch keine Initiative ergreifen, das Leben zu ändern.

Meistens jedoch folgt früher oder später der Auftritt des Retters (auch hier ist die Rolle gemeint!). Er nimmt sich dem Opfer an, versteht es, will ihm helfen und geht mitunter barsch gegen den Täter vor. Doch so sehr der Retter sich auch bemüht: Dem Opfer ist nicht zu helfen, immer wieder versinkt es im Sumpf des bitteren Schicksals, des unfairen Lebens, der bösen Welt – da kann sich der Retter auch noch so bemühen.

Die Folge: Das Opfer fühlt sich vom strahlenden, edlen Retter im Stich gelassen und beschuldigt ihn fortan, sein Versprechen es zu retten, gebrochen zu haben. So wird aus dem Retter ein Täter. Und dieser Retter/Täter, in solch neurotischen Rollenspielen womöglich geübt, entfaltet ein neues, eigenes Dramadreieck, stilisiert nun seinerseits das Opfer zum Täter, das scheinbar böswillig die Großzügigkeit anderer ausnutzt – und macht sich so zu einem neuen Opfer.

Klingt kompliziert, denken Sie? Klingt nach Fiktion? Von wegen.

Ein Beispiel aus der Praxis

Neulich in einem großen metallverarbeitenden Betrieb. Bei einer Supervision im Rahmen eines  Führungskräftetraining arbeitete ich mit einigen Teilnehmern an folgendem Problem: Ein Mitarbeiter fällt seit langer Zeit immer wieder aus – Grund sind psychische Probleme. Er wird krankgeschrieben, kommt für einige Tage oder auch Wochen an seinen Arbeitsplatz zurück, beansprucht dabei sehr viel Aufmerksamkeit seiner Kollegen und seines Chefs – die ihm zumindest vom Chef auch geboten wird. Dieser müht sich redlich, gibt ihm einfachere Tätigkeiten, drückt mehrere Augen zu beim Zuspätkommen oder dem früheren Feierabend, sucht Fortbildungen und Anti-Stress-Seminare für ihn. Der Chef macht es zu seiner ganz persönlichen Angelegenheit, diesem Mitarbeiter zu helfen. Dabei schlüpfte er unmerklich in die Retter-Rolle: er geht weit über seine Grenzen und lässt klare Ansagen vermissen.

Doch alles nutzt nichts: Der Chef ist immer noch bemüht, doch ihm gehen die Ideen aus. Zudem revoltieren die Kollegen, die seit vielen Monaten bereits für den erkrankten Kollegen einspringen und Überstunden schieben müssen. Je weniger Angebote vom Chef kommen, desto schlechter fühlt sich der betroffene Mitarbeiter behandelt und macht schließlich seinen Chef Vorwürfe, ihn nicht genügend zu unterstützten. Deshalb schaltet er den Betriebsrat ein.

Dieser legt sich ebenfalls mächtig ins Zeug – doch kann auch er nichts für ihn tun. Denn egal, welches Angebot der Betriebsrat macht: für den Mitarbeiter ist es nicht das passende, nicht das richtige oder geht nicht weit genug. So wiederholt sich nach einigen Monaten das Spiel: Der Mitarbeiter beklagte sich bitterlich über den Betriebsrat weil dieser ihm nicht helfe.

Sehen wir nun das Drama-Dreieck als darunterlegende Folie, lässt sich diese Geschichte als filmreifer Plot auch so erzählen: Der Mitarbeiter schlüpft in die Opferrolle, der Chef in die des Retters. Der Retter geht, um dem Opfer zu helfen, weit über seine Grenzen. Doch dem Opfer kann nicht geholfen werden. Denn letztlich wäre Eigeninitiative und vor allem Eigenverantwortung gefragt. Stattdessen sucht das Opfer nach einem neuen Retter (Betriebsrat) und hängt dem ehemaligen Retter (Chef) den Mantel des Täters über.

Der Ausweg

Das Interaktion-Dreieck. Bild: Ralf Grabowski

Häufig ist es gar nicht so leicht, diese Struktur zu durchschauen. Denn Opfer sind gewiefte Manipulatoren, die viele Jahre (häufig fast ihr gesamtes Leben lang) Erfahrung in diesem Spiel haben. Wohlgemerkt: Weder Opfer, noch Retter oder Täter übernehmen diese Rollen bewusst. Es sind nicht-bewusste Strukturen, die zu diesem Dramadreieck führen.

Befinde ich mich in einer Situation, in der mir jemand in einer Opferrolle entgegentritt, hilft es mir, nicht in die Retter-Rolle zu verfallen, sondern mich lediglich als Unterstützer zu sehen. Denn als Retter mache ich alles fürs Opfer, als Unterstützer gehe ich jedoch nur bis zu meinen eigenen Grenzen. Bleibe ich in der Haltung des Unterstützers, sehe ich auch kein Opfer vor mir, sondern einen selbstverantwortlichen Menschen, der Bedürfnisse hat und diese nicht aus eigener Kraft befriedigen. Genau diese Haltung des Unterstützer ist es, die mich immun macht gegen Manipulationsversuche von Opfern.

Durch diese Haltung wird aus dem Dramadreieck ein Interaktionsdreieck: Aus dem Opfer wird ein Bedürftiger, aus dem Retter ein Unterstützer und aus dem Täter ein Konfrontierer, der das Opfer mit dessen Selbstverantwortung und mit den eigenen Grenzen konfrontiert.